Reine Leidenschaft

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shz.de von
24. August 2018, 12:25 Uhr

Eigentlich sollten hier hölzerne Hochhausspiralen in den Himmel wachsen, aber auch dieses Projekt ist sehr charmant. Als neulich im Planungsausschuss die Pläne für ein Sporthotel an der Eckenerstraße vorgestellt wurden, hatte Jan Sönnichsen als Projektplaner eigentlich schon alles gesagt. SG Flensburg-Handewitt, Leistungssport trifft Wellness, Leistungssport influenct Breitensport, Skandinavien, Fördeblick, Physio, Lifestyle und so.

Keine Bange, alles schick, das ist das 21. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert haben sich Athleten noch in Zweibettzimmern mit Linoleum-Belag auf schmalen, harten Liegen beim Schnarchen zugehört, und die Adiletten unterm Lattenrost muchelten still und leise vor sich hin. Also: Nichts gegen Komfort! Es tut Sportlern nicht gut, wenn sie auch während der Nachtruhe noch Höchstleistungen abrufen müssen. Deshalb ist ein Sporthotel mit echten Regenerationsvorrichtungen eine wirklich gute Sache. Damit hätte man zur Tagesordnung übergehen können, die so lang war, dass sie während der Sitzung noch dauernd geschrumpft werden musste, um sie in ein Format zu bekommen, das es dem Vorsitzenden ermöglichte, noch halbwegs pünktlich zu einer Kulturveranstaltung zu kommen, aber das ging nicht. Nicht gleich. In einem Tagesordnungsunterpunkt hatte sich nämlich noch der Hotelfachmann der Landestochter Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein (WTSH) versteckt, der so enthusiasmiert auf der Bühne des Paul-Ziegler-Zimmers erschien wie ein Chefpropagandist für Magnetfeldbetten auf einer Werbeverkaufsfahrt in der Lüneburger Heide. Qualität, Wachstumsbranche, Innovation, Milliardenmarkt, Arbeitsplätze, super Idee, wirklich super. Machen Sie das! Aha.

Wer will da noch an Details herummäkeln, wo doch die Landeshauptstadt selbst ein selbstredendes Empfehlungsschreiben an die Flensburger Förde entsandt hatte. Sogar die Bedenken der Bedenkenträger wirkten blass wie Grottenmolche nach diesem Auftritt, das Sporthotel, da muss man kein Prophet sein, wird kommen. Und das wäre dem Projekt auch sehr zu wünschen, denn eine andere Empfehlung der WTSH, die auch groß gestartet und auch sonnig empfohlen worden war, kann man jetzt als „Piratennest“ bei einem kühlen Flens an der Harniskaispitze besichtigen. Ein nett improvisierter, ein entspannter Ort, den die WTSH als Hafen futuristischer Fluggeräte, ach was, einer technischen Weltrevolution apostrophiert hatte, die – die Älteren unter uns erinnern sich – nicht zustande kam und schließlich von zwei Polizeihundertschaften platt gemacht werden musste, damit wenigstens ein Piratennest gebaut werden konnte.

Wir drücken die Daumen, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Und tatsächlich spricht vieles dafür. Hinter dem Projekt stehen Flensburger Investoren und keine Briefkastenfirma in Bristol, das kann schon den Unterschied machen. Um auf der sicheren Seite zu bleiben, sollte Flensburg aber für die Teilnahme an Werbeverkaufsveranstaltungen der WTSH künftig Eintritt verlangen. Die sind ihr Geld wirklich wert. Auf Wiedersehen also!

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