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Flensburger Tageblatt

18. August 2017 | 14:47 Uhr

Praxis-Studium in der Energietechnik

vom

Beispiel Bilfinger Greylogix in Flensburg: Viele Unternehmen bevorzugen junge Leute mit beruflichen Kenntnissen

Flensburg | Das Urteil, das Lars Malter über den Bologna-Prozess und seine Folgen fällt, ist vernichtend. Die Qualität der Lehre in den Bachelor-Studiengängen, die das Diplom ersetzten, bezeichnet der Geschäftsführer von Bilfinger Greylogix als "deutlich schlechter". Seiner Erfahrung nach seien die Absolventen "erstmal nicht einsetzbar, weil ihnen die praktischen Kenntnisse fehlen", klagt Malter. "Das duale Studium ist die Antwort darauf."

Der 20-jährige Leon Josh Rabethge aus Viöl und der Flensburger Julian Schaller (19) sind die ersten beiden, die seit dem 1. August den Titel des Bachelor of Engineering im Studiengang Elektrische Energiesystemtechnik sowie den Abschluss als Elektroniker für Betriebstechnik anstreben. Der neue duale Studiengang ist ein Gemeinschaftswerk der Automatisierungstechniker von Bilfinger Greylogix, der Flensburger Fachhochschule (FHF) und der Industrie- und Handelskammer Flensburg. Er dauert viereinhalb Jahre.

"Wir benötigen Fachwissen", sagt auch Ausbildungsleiter Jörg Gerke, der seit 2007 im Unternehmen ist und nach Worten seiner Kollegen das treibende Element in Sachen Ausbau der Ausbildung. Ein Elektroniker für Betriebstechnik baue Schaltanlagen, programmiere diese zumeist auch und warte sie, skizziert er grob die Aufgaben. Nach der Zwischenprüfung könnten sich die dualen Studenten in Richtung Automatisierungstechnik spezialisieren - je nach Neigung. Idealerweise könne ein Absolvent schließlich sowohl Hardware- als auch Software-Probleme lösen - in Biogasanlagen zum Beispiel oder in Kraftwerken, Wasser- und Abwasseranlagen und vielen weiteren Industriebereichen.

Personalleiter Sven Gude bezeichnet das neue Angebot, das "immer auf der Agenda stand", stolz als "Meilenstein". Seit anderthalb Jahren ist Gude bei Greylogix und identifiziert sich. Der ehemalige Krankenpfleger lobt das Gesundheitsmanagement für alle - von Rückengymnastik bis umsonst Schwimmen in hiesigen Bädern - und die Perspektiven, die Auszubildende bekommen. Im kaufmännischen Bereich bilde das Unternehmen derzeit sechs, im gewerblichen elf junge Leute aus; demnächst kämen fünf beziehungsweise sechs hinzu. Gebe es keine Übernahme der Azubi, dann werde versucht, den Nachwuchs als Werkstudenten zu halten. "Studenten sind keine billigen Arbeitskräfte, sondern die Arbeitnehmer der Zukunft", sagt Sven Gude fast kämpferisch. "Wir wollen wachsen - und wir brauchen Fachpersonal dafür"; dieses zu finden, werde immer schwieriger, stellt der Personalleiter klar.

"Die Fachhochschule Flensburg hat sich immer als natürlicher Partner der Unternehmen in der nördlichen Region gesehen. Wir sind deshalb stolz darauf, das erfolgreiche Modell des Dualen Studiums mit der neuen Kooperation weiter ausbauen zu können", erklärt Professor Herbert Zickfeld die Motivation zur Zusammenarbeit. Der FH-Präsident hält die Kopplung von Theorie und Praxis im Studium für sinnvoll.

Darauf hebt auch das Lob von Mette Lorentzen ab. Die IHK-Referentin für Aus- und Weiterbildung bescheinigt dem Vorstoß der Partner sogar Vorbildcharakter. Denn auch ihrer Erfahrung nach würden Betriebe zunehmend Nachwuchs mit Praxis nachfragen. Etwas Vergleichbares, wie es Bilfinger Greylogix und FH mit der IHK anbieten, gebe es nicht in der Region, zumal im gewerblich-technischen Bereich. Mette Lorentzen hebt zudem die "lokale Lösung" als besonders hervor, "um junge Leute in der Region halten zu können".

Tatsächlich sind Leon Josh Rabethge und Julian Schaller gern im Norden. Rabethge hat in Husum als als Berufsschüler für technische Informatik von Greylogix als "Geheimtipp" gehört, verrät er. Inzwischen hat er im Unternehmen ein einjähriges Praktikum absolviert. "Ich habe sehr viel gesehen und gemacht. Ich weiß, dass ich das will", resümiert der 20-Jährige und wird nun dualer Student. Ursprünglich wollte er ohnehin an der Flensburger FH studieren. Schaller hat die Präsentation des Betriebes überzeugt und sich deshalb um die Ausbildung beworben. Die kam auch zur rechten Zeit, so dass er die frische Offerte des dualen Studiums annehmen konnte. "Wenns klappt: super; sonst bleibt es bei der Ausbildung", sagt der Waldorfschul-Absolvent entspannt. Die Möglichkeit, die Ausbildung abzuschließen, selbst wenn das Studium fehlschlägt, bestätigt Ausbildungsleiter Gerke. Regulär läuft das duale Studium aber so: "In den Semesterferien stehen uns die Studenten zur Verfügung", sagt Gerke, während sie in der Vorlesungszeit acht Stunden in der Woche im Betrieb arbeiteten. Doch zunächst geht es für die Neuen ohnehin in die Lehrwerkstatt - für die Praxis; ihr FH-Studium nehmen sie erst im zweiten Lehrjahr, zum Wintersemester 2014/2015 auf.

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erstellt am 07.Aug.2013 | 03:59 Uhr

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