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Flensburger Architektur : Prächtige Bauten in Ziegel-Vielfalt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit den preußischen Baumeistern kam die Neugotik nach Flensburg. Ein besonders auffälliges Beispiel für diese Architektur ist die Schiffbrückstraße.

shz.de von
erstellt am 16.Aug.2015 | 09:00 Uhr

Flensburg | Im Juni erschien ein neuer, kompakter Architekturführer für die Stadt Flensburg, der auf 170 Seiten einen Überblick vermittelt, was die Stadt an herausragenden Bauwerken und Kulturdenkmälern vorweisen kann. Die beiden Autoren Henrik Gram und Eiko Wenzel haben mit den Augen von Architekten und Denkmalpflegern die Objekte ausgewählt und beschrieben, die nach ihrer Meinung die Baukultur in der Fördestadt prägen. Eiko Wenzel gibt in einer zehnteiligen Serie im Flensburger Tageblatt einen Überblick über den Inhalt dieses neuen Buches.

1828 fragte der badische Architekt Heinrich Hübsch in seiner architekturtheoretischen Schrift „In welchem Style sollen wir bauen“? Auf diese Frage, und das machte sie wohl so prägend für das 19. Jahrhundert, fanden die Baumeister des 19. Jahrhunderts recht unterschiedliche Antworten. Dennoch gilt es, eine Trennlinie zwischen den Architekten zu ziehen, die sich ernsthaft mit dem Weg zur „richtigen“ Baukunst beschäftigt haben, und den Handwerksmeistern, die insbesondere in der späten Gründerzeit Stilzitate fast beliebig gemischt haben.

Die Neugotik ist bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine romantisch-klassizistische Stilhaltung, die zunächst von England ausgeht, aber auch bald auf ganz Europa übergreift. Flensburger Beispiele hierfür sind das Christiansen-Grabmal auf dem Alten Friedhof, das 1829 nach einem Entwurf von Karl-Friedrich Schinkel angefertigt wurde. Auch die frühe Bebauung der Rathausstraße in den 1850er Jahren, zum Beispiel das Haus Nr. 6/8 (1857), orientiert sich an der englischen Neugotik.

Nach dem deutsch-dänischen Krieg von 1864 wurde Flensburg preußisch, und dies wirkte sich auch auf die Architektur aus. Die Architekten, die nach 1864 in Flensburg bauten, waren nicht mehr in Kopenhagen, sondern an der Bauakademie in Berlin oder an der Polytechnischen Hochschule in Hannover ausgebildet worden. In Hannover lehrte Conrad Wilhelm Hase, der die Auffassung vertrat, dass die Gotik für alle Bauaufgaben anzuwenden sei – man spricht auch von der dogmatischen Neugotik der „Hannoverschen Schule“. Einer der ersten großen privaten Neubauten nach 1864 war das Kaufmannshaus von Christian Nicolai Hansen in der Großen Straße (Nr. 77). Architekt war Johannes Otzen, ein Hase-Schüler, der eine Karriere als ein sehr erfolgreicher Kirchenbauarchitekt vor sich hatte.

Otzen erhielt auch den Auftrag, den 1877 durch Blitzschlag zerstörten Turm für die Nikolaikirche neu zu erbauen, und kurz darauf erhielt auch St. Marien einen neugotischen Turm. Da Otzen zu dieser Zeit schon reichsweit als gefragter Kirchenbauarchitekt unterwegs war, musste er sich für dieses Flensburger Projekt eines Bauleiters bedienen. 1878 kam der damals 28-jährige Alexander Wilhelm Prale, ebenfalls ein Hase-Schüler, nach Flensburg. Prale gründete in Flensburg ein eigenes Architekturbüro und wurde nicht nur ein gefragter Kirchenbauarchitekt, sondern er baute auch für die führenden Köpfe der Flensburger Wirtschaft.

Obwohl viele Bauten verändert oder verschwunden sind, ist Prales Handschrift noch überall im Stadtbild ablesbar. Fast immer sind es Ziegelfassaden, sehr häufig werden rote und gelbe Ziegel dekorativ eingesetzt und auch mit glasierten Ziegeln kombiniert. Die Industrialisierung erlaubte nun eine große Fülle besonderer Formsteine.

Aus der Fülle seiner Bauten sollen folgende herausgehoben werden: 1880 plante Prale den Neubau der Diakonissenanstalt; hiervon ist nur die Innenarchitektur der Kirche erhalten. An der Schiffbrücke baute Prale 1881 das Reederhaus H. Schuldt (Nr. 21) und 1882 das Wohn- und Geschäftshaus eines Segelmachers (Nr. 24). Für den Gründer der Flensburg-Ekensunder-Dampfschifffahrts-Gesellschaft, den Reeder Friedrich Mommse Bruhn, baute er das Reedereihaus Schiffbrückstraße 8 (1883), ein Jahr zuvor plante er für Bruhn das neue Kurhotel in Gråsten. Ebenfalls 1883 entstand nach Prales Plänen die Villa „Burg Schöneck“ am Nordergraben, die nach 1920 Dänisches Generalkonsulat wurde. Ein regelrechtes Prale-Ensemble ist die gesamte Südseite der Schiffbrückstraße (1899-1901). Sehr ähnlich sind sich Prales neue Pastorate für St. Nikolai (1899/1900) und St. Johannis (1903/04). Nach 1900, mit dem aufkommenden Jugendstil, waren die Tage der Neugotik gezählt.

Henrik Gram/Eiko Wenzel, Zeitzeichen. Architektur in Flensburg, hrsg. von der Architekten- und Ingenieurkammer Schleswig-Holstein, dem Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein, der Stadt Flensburg und dem Verein Flensburger Baukultur e.V., erschienen im Verlagshaus Leupelt, Handewitt, 2015, ISBN 978-3-943582-11-6, 14,80 €.



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