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Reise von der Spätgotik bis zum Expressionismus

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Siedlungen mit der St.-Marien-Kirche am Nordermarkt und der St.-Nikolai-Kirche am Südermarkt bestimmten die Entwicklung Flensburgs.

Flensburg | Im Juni erschien ein neuer, kompakter Architekturführer für die Stadt Flensburg, der auf 170 Seiten einen Überblick vermittelt, was die Stadt an herausragenden Bauwerken und Kulturdenkmälern vorweisen kann. Die beiden Autoren Henrik Gram und Eiko Wenzel haben mit den Augen von Architekten und Denkmalpflegern die Objekte ausgewählt und beschrieben, die nach ihrer Meinung die Baukultur in der Fördestadt prägen. Eiko Wenzel gibt in einer zehnteiligen Serie im Flensburger Tageblatt einen Überblick über den Inhalt dieses neuen Buches.

Zwei Neugründungen auf dem Westufer des inneren Fördewinkels bestimmten im Mittelalter die Entwicklung Flensburgs: Die Siedlung mit der St.-Marien-Kirche am Nordermarkt sowie die mit der St.-Nikolai-Kirche am Südermarkt. Der jüngere Südermarkt, an dem sich Ost-West- und Nord-Süd-Handelswege kreuzen, hat bereits früh den Nordermarkt an Bedeutung übertroffen. In der heutigen Form wurde er um 1300, in zeitlichem Zusammenhang mit dem Bau der ersten Nikolaikirche, angelegt und hatte wie die Marktplätze vieler Gründungsstädte im Ostseeraum eine quadratische Grundform.

Durch den 1898-99 erfolgten Abbruch des Balleschen Hauses und der Kattsund-Häuser, die den Südermarkt und den Holm vom bis 1813 als Begräbnisplatz genutzten Nikolaikirchhof abgetrennt hatten, ging diese Grundform verloren.

Der deutlich größer gewordene Platz wurde seitdem mit „großstädtischer“ Bebauung umgeben, die neuen Häuser wurden erheblich höher. Ein zweiter Einschnitt war der 1927 erfolgte Straßendurchbruch an der Südseite. Mit der heutigen Dr.-Todsen-Straße wurde eine direkte Verbindung vom neuen Reichsbahnhof zur „guten Stube“, dem Südermarkt, geschaffen. Dadurch ging die Geschlossenheit der Südseite des Platzes verloren.

Trotz aller Veränderungen ist der Südermarkt heute noch immer der Platz, an dem sich die Architekturentwicklung Flensburgs vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert an bedeutenden Kulturdenkmalen ablesen lässt. Das älteste bekannte Bürgerhaus nicht nur am Südermarkt, sondern in der ganzen Stadt, ist das Haus der Nikolai-Apotheke, Südermarkt 12. Vor wenigen Jahren wurde noch vermutet, dass es möglicherweise der einzige Bau am Platz ist, der aus der Zeit vor dem großen Stadtbrand von 1485 bis heute überdauert hat. Als das Haus 1998 gründlich Instand gesetzt werden konnte, lieferte die baugeschichtliche Untersuchung das Baudatum „um 1490“. Der Ochsenhändler Jens Lorup hat das Haus also kurz nach dem Brand wiederaufgebaut und orientierte sich dabei am Typus des Lübecker Dielenhaus. Auch an der Südseite des Platzes standen ähnliche Häuser mit spätgotischen Staffelgiebeln. Erst 1962, aus heutiger Sicht ein unfassbares Vorgehen, wurde ein fast baugleiches spätgotisches Haus an der Südseite des Platzes (Nr. 9) abgebrochen.

Gäbe es ein Bausündenregister, hätte der Südermarkt gleich nebenan weitere Punkte gesammelt. 1970 wurde für das neue Gewerkschaftshaus, das Bürgerhaus Nr. 11, Ecke zur Roten Straße, abgebrochen. Immerhin blieb der Giebel erhalten. Es ist der letzte Renaissancegiebel in Flensburg, der die Weiterentwicklung der bürgerlichen Baukunst im für die Seehandelsstadt Flensburg so erfolgreichen späten 16. Jahrhundert aufzeigt.

Das 18. Jahrhundert ist am Südermarkt mit dem Rokoko-Diakonat von St. Nikolai, seit 1829 Hauptpastorat, vertreten (1743). Zeittypisch ist der Wechsel vom Giebel- zum Traufenhaus. Das frühe 19. Jahrhundert mit dem dänischen Klassizismus zeigt sich im Haus Angelburger Straße 2, Ecke zur Dr.-Todsen-Straße. Der Gewürzhändler und Reeder Chr. Jensen baute es 1804 nach einem Entwurf des Architekten Axel Bundsen, der auch die Kapelle auf dem Alten Friedhof plante.

In der preußischen Zeit nach 1864 hielt die historistische und neugotische Architektur Einzug am Südermarkt. Beispiel ist das qualitätsvolle neugotische „Kompostarat“ (Nr. 16), das zeitgleich zu den Abbrüchen an der Nordseite des Platzes errichtet wurde.

An der Südseite des Platzes stehen zwei große Neubauten der 1920er Jahre, die herausragende Zeugnisse des expressionistischen Stils sind: Nr. 8, 1925-27 von Architekt Guido Widmann errichtet, und Nr. 7, als Eckhaus zur neuen Straße zum Bahnhof von Magistratsbaurat Paul Ziegler und Stadtarchitekt Theodor Rieve 1928 erbaut.

Der Südermarkt ist in den letzten Jahren von der Gastronomie entdeckt worden und hat dadurch an Aufenthaltsqualität gewonnen. Flensburgs bedeutender Platz hat es verdient, dass er weiter aufgewertet wird und städtebauliche Mängel (z.B. Toilettengebäude) behoben werden.

Henrik Gram/Eiko Wenzel, Zeitzeichen. Architektur in Flensburg, hrsg. von der Architekten- und Ingenieurkammer Schleswig-Holstein, dem Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein, der Stadt Flensburg und dem Verein Flensburger Baukultur e.V., erschienen im Verlagshaus Leupelt, Handewitt, 2015, ISBN 978-3-943582-11-6, 14,80 Euro.

 

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