Alte Software : Retter auf dem Weg nach Irgendwo

Jede Sekunde zählt: Doch der Rettungsdienst in der nördlichen Region ist mit völlig veraltetem Kartenmaterial manchmal im Blindflug unterwegs.
Jede Sekunde zählt: Doch der Rettungsdienst in der nördlichen Region ist mit völlig veraltetem Kartenmaterial manchmal im Blindflug unterwegs.

Veraltetes digitales Kartenmaterial stellt die Einsatzleitstelle in Harrislee täglich vor neue Herausforderungen. Eine Abhilfe ist nicht in Sicht.

shz.de von
30. Januar 2015, 18:54 Uhr

Flensburg | Es war ein Notruf zum Thema Notruf. Karsten Sörensen, bürgerschaftliches Mitglied der CDU-Ratsfraktion in Flensburg, warf auf der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Bürgerservice, Schutz und Ordnung ein brisantes Problem auf. Die Leitstelle Nord in Harrislee, verantwortlich für alle Rettungseinsätze in den Kreisen Schleswig-Flensburg, Nordfriesland und in der Stadt Flensburg, koordiniert diese lebenswichtigen Dienstfahrten mit einer völlig überholten Navigationssoftware. Sörensens Anfrage zu diesem Thema konnte Carsten Herzog, Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr nur bestätigen. „Das ist ständiges Thema im Leitstellen-Zweckverband. Leider.“

Der seit 2009 vom Harrisleer Oxer aus geleitete Rettungsdienst im nördlichen Landesteil hat eine hochmoderne und eine längst überholte Komponente. „Unsere Fahrzeuge sind mit aktueller Technik ausgerüstet“, sagt Sacha Münster, Sprecher und stellvertretender Chef der Leitstelle. Auf das Herzstück des Systems, den Leitstand trifft das aber nicht zu.

Bis heute ist es nicht gelungen, den Rechner der Leitstelle mit aktuellen Daten über das Straßen- und Siedlungsnetz zu füttern. Von den schon vor Jahren versprochenen vierteljährlichen Updates ist bis heute in Harrislee nicht eines angekommen.

Das kann gefährlich werden. Wenn ein Notruf eingeht, muss der Disponent in der Leitstelle über den Einsatz des schnellsten Rettungsmittels entscheiden. „Eigentlich sollte das GPS-geführte System dann die Entfernung in Frage kommender Fahrzeuge zum Einsatzort messen, für die tatsächliche Fahrstrecke die Zeit ermitteln und das Rettungsfahrzeug wie auf einem Leitstrahl zum Ziel führen.“

Aber regelmäßig, so Münster, wird die Effektivität des Einsatzes verwässert, weil der elektronische Kollege nicht auf dem neuesten Stand ist. Da der Rechner neue beziehungsweise zwischenzeitlich überholte Verbindungen gar nicht kennt, kommt es regelmäßig zu Irrtümern. Und die Lage wird nicht einfacher, wenn der Notruf aus einem der seit 2011 entstandenen Neubaugebiete kommt. Die kennt der Rechner nämlich gar nicht.

Manchmal kommt es auch vor, dass auf den Einsatzfahrzeugen ortsfremde Crews unterwegs sind. Oder ortsunkundige Disponenten am Rechnerplatz. Dann muss das Internet helfen. Wir haben neben jedem Disponentenplatz auf einem Extra-Computer Google-Maps laufen, sagt Münster. Aber das sei eben weit von dem entfernt, was man sich unter einer modernen Leitstelle vorgestellt habe.

„Es ist ein tägliches Problem im Einsatz, dass Kollegen bestimmte Straßen einfach nicht finden“, so Münster. Gelegentlich müssten die sogar Passanten nach dem kürzesten Weg fragen. „Wäre doch schön, wir würden einfach nur das Datenpaket losschicken und der Einsatz wird automatisiert, sicher und schnellstmöglich zum Ziel gelenkt.“ Momentan werde viel Personalzeit für Dinge aufgewendet, die eigentlich der Rechner machen sollte. „Das kann bei viel Aufkommen auch mal eng werden.“

Die Leidtragenden waren bisher nur die stärker als nötig beanspruchten Beamten. „Für den Bürger besteht keine Gefahr“, sagt Münster. „Wenn der noch mit der Leitstelle den Alarm abstimmt, haben wir schon ein Fahrzeug auf den Weg gebracht. Das Kieler Landespolizeiamt, zuständig für die Software-Entwicklung, war erst spät am Nachmittag erreichbar und konnte kurzfristig nicht Stellung nehmen.

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