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Unternehmen aus Flensburg : Pornos, Sex und rote Zahlen – die „Beate Uhse“-Akte

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit Lust und Leidenschaft hat die Firma „Beate Uhse“ Millionen verdient. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Es ist wie in vielen Beziehungen: Irgendwann fehlt die Liebe, vielleicht die Lust und von der Erotik bleibt dann auch nicht mehr viel. Wer in den vergangenen Monaten bei „Beate Uhse“ anrufen wollte, landete nur selten direkt in einem der Hamburger Büros des Erotikkonzerns. Stattdessen waren es externe Dienstleister, unter anderem eine Hamburger Unternehmensberatung, die am anderen Ende den Hörer abnahmen. Ganz gleich, ob für Journalisten, Investoren oder Gläubiger – der Erotikkonzern hat sich rar gemacht.

Es gab andere Zeiten. Zeiten, in denen der Name „Beate Uhse“ allgegenwärtig war. In denen die Losung „Sex Sells“ für das Unternehmen aufging und das Geschäft mit harten Pornos, Sex-Hotlines und Kunststoff-Dildos, mit Latex-Kleidern, Kondomen und Strapsen lief. Zeiten, in denen der Name des Konzerns und seiner Gründerin ein Stück Aufbruch, Befreiung, Rebellion