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Hagen Rether brilliert in Flensburg : Provokant, pointiert und bitterböse

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kabarett mit Tiefgang: Hagen Rether stellt 900 Gäste im Deutschen Haus vier Stunden lang vor einige Herausforderungen

shz.de von
erstellt am 31.Okt.2017 | 15:34 Uhr

Der Mann mit dem Zopf grüßt zünftig norddeutsch mit einem trockenen „Moin“ – ein herzlich-herbes „plop“ tönt zurück. Dann wird es leise im Saal. Sehr leise. Hagen Rether fläzt sich in seine Bürostuhl neben dem Flügel, schlägt die Beine übereinander und flüstert fortan in sein Mikro. „Einen Moment Ruhe“ erbittet er und vertieft sich in einen inneren Monolog.

Ja, nun muss er wieder liefern, wie schon in Lübeck oder Norderstedt einen Tag zuvor. Möglichst was Kluges von sich geben, bitterböse garnierten Humor obendrein. Doch diese Kunst beherrscht der 48-Jährige meisterhaft. Jeder bekommt sein Fett weg, wird abgewatscht, und das nicht zu knapp. Trump und Konsorten sowieso, Nordkoreas Kim Jong Un, die AfD und der FDP-Mann Lindner als Glasfaser-Vertreter im Slim-Fit-Anzug. Nur mit „Mutti“ ist er gnädig. „Ertappen Sie sich auch manchmal dabei, dass Sie eigentlich ganz froh sind mit der Merkel?“ Sie habe sich inzwischen sogar linke Inhalte angeeignet. „Ich glaub, durch Osmose macht sie das.“

Doch nicht nur auf politischer Ebene glänzt Rethers Rhetorik. Spitzzüngig zieht er Brecht durch den Kakao und eine Leitkultur, die man nur dann als Stütze benötige, „wenn innen nur Brei“. Er geißelt die Vergewaltigung der Sprache, den Verfall der Ethik, den Verlust der Scham. Dafür hält er ein leidenschaftliches Plädoyer für Empathie, die vielen längst verloren gegangen sei. Jeder darf sich angesprochen fühlen, das mag bisweilen weh tun. Der Mensch, doziert er, empöre sich gern, aber will sich selbst nicht ändern („Kein Bock, den Arsch zu bewegen!“). Seinen Zuhörern hält er den Spiegel vor: Fleischfressern, leidenschaftlichen Trinkern oder dem Autofahrer, der sich einen fetten SUV bestellt, um danach über zu enge Parkhäuser zu mosern. Apropos: Das gleichnamige, einst seriöse Magazin steche hervor durch Titelseiten, die irgendwo zwischen Titanic und Wachturm angesiedelt seien.

Wie wohltuend: Endlich ein Kabarettist ohne Klamauk und Plattitüden. Einer, der geschickt zwischen Satire und ernsten Statements mit Tiefgang changiert. Seine Jünger kennen das, doch der Unbedarfte muss höllisch aufpassen, dass er da nichts verwechselt. Und überhaupt: Wann greift der studierte Musiker denn endlich in die Tasten? Doch der redet und redet, ein Exkurs, ein Gedankensprung jagt den nächsten. „Irgendwo bin ich wohl falsch abgebogen.“ Nach anderthalb Stunden wechselt er in den Dialog-Modus: „Dann fangen wir jetzt mal an. Könnt ihr noch?“ Doch die Bitte eines Gastes, der um eine Pause fleht, wird erhört.

Danach geht es schonungslos weiter. Rether gegen Rechtsruck: Häuser anzuzünden sei zu einem Kavaliersdelikt mutiert, ausgeführt beim Mittagessen zwischen Suppe und Kartoffeln. Er fordert die Burka für Nazi-Hassgesichter.

Schließlich bedient er doch den Flügel – virtuos zwischen Jazz, Blues und Bach. Nach geschlagenen vier Stunden konzentrierten Zuhörens hat Rether erst zwei seiner vier mitgebrachten Bananen verspeist – das Publikum muss das Schlimmste befürchten. Doch der Künstler hat ein Einsehen. Schreitet von der Bühne, die Bananen wirft er en passant ins Auditorium. Hoffentlich keine Anspielung!

 

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