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150 Jahre Tageblatt : Prozess um das schwimmende Grab

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

23. Oktober 1946: Britische Militärrichter verhängen im Stutthof-Prozess im Deutschen Haus drei Todesurteile.

Am 15. Juni 1865 erschien die erste Ausgabe der Flensburger Nachrichten. Als Nachfolgezeitung begeht das Tageblatt den runden Geburtstag mit einer historischen Serie – und einer Story aus jedem Jahr. Dabei gibt es in manchem Jahr mehr als eine denkwürdige Geschichte. Deshalb erinnert unser Autor Bernd Philipsen an dieser Stelle an den Militärprozess 1946 – quasi als Zugabe zur PH-Gründung aus der Sonnabend-Ausgabe.

 

Das „Todesschiff“ – so nannten Prozessberichterstatter den Schleppkahn „Ruth“, mit dem zum Kriegsende 1945 Häftlinge des bei Danzig gelegenen Konzentrationslagers Stutthof über die Ostsee nach Flensburg gebracht worden waren. Es war ein Schiffstransport des Schreckens und Leidens, eine Reise ins Ungewisse, auf der gequält und gemordet wurde. Die für die unmenschlichen Gewaltexzesse verantwortlichen SS-Begleitmänner und Kapos standen 1946 im Deutschen Haus in einem britischen Militärprozess vor Gericht.

Das 1939 von den Nationalsozialisten eingerichtete Konzentrationslager Stutthof unterstand der SS, die im Sommer 1944 als Tötungsinstrument eine Gaskammer in Betrieb nahm. In der Zeit bis zu seiner Auflösung im April wurden in dem Lager etwa 120  000 Menschen inhaftiert; von ihnen starben mindestens 60  000 durch Krankheit, Hunger, Entkräftung oder Mord. Manche Quellen sprechen von 85  000 Opfern. Als die Ostfront immer näher rückte, schickte die SS etwa 10  000 Häftlinge in mehreren Kolonnen auf Todesmärsche gen Westen oder auf Schiffen nach Schleswig-Holstein. Als die ersten Soldaten der Roten Armee am 9. Mai 1945 das Lager erreichten, befreiten sie die verbliebenen 150 Häftlinge.

Eins dieser Schiffe mit Stutthof-Häftlingen an Bord war der Kahn „Ruth“, der auf seiner Odyssee durch die westliche Ostsee schließlich Flensburg ansteuerte. Während der fünftägigen Überfahrt führte ein Häftling ein Tagebuch. Dieses Dokument des Grauens spielte bei der späteren juristischen Aufarbeitung eine bedeutende Rolle. Das Original befindet sich noch heute in den Sammlungen des britischen Nationalarchivs in London.

Als einer der letzten kam der Chronist, der in Stutthof als Lagerschreiber tätig gewesen war, an Bord der „Ruth“. Was er sah und hörte, darüber schrieb der Chronist folgendes nieder: „Ein wildes Durcheinander, Geschrei, Geschimpfe, Gestöhne der Kranken, Fluchen der SS, Stoßen und Schieben. (…) Unten angekommen, trete ich nur auf Menschenleiber. Wimmern und Gestöhne. Schimpfen und Fluchen in vielen Sprachen. (…) Die Luke wird geschlossen, Finsternis umhüllt Gesunde und Kranke und Sterbende. Wie, wann und wo verlassen wir dies schwimmende Grab?“ An anderer Stelle notierte er: „In dem Laderaum lagen drei Schichten Menschenleiber übereinander. Die Häftlinge der untersten Schicht (…) sind teils erstickt; blaurot angelaufen liegen sie mit krampfverzerrten Gesichtern. (…) Ich bitte SS-(Männer) Holz und Wippermann mehrmals um einen Sanitäter. Wir sollen uns so behelfen. (…) Am Abend haben wir 11 Tote mehr, insgesamt 39 Tote. Die Toten werden über Bord (ge)worfen.“ Und am 2. Mai vermerkte er: „Ohne Ziel treiben wir auf der Ostsee, Dänemarks Küste in Sicht, kein Trinkwasser mehr, keine Lebensmittel, die meisten Häftlinge willenlos dem Schicksal ergeben, ohne Murren, andererseits Aufbäumen gegen Ordnung, Kampf ums nackte Leben. (…) 16 Tote über Bord.“

Von den 960 Häftlingen, die an Bord gegangen waren, waren noch 630 am Leben, als die „Ruth“ am 3. Mai 1945 Flensburg erreichte. Doch auch an den folgenden Tagen starben weitere entkräftete und ausgezehrte Stutthof-Häftlinge. Im Strand bei Fahrensodde wurden 26 Leichen in Erdlöchern verscharrt wie Tierkadaver.

Die britische Besatzungsmacht sorgte dafür, dass die Leichen der Häftlinge geborgen, untersucht und auf dem Friedenshügel bestattet wurden. Und sie leitete ein Verfahren gegen SS-Männer und Kapos wegen Gewaltverbrechen während des Stutthof-Transports ein. Am 25. September 1946 begann im großen Saal des Deutschen Hauses vor einem öffentlich tagenden Gericht der Militärregierung ein Prozess gegen 13 Angeklagte, denen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen wurden. Unter den angeklagten Kapos, also Funktionshäftlingen, befanden sich zwei Flensburger. Dem britischen Gerichtspräsidenten standen ein Gerichtsoffizier und drei Armeeoffiziere zur Seite. Es waren 17 Zeugen geladen. Gegen zwei Angeklagte wurde in Abwesenheit verhandelt. Flensburger Rechtsanwälte traten als Pflichtverteidiger auf. Die elf anwesenden Angeklagten erklärten sich als nichtschuldig; sie wiesen jegliche Verantwortung von sich. Die Verteidiger hielten eine Schuld ihrer Mandanten für nicht erwiesen und forderten Freisprüche.

Zeugen dagegen berichteten von Grausamkeiten an Bord der „Ruth“. So seien Häftlinge lebend über Bord geworfen worden. „Für jeden Toten eine Zigarette“, habe ein SS-Mann geschrien. Ein im Laderaum eingepferchter Mann sei so durstig gewesen, dass er bereit war, für eine Büchse Wasser seine Armbanduhr zu geben.

Nach 21 Sitzungen ergingen am 23. Oktober 1946 die Schuldsprüche. Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden der SS-Rottenführer Otto Wippermann, der SS-Unterscharführer Herbert Holz und der SS-Sturmmann Herbert Walbrecht zum Tode verurteilt. Sie wurden für schuldig befunden, eine „unbestimmte Zahl jüdischer Frauen“ erschossen und auf im Wasser schwimmende Häftlinge gefeuert zu haben. Ein weiterer Angeklagter erhielt eine zweijährige Gefängnisstrafe, alle weiteren wurden freigesprochen. Nachdem Gnadenersuche der Verteidigung abgewiesen worden waren, wurden die Todesurteile vollstreckt.

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erstellt am 03.Aug.2015 | 16:00 Uhr

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