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Theater mal anders : Reittherapie wird zur Western-Show

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„High Noon in Freewill County“ heißt das Inklusionstheater-Projekt, das beim großen internationalen Reitturnier in Neumünster aufgeführt wird

shz.de von
erstellt am 06.Feb.2014 | 11:07 Uhr

Miss Kitty (Petra Behrens) und Mister White (Eckhard Eichler) schleppen sich durch die Prärie bei vermutlich drückenden Temperaturen und zur Neige gehenden Wasservorräten. Sie kommen nur langsam voran – kein Wunder, der Sack voller Goldstücke, den der Bankier hinter sich her zieht, ist schwer. Ihnen zu Pferde – auf einem Norweger namens Maika“ – dicht auf den Fersen ist der Cowboy Selter (Andre Christophersen), der das Pärchen auf der Flucht schließlich stellt und mit vorgehaltener Waffe zur Herausgabe des Diebesguts zwingt. Die Verwirrung jedoch wächst, als berittene und bewaffnete Bürger von „Freewill County“ den Cowboy Selter mit der Beute sehen, und sie wähnen in ihm den Räuber. Das macht sich das diebische Duo zunutze und schleicht sich aus dem Fokus. Eine Kutsche hält, gabelt Miss Kitty und Mister White auf und rast davon. Eine rasante Verfolgungsjagd beginnt.

Sechs Probe-Termine für den sechseinhalbminütigen Showdown müssen genügen, um den „Mini-Western“ für ein starkes Publikum vorzubereiten: am 13. Februar beim traditionellen, internationalen Reitturnier „VR Classics“ in den Holstenhallen in Neumünster.

Mit der Teilnahme am Schau-Wettbewerb setzen der Reitverein PSG Land Flensburg und die Landes-Arbeitsgemeinschaft Spiel in Schleswig-Holstein (LAG Spiel) ein reittherapeutisches Theater- und Inklusionsprojekt fort, das Anfang Oktober anlässlich der Einweihung der neuen Reithalle in Freienwill bei Flensburg begonnen habe, berichtet Beate Blunck. Die Sozialpädagogin und Reitpädagogin mit eigenem Reitbetrieb auf der Reitanlage ihrer Schwester Gisela Blunck-Erichsen erzählt, dass ihr für das Schau-Reiten zur Eröffnung der neuen Halle „etwas Theatermäßiges“ vorschwebte. Der Zufall half, indem er Beate Blunck auf den Schauspieler und Theaterpädagogen Folke Witten-Nierade, den Vater einer Reitschülerin, stieß. Dieser wiederum, so sagt der Regisseur des Stückes „High Noon in Freewill County“ selbst, wollte ohnehin einen Western inszenieren – ebenso wie Beate Blunck. „Das macht Spaß zu proben“, freut sich Witten-Nierade und hat Feuer gefangen. „Theater draußen zu machen, reizt mich sehr“, erklärt er und denkt schon über ein weiteres Stück nach, das tatsächlich in der freien Wildbahn spielen soll, in einem Naturreservat „am Fluss mit Lagerfeuer“.

Ein lockerer Sattel beendet den Durchlauf der Szene vorzeitig. Helfer eilen zu Cowboy Selter, helfen ihm vorsichtig aus dem Sattel und befestigen diesen neu. Die zehn Darsteller – Bewohner und Beschäftigte des Holländerhofes, der Mürwiker Werkstätten und Reitschüler des Blunckschen Reitbetriebes – auf ihren Norwegern, Haflingern, Kaltblut-Mix und Welsh-Cob traben zurück auf Anfang. „Du musst dich umsehen“, ruft Folke Witten-Nierade Mister White zu, „deine Frau ist gar nicht mitgekommen.“ Dieses Mal gelingt die Szene.

Mit dem Inklusionstheater wollen die Initiatoren einen „Beitrag leisten, um Vorurteile und Berührungsängste abzubauen und neue Begegnungen stattfinden zu lassen“, erläutert Beate Blunck im Konzept für die große Schau in Neumünster. Eine Kommission habe sich vor Ort umgeschaut und das Stück zugelassen. Seit 1993 gebe es schon eine solche feste Reitgruppe in ihrem Betrieb, sagt sie, während ihr ein falscher Bart für den Mini-Western angeklebt wird. Der Reitbetrieb solle Menschen ermöglichen, das Reiten und den Umgang mit Pferden zu erlernen, „die hierfür einen anderen Weg des Lernens benötigen“, definiert sie im Konzept den Ansatz des heilpädagogischen Reitens.

Ein Zuschauer-Pärchen aus der Nachbarschaft beobachtet die Probe. Der ältere Herr schlägt als „akustische Requisiten“ Pistolenschüsse vor. Vor der großen Aufführung ist am 10. Februar die öffentliche Generalprobe.

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