Flensburg : Putzen 2009 - für zwei Euro Stundenlohn

Putzjobs sind hart - und  am Ende oft schlecht bezahlt. Foto: dpa
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Putzjobs sind hart - und am Ende oft schlecht bezahlt. Foto: dpa

Schmutzige Geschäfte mit der Sauberkeit - das wirft eine junge Flensburgerin einer in Magdeburg ansässigen Firma vor. Von den acht Euro des Bruttolohns blieben ihr unterm Strich nicht einmal zwei Euro.

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23. August 2009, 04:19 Uhr

Flensburg | Putzen, fegen, wischen, Betten beziehen, Gläser polieren - arbeiten im Akkord. Und all das für einen Hungerlohn. Die Geschichte, die Monique Christiansen (21) erzählt, klingt so sehr nach moderner Sklaverei, dass man sie am liebsten nicht glauben möchte.
Da die junge Frau ab September die Abendrealschule besuchen wird, hielt sie vor zwei Monaten Ausschau nach einem Job, um sich ein finanzielles Polster zu schaffen. Sie meldete sich beim Hotel Tulip Inn an den Norderhofenden. Ob man, fragte sie, wohl noch ein Zimmermädchen einstellen könne? Sie wurde an eine Firma verwiesen, nach eigener Aussage ein seit April dieses Jahres beauftragter Dienstleister für die Zimmerreinigung des Flensburger Hotels.
"Mir blieben nach 25 Stunden 37 Euro"
Damit geriet sie an die B.O.S.S. Sicherheitsdienst und Service GmbH mit Sitz in Magdeburg. Die deckt laut Homepage nicht nur das komplette Spektrum der Sicherheitsdienstleistungen ab, sondern ist auch im Küchenmanagement tätig und bietet letztlich ein "umfangreiches und qualifiziertes Portfolio " in puncto Reinigung.
Die Firma bot noch mehr: nämlich 8,15 Euro pro Stunde, was dem gesetzlichen Mindestlohn und den Tarifvereinbarungen entspricht. Das Angebot ist okay, dachte sich Monique. "Morgens putzen, abends Schule - das passt."
Vier bis sechs Stunden täglich waren für die Teilzeitbeschäftigung avisiert worden. Doch eine Vertragsklausel hatte sie unterschätzt. 3,5 Zimmer pro Stunde seien zu reinigen, und zwar gründlich. "Unmöglich zu schaffen", befand die Flensburgerin nach ihrem ersten Arbeitstag. Und nach fünf Tagen hatte sie die Nase voll. Um ihr Pensum zu schaffen, rechnete sie nach, schuftete sie täglich vier Stunden umsonst. Eine spätere Abrechnung bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen: "Mir blieben nach etwa 25 Stunden exakt 37 Euro netto." Kaum eines der Zimmermädchen, versichert sie, käme im Endeffekt auf den vereinbarten Stundenlohn. "Aber keiner muckt auf, weil alle auf den Job angewiesen sind. "
"Mit den Angestellten haben wir ein Bombenverhältnis"
Um eine dreimonatige Sperre bei der Arge zu vermeiden, bat sie um ihre Kündigung. Die aber wurde ihr verweigert. Sie möge bitte wieder zur Arbeit erscheinen. Nach zwei Gesprächen mit B.O.S.S.-Bereichsleiter Silvio Nagel bot man ihr einen Aufhebungsvertrag an. Den müsse sie allerdings selbst verfassen. Dann eine Drohung: Die Telefonate, hieß es, seien mitgeschnitten worden. Man könne sie ja mal dem Arbeitsamt vorspielen. "Da", sagt Monique, "habe ich richtig Angst gekriegt."
Erst als sie ankündigte, an die Öffentlichkeit zu gehen, kam die ersehnte Kündigung. Das war Anfang dieses Monats.
Sind 3,5 Zimmer in einer Stunde zu schaffen? "Das ist Standard und eine realistische Vorgabe", sagt Cornelia Spiller, Direktorin des Tulip Inn. Die Zusammenarbeit mit der Firma B.O.S.S. sei im Übrigen unproblematisch. Auch Silvio Nagel sieht überhaupt keine Probleme. "Was ich selber nicht schaffen würde, würde ich auch keinem anderen zumuten." Die Erfahrung habe gezeigt, dass man Stundenlöhne an Leistung koppeln müsse. Das scheint niemand übel zu nehmen. "Mit den Angestellten haben wir ein Bombenverhältnis." Natürlich, räumt er ein, gebe es den einen oder anderen Fall... und Monique sei eben ein "schwieriger Charakter".
Wurden Telefonate aufgezeichnet?
Herbert Larsen von der Arge weist darauf hin, dass eine Kündigung nicht zwangsläufig eine Sperre nach sich zieht. "Es müssen allerdings gewichtige Gründe vorliegen." Das könnten Krankheiten des Arbeitnehmers genauso sein wie Rechtsverstöße des Arbeitgebers. "Dann kommt es nicht zu Sanktionen." Falls man seinen Job aufgeben wolle, solle man sich, so Larsen, unbedingt vorher beraten lassen.
Bleibt die Frage nach der Aufzeichnung der Telefonate. Das, erklärt Nagel, entziehe sich seiner Kenntnis. Dann fällt ihm ein: "Wir haben ja nicht mal eine solche Vorrichtung am Telefon."

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