Kriminalität in Flensburg : Rettung durch eine Unbekannte

Kein Entkommen: Das erste Opfer schleppte der Täter in den dunklen Fleno-Park, Opfer Nummer 2 bekam Hilfe von einer zweiten Frau.
Kein Entkommen: Das erste Opfer schleppte der Täter in den dunklen Fleno-Park, Opfer Nummer 2 bekam Hilfe von einer zweiten Frau.

Vergewaltigungsprozess gegen Ibrahim G.: Zweites Opfer entkam auch dank Hilfe einer weiteren Frau

shz.de von
05. Januar 2018, 08:40 Uhr

Es könnte reiner Zufall gewesen sein, der am 2. Juli, mitten in der Nacht am Deutschen Haus, Schlimmeres verhinderte. Um 3.30 Uhr griffen zwei Hände nach den Schultern einer 23 Jahre jungen Frau, die auf dem Heimweg von einer Party in Richtung Bahnhofs-Serpentine unterwegs war. Diese Hände, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt, gehörten zu Ibrahim G., der in dieser Nacht ein zweites Opfer binnen zwei Tagen vergewaltigen wollte.

Ibrahim G. kann sich nach wie vor nicht erinnern, sich an den beiden Flensburgerinnen vergangen zu haben. Besonders schlimm traf es das erste Opfer, das am 20. Juni nachts im Fleno-Park gegen heftigen Widerstand sexuell missbraucht wurde. Dass es 12 Tage später am Deutschen Haus nicht zum Äußersten kam, könnte damit zu tun haben, dass nicht nur das Opfer erheblichen Widerstand leistete, sonders weil eine zweite Frau hinzukam und half, Ibrahim G. in die Flucht zu treiben. „Hätte sie das nicht gemacht – keine Ahnung“, meinte eine gestern als Zeugin vernommene Kriminalbeamtin vielsagend.

Der Täter hatte sich jedenfalls optimal postiert. „Wenn da einer steht und wartet, den sieht man nicht“, sagte die Polizistin. Sie hatte es selbst erst nicht glauben können, dass an einer belebten gut ausgeleuchteten Hauptstraße eine Vergewaltigung unbemerkt bleiben kann – aber am Tatort mussten die Ermittler feststellen: das geht!

Diese nächtliche Helferin blieb bis heute eine Unbekannte. Die junge Frau – so die Beweisaufnahme gestern – setzte sich nach dem Geschehen noch zum Opfer auf die Treppe am Deutschen Haus, wurde dort wohl auch Zeugin, als der Täter nochmals erschien, vor seinem Opfer stehen blieb, es angrinste und sich dann entfernte. Natürlich wäre sie für die Beweisführung eine immens wichtige Zeugin, aber sie setzte sich in ein Taxi und verschwand auf Nimmerwiedersehen in der Nacht.

Ibrahim G. will damit nichts zu tun haben. Er erinnert sich nicht. Dafür machte er zum Prozessauftakt seinen damals üppigen Wodka-Konsum verantwortlich und auch Bombensplitter in seinem Kopf, Spuren eines traumatischen Erlebnisses, bei dem er als Einziger überlebte. Tatsächlich wurde Ibrahim G. nach seiner erfolgreichen Flucht in Kiel behandelt – ein Knie war verletzt, auch die Augen. Der Gerichtssachverständige Hans-Jürgen Kaatsch fand in den Behandlungsakten jedoch keinen Hinweis auf eine Kopfverletzung. Lediglich die Netzhaut sei geschädigt worden, dort seien winzige Splitter entfernt worden.

Die Polizeiarbeit an diesem zweiten Tatort führte sehr schnell zur Aufklärung beider Verbrechen. Im Gebüsch fand die Polizei nämlich ein Samsung-Handy – mit arabischen Schriftzeichen auf dem Display und einem leergelaufenen Akku. Die Sim-Karte von Aldi-Talk führte zunächst nur zu einer offensichtlich nicht existenten gefälschten Person, aber dank der Telefonnummer kamen die Ermittler Ibrahim G. doch noch auf die Spur. Im Einwanderungsbüro war sie auf den Namen Ibrahim G. als Kontaktnummer mit der Wohnadresse Dammhof 7 hinterlegt worden. Am 4. Juli wurde G. in seinem Sprachkursus festgenommen.

Es gibt noch mehr Beweise, mit denen die Staatsanwaltschaft die Tat erfolgreich nachzuweisen glaubt. Bei beiden Opfern wurden genetische Fingerabdrücke gesichert – unter den Fingernägeln, aber auch an einer Bierflasche, die der Täter bei sich hatte, ehe er sich im Fleno-Park an seinem 27-Jährigen Opfer vom 20. Juni verging. Freunde der jungen Frau hatten das Verbrechen über eine bestehende Handy-Verbindung mitverfolgt und waren zum Tatort geeilt. Dort konnten sie die Polizei auf diese wichtige Spur aufmerksam machen. Der Prozess wird am Dienstag, 9. Januar, 9.15 Uhr, fortgesetzt.

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