Architektur in Flensburg : Prachtbauten der Backstein-Gotik

St. Marien, St. Nikolai, Helligåndskirken: Sie sind Prototypen der bürgerlichen Stadtkirche des Mittelalters.

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27. Juli 2015, 11:00 Uhr

Flensburg | Im Juni erschien ein neuer, kompakter Architekturführer für die Stadt Flensburg, der auf 170 Seiten einen Überblick vermittelt, was die Stadt an herausragenden Bauwerken und Kulturdenkmälern vorweisen kann. Die beiden Autoren Henrik Gram und Eiko Wenzel haben mit den Augen von Architekten und Denkmalpflegern die Objekte ausgewählt und beschrieben, die nach ihrer Meinung die Baukultur in der Fördestadt prägen. Eiko Wenzel gibt in einer zehnteiligen Serie im Flensburger Tageblatt einen Überblick über den Inhalt dieses neuen Buches.

Seit dem 12. Jahrhundert verbreitet sich die Technik des Brennens von Ton, die den Römern schon bekannt war, in Nordeuropa. Während die Baumeister der Kirchen des 12. Jahrhunderts – wie die des Domes von Ribe – noch auf Materialimporte wie Tuffstein aus dem Rheinland angewiesen waren, ermöglichte die Technik der Backsteinherstellung vor Ort eine effektivere Bauproduktion. Als frühester Backsteingroßbau in der engeren Region gilt das archäologisch nachgewiesene Rude-Kloster in Glücksburg, das wohl im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts errichtet wurde.

Die ersten nachweisbaren Backsteinbauten in Flensburg sind die Kirche des Franziskanerklosters St. Katharina, die 1579 eingestürzt ist, und die St.-Marien-Kirche. Diese wurde 1284, im Jahr der Stadtrechtsverleihung, begonnen und ersetzte einen Vorgängerbau. Dieser erste, noch heute erhaltene Bauabschnitt von St. Marien war eine kurze, drei Joche (Gewölbefelder) lange „Halle“: So bezeichnet man Kirchen mit mehreren Schiffen (Abfolgen von Jochen in der Längsrichtung), bei denen die Gewölbe der einzelnen Schiffe gleich hoch sind. Die Besonderheit der Flensburger Marienkirche war, dass das Mittelschiff gegenüber den Seitenschiffen leicht erhöht war – man spricht dann von einer „Stufenhalle“. Die Bauform der Hallenkirche breitete sich in der Gotik insbesondere von Westfalen aus und wurde der bestimmende Bautypus der bürgerlichen Stadtkirche im späten Mittelalter.

Die kleine Kirche des Heilig-Geist-Hospitals in der Großen Straße, der heutigen Helligåndskirken, wurde 1376 nach dem gleichen Raumschema errichtet: Bei dieser nur zweischiffigen Kirche „fehlt“ nur das südliche Seitenschiff, der Bau hat nur ein erhöhtes Mittelschiff und ein nördliches Seitenschiff. Helligåndskirken wurde nach der Reformation für dänischsprachige Gottesdienste genutzt und ist heute Hauptkirche von Dansk Kirke i Sydslesvig.

1390 wurde mit dem Bau einer neuen Nikolaikirche begonnen und in zwei Bauabschnitten bis 1480 vollendet. Hier wurde abermals das Raumschema der Stufenhalle von St. Marien übernommen, jedoch mit einer stärkeren Überhöhung des Mittelschiffs und massigen Backsteinrundpfeilern fortentwickelt. Die Fortentwicklung ist offenbar eine direkte Anregung von der Katharinenkirche in Hamburg, die auch Vorbild für den ungewöhnlichen Abschluss des Chores mit zwei abgewinkelten Seitenschiffen war.

Flensburg hat sich der „Europäischen Route der Backsteingotik“ angeschlossen, die die Einzigartigkeiten dieser Architekturepoche als Alleinstellungsmerkmal des Hanse- und Ostseeraumes von Dänemark bis Polen thematisiert und kulturtouristisch vermarktet. Wenn Flensburg auch keine spektakulären Backsteinbasiliken hat wie die Lübecker Marienkirche, so sind doch die einzigartigen Hallenkirchen mit ihrer reichen künstlerischen Ausstattung sicher nicht von geringerem Wert.

Aus der Fülle der Kunstwerke, die die Kirchen beherbergen, seien nur folgende hervorgehoben: 1604-09 entstand im Auftrag des dänischen Königs Christian IV. die große Renaissanceorgel in St. Nikolai, deren Prospekt von Heinrich Ringering geschaffen wurde. Bedeutendstes Kunstwerk in St. Marien ist der Spätrenaissancealtar, eine Stiftung des Bürgermeisters Dietrich Nacke und seiner Frau Katharina. Aber die Fülle der Kunstwerke erlaubt es nicht, hier auch nur einen kleinen Überblick geben zu können. Die im Seitenschiff der Helligåndskirken eingebauten farbigen Glasfenster des dänischen Künstlers Bjørn Nørgaard (2013) zeigen, dass die Kunstgeschichte der Kirchen fortgeschrieben wird.

Henrik Gram/Eiko Wenzel, Zeitzeichen. Architektur in Flensburg, hrsg. von der Architekten- und Ingenieurkammer Schleswig-Holstein, dem Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein, der Stadt Flensburg und dem Verein Flensburger Baukultur e.V., erschienen im Verlagshaus Leupelt, Handewitt, 2015, ISBN 978-3-943582-11-6, 14,80 €.

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