zur Navigation springen

Jahrestag der Räumung der Luftschloss-Fabrik : Protestmarsch zur Harniskaispitze: „Einweihung der Bürgerbrache“

vom

Ein Jahr ist seit der gewaltsamen Räumung am 3. Februar 2016 vergangen. Die Harniskaispitze in Flensburg ist seither ungenutztes Brachland.

Flensburg | Ein Jahr ist es her, dass 220 Polizisten mit Räumpanzern und Wasserwerfern das alternative Wohn- und Kulturprojekt „Luftschlossfabrik“ in Flensburg dem Erdboden gleich gemacht haben. Die Gegenwehr der Bewohner und einiger autonomer Sympathisanten war schnell gebrochen. Ehemalige Bewohner des Geländes und Unterstützer wollen am Freitag um 15 Uhr bei einem Protestmarsch die „Einweihung der Bürgerbrache“ zelebrieren, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Gemeinsam soll von der Hafenspitze aus ein Spaziergang zum Gelände gemacht werden. „Wir wollen begutachten, was sich an der Harniskaispitze entwickelt hat, nachdem es von der Luftschlossfabrik befreit und allen Flensburgern zugänglich gemacht wurde. Die Bürgerbrache soll festlich eingeweiht werden“, steht in der Ankündigung geschrieben.

In einem ausführlichen Schreiben, ziehen ehemalige Bewohner der Luftschlossfabrik Bilanz.

Brief der Luftschlossfabrik zum Jahrestag der Räumung

„Wir haben uns den heutigen ersten Jahrestag der Räumung der Luftschlossfabrik an der Harniskaispitze ausgesucht um daran zu erinnern, dass sich alternative Ideen nicht abreißen lassen!

Mit einem Spaziergang zum ehemaligen Luftschlossfabrikgelände wollen wir darauf aufmerksam machen, das es in Flensburg immer noch den Wunsch nach alternativem und selbstbestimmtem Leben gibt. Wir sind nicht an einem Stadtbild interessiert das sich an Profit und Prestigeprojekten orientiert. Die jetzige Brache zeigt uns nur einmal mehr, das es keinen Sinn hat sich mit den bestehenden politischen Verhältnissen zu versöhnen.

Vor genau einem Jahr, am 3.2.2016, hat am Harniskai einer der größten und kostspieligsten Polizeieinsätze in der Flensburger Stadtgeschichte stattgefunden. Mit 300 Polizist_Innen, Wasserwerfern und Räumpanzern wurde das Gelände der Luftschlossfabrik gewaltsam geräumt. Die Besetzung war auf einem Gelände entstanden, welches seit geraumer Zeit leer stand, da sich die Stadt von einer Briefkastenfirma den lukrativen Vorschlag hatte unterjubeln lassen, dort Flugboote zu bauen.

Als das Gelände nach nicht bezahlten Pachtgebühren an die Stadt zurückging war schnell klar, dass sie die Menschen die dort lebten und das Gelände wieder belebt hatten nicht dulden wollte.

Nach ungefähr einem halben Jahr „Verhandlungen“ und der vergeblichen Suche nach einem alternativen Standort wurden die Bewohner_Innen des Wagenplatzes im Winter vom Gelände geräumt. Die Angebote seitens der Stadt, den Menschen eine Wohnung zu stellen, zeigen deutlich wie ignorant sie selbstbestimmten und alternativen Lebensformen gegenübersteht.

Für keines der dort angesiedelten Projekte gab es einen ernst zu nehmenden alternativen Standort, weshalb das kulturelle Angebot der Luftschlossfabrik, genauso wie die Werkstätten, aus dem Flensburger Stadtbild verschwunden sind.

Alle Gebäude auf dem Gelände wurden abgerissen. Darunter eine Bootsbauhalle, als Werkstätten genutzte Räume, ein von einer Austauschgruppe aus Chile gebauter Lehmofen und außerdem jeder Baum, jeder Strauch, einfach alles was auf dem Gelände zu finden war.  Aus einem liebevoll gestalteten, benutzbaren Gelände ist eine Brache geworden. Ein beeindruckendes Nichts, das bis heute dort zu besichtigen ist.

