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Flensburger Tageblatt

15. Dezember 2017 | 08:12 Uhr

1. Mai : „Raus aus dem Niedriglohn-Keller“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

250 Besucher waren bei der Kundgebung zum 1. Mai auf dem Südermarkt – Motto: „Gute Arbeit. Soziales Europa.“

shz.de von
erstellt am 02.Mai.2014 | 08:35 Uhr

Die traditionelle Kundgebung zum 1. Mai wird gern als Plattform für eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit genutzt. Und so fanden sich gestern auf dem Südermarkt nicht nur die Stände von DGB und weiteren Gewerkschaften, sondern ebenso die von SPD, SSW, WiF, Grünen und Linken – und auch Amnesty International oder die IG Ostufer warben für ihre Anliegen.

Live-Musik des Gitarristen und Sängers Mick Finnegan, Kaffee und Kuchen, Bier und Grillwurst sowie eine rege genutzte Hüpfburg verliehen der Veranstaltung bei bestem Wetter den Charakter eines Volks- oder zumindest Bürgerfestes mit Smalltalk und Frühschoppen.

Gleichwohl kam das Politische nicht zu kurz. Der DGB hatte die diesjährige Kundgebung unter das Motto „Gute Arbeit. Soziales Europa“ gestellt. Im Fokus standen also Themen wie die Durchsetzung von Rechten der arbeitenden Bevölkerung (gegen Niedriglohn und prekäre Arbeitsplätze) und eine Neuausrichtung der Europa-Politik.

Gabi Schwohn warf der Arbeitgeberseite vor, die soziale Sicherheit Stück für Stück auszuhöhlen. Sie prangerte Leiharbeit und Zeitverträge an. Die Stammbelegschaft in Unternehmen rückte immer mehr in die Minderheit – sogar im Öffentlichen Dienst werde zunehmend ausgelagert. „Die Schraube ist längst überdreht“, rief sie unter dem Beifall der etwa 250 Besucher aus. „Die Unternehmer kochen uns nicht mehr weich, wir werden uns wehren!“ Die Vorsitzende des DGB-Stadtverbandes Flensburg nahm insbesondere den Niedriglohnsektor ins Visier. 4,50 Euro Stundenlohn für einen in Harrislee tätigen Fabrikarbeiter aus Osteuropa, drei Euro für Praktikanten. „Das ist ein Schlag ins Gesicht. Wir brauchen tariflich abgesicherte Löhne, alles andere ist Bockmist“, sagte sie in aller Deutlichkeit.

Uwe Polkaehn, Vorsitzender des DGB-BezirksNord, nahm den Faden auf. „Ab 2015 wird unter 8,50 Euro nicht mehr gearbeitet – und die arbeitenden Menschen bekommen ihre Würde zurück“, sagte er. Ein Verdienst der Gewerkschaften. 290 000 Arbeiter in Schleswig-Holstein würden vom Mindestlohn profitieren, 2000 Euro jährlich hätten sie dann mehr im Portemonnaie. „Gute Arbeit, die wir gemeinsam geleistet haben“, befand der Vorsitzende. Ohnehin müsse endlich Schluss sein mit „heuern und feuern“. Polkaehn forderte unbefristete Anstellungen, gerade für junge Leute.

Er appellierte an die Arbeitgeber: „Raus aus dem Niedriglohnkeller. Macht die Marktwirtschaft wieder sozial!“ Lohndrückerfirmen dürften hier keine Aufträge mehr erhalten. „Und wenn sie nicht hören, müssen sie fühlen.“

Heiner Dunckel war es schließlich, der versuchte zu definieren, was denn eigentlich gute, menschenwürdige Arbeit sei. Sie verleihe einen sozialen Status und Identität. Der Arbeits- und Organisationspsychologe an der Flensburger Uni verdeutlichte dies aus der Perspektive eines Arbeitslosen: „Wenig Geld, ausgeschlossen, das Leben verliert seinen Sinn.“ Er halte aus der Sicht eines Wissenschaftlers die Forderungen des DGB nach besseren und humaneren Arbeitsbedingungen für berechtigt; die psychische Belastung am Arbeitsplatz nehme dramatisch zu. Und beim Mindestlohn gebe es durchaus noch Luft nach oben. „Da ist deutlich mehr drin in unserer Gesellschaft.“ Applaus!

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