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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Recherchen in der Zeitkapsel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Buch zur Zeitungsserie 150 Jahre Tageblatt ist da. Die Präsentation fand im Medienhaus mit Stadtarchivar Broder Schwensen statt.

shz.de von
erstellt am 06.Mär.2016 | 09:30 Uhr

Flensburg | Es kommt nicht oft vor, dass gemeinhin kurzlebige Tageszeitungsware den Ritterschlag des Historikers erhält, aber der Donnerstagabend im Medienhaus war so ein Moment. Anlässlich der öffentlichen Vorstellung des Buches „Flensburger Tageblatt: 150 Jahre Stadtgeschichte aus Zeitungsperspektive“ sagte Broder Schwensen, Stadtarchivar und Geschäftsführer der Gesellschaft für Stadtgeschichte, aus vollem Herzen „Dankeschön“ für ein Projekt der Tageszeitung. Ein Team von 25 Journalisten hatte im vergangenen Jahr eine Chronologie aus 150 Jahren Flensburger Tageblatt recherchiert und niedergeschrieben. Aus der viel beachteten Zeitungsserie wurde das am Donnerstag vorgestellte Buch.

Er sei skeptisch gewesen, habe aber aus gutem Grund den Mund gehalten, als die Stadtredaktion 2014 mit dem Projekt an das Stadtarchiv herangetreten sei, sagte Schwensen. Aus Anlass des 150-jährigen Bestehens der Flensburger Tageszeitung sollte beginnend mit dem Gründungsjahr 1865 jedes folgende Jahr Schwerpunktthema einer Zeitungsseite werden. „Ich gestehe, in aller Stille habe ich mir damals gedacht: Das ist sehr ambitioniert“, so Schwensen. Und warum? „Gerade die vergangenen 150 Jahre mit ihren radikalen Umwälzungen im politischen, technischen und sozialen Bereich haben es in sich“, sagt der Historiker. Und vertieft das mit ein paar Zahlen. Im Gründungsjahr der Zeitung lebten in Flensburg gerade mal 20  000 Menschen in zwei Minderheiten, die sich kurz nach den deutsch-dänischen Kriegen in herzlicher Feindschaft zugetan waren. Heute besteht die Stadtbevölkerung aus mehr als 90  000 Menschen aus 130 Nationen, die friedlich zusammen leben. Dazwischen Zeiten der traumatisierenden Weltkriege, des Rassenhasses, der Hetze, des Völkermords, des Flüchtlingselends ebenso wie Zeiten des Aufbaus und des Fortschritts. Eine Epoche, die wie keine zuvor bestimmt gewesen sei durch technischen Wandel. Die erste Rotationsdruckmaschine des Verlages sei dampfgetrieben gewesen. Die Nachrichtenwege: per Schiff und per Post. Später per Bahn und per Telegraf. Erst 1925 verlor die Zeitung ihr Nachrichtenmonopol, musste sich das Feld mit dem Rundfunk teilen und in den Jahrzehnten bis heute immer flexibler auf die immer schneller werdende Übermittlung von immer mehr gleichzeitig verfügbaren Nachrichten reagieren. Das Einmalige des Projektes bestehe darin, die Wirkung der politischen, technischen und sozialen Entwicklung mit der Stadt als Resonanzraum über 150 Jahre betont zu haben.

Vielleicht war die ungebrochene Veröffentlichungskette von wöchentlich drei Sonderseiten und am Ende die Edition eines Buches das, was sich der Stadthistoriker insgeheim erträumt hatte, als Stephan Richter, damals Sprecher der sh:z-Chefredakteure, und Carlo Jolly als Leiter der federführenden Stadtredaktion mit der Idee an ihn herantraten. Sicher war der Erfolg für Brodersen nicht. „Ich vermute, dass manchem die Dimension damals nicht völlig klar war. Schön! Denn sonst wäre dieses Projekt wie so viele in der großen Bedenkengrube versenkt worden.“ Genau daher habe er den Mund gehalten, damals, und lieber bei der Umsetzung geholfen.

Für die Autoren war diese Reise in die Vergangenheit zwiespältig. Die Zeitreisen faszinierten. Aber die Arbeit einer tagesaktuell arbeitenden Lokalredaktion musste nebenher auch noch gestemmt werden. Gerhard Nowc bekannte in der Diskussion mit den Lesern später sogar, dass er in der Zeitungs-Zeitkapsel bisweilen die schönsten Stunden des Arbeitstages fand, Joachim Pohl schwärmte von Entdeckungsreisen durch ein Flensburg, das es heute nicht mehr gibt. Alle Autoren lobten die Schatztruhen, die ihre Arbeit erst ermöglicht gemacht hatten. Broder Schwensens Stadtarchiv, die illustrierten Beilagen des Ullsteinverlages in den frühen Ausgaben der Flensburger Nachrichten, rund 150  000 Schwarzweiß-Negative des von 1949 bis in die 80-er Jahre für die Zeitung tätigen Fotografen Armin Scheich, das von Gerhard Nowc über Jahrzehnte geführte Archiv der Stadtredaktion, private Schatzkisten wie die der Stadtführerin Gisela Mikolajewicz, Erinnerungen und Hinweise von vielen Zeitzeugen und Menschen, die ihr Wissen aus erster und zweiter Hand mit den Autoren teilten. Stadthistoriker Schwensen jedenfalls war am Ende hochzufrieden. „Eine Arbeit mit Standzeit und Wirkung, die auf viele Jahre eine Bereicherung für die Stadtgeschichte sein wird.“

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