Nachdem die Stadt mit ihren Plänen dort eine lukrative Flugbootfirma anzusiedeln an der Existenz der Firma gescheitert war, scheiterte sie dann daran ein Projekt zu akzeptieren, das zu emanzipatorisch war, um in ein Stadtbild zu passen in dem es um Gentrifizierung und Optimierung von Finanzplänen geht. Mit der Räumung wurde ein Exempel statuiert, gegen emanzipatorische Lebensphilosophie, gegen unkommerzielle Nutzung von Freiflächen und gegen eigenverantwortliches Handeln.

Darauf stoßen wir mit erlesenem Faber Sekt an und stimmen ihm weitgehend zu. Mit demokratischen Mitteln ist hier nichts mehr zu machen. Wir werden uns neue Räume erkämpfen in denen wir unsere Utopie von einem besseren Leben ausprobieren können und diese weiterhin verteidigen. Über unser Leben entscheiden nur wir!“

(Rechtschreibfehler im Original)

 

Die Entwicklung ist kurz zusammenzufassen: Passiert ist nach dem Abriss der Gebäude und der Entfernung von Müll im Februar 2016 nichts mehr. Das von Bäumen umsäumte Gelände liegt seit einem Jahr brach – insgesamt 10.000 Quadratmeter. Statt einer alternativen Kulturwerkstatt mit gelegentlichen Konzerten und einem Filmfestival, erweitert um ein paar Siedler in Bauwagen, hat Flensburg jetzt eine staubige öde Fläche ohne Nutzung. Allein die Kosten für den Polizeieinsatz im Februar 2016 lagen bei über 300.000 Euro. Ein alternatives Gelände fand die Stadt für die Bewohner nicht.

 

Nach der Räumung wurde von der Stadt ein Ideenwettbewerb für eine befristete Nutzung des Geländes gestartet. Befristet, weil die Stadt noch nicht weiß, wie das gesamte Ostufer in Zukunft aussehen soll78 Vorschläge gingen ein, die 35 besten Ideen wurden im Mai 2016 ausgestellt. Im Sommer sollte es losgehen, doch es passierte nichts. Die Stadt wollte zwar die Fläche, aber möglichst kein Geld zur Verfügung stellen. Während der EM gab es Public Viewing. Seit dem 8. Juli 2016 ist auf dem Gelände nichts mehr passiert.

Mit Wasserwerfern und zahlreichen Einsatzkräften hatte die Polizei das autonome Kulturzentrum Luftschlossfabrik im Februar 2016 geräumt.
Mit Wasserwerfern und zahlreichen Einsatzkräften hatte die Polizei das autonome Kulturzentrum Luftschlossfabrik im Februar 2016 geräumt. Foto: dpa
 

Rasmus Andresen, Landtagsabgeordneter der Grünen, kündigte seine Teilnahme an der Demo an. Er hält die Räumung noch immer für skandalös. Gegenüber dem NDR sagte er, eine Ideensammlung hätte schon stattfinden können, während die Bewohner noch in der Luftschlossfabrik gewohnt hätten.

Hintergrund: 2010 hatte die Stadt Flensburg das Gelände am Harniskai an ein Unternehmen verpachtet, das dort Hightech-Flugboote bauen wollte - die Firma Highship Ltd. Weil dort aber nichts passierte, hatte die Stadt das Gelände 2013 zurückgefordert und damit vor Gericht Recht bekommen. Das war im Februar 2015. Die Luftschlossfabrik war der Stadt zu diesem Zeitpunkt ein Dorn im Auge. Ihr Argument: Die Fläche sollte allen Flensburger Bürgern offen stehen.

zur Startseite

von
erstellt am 03.Feb.2017 | 14:08 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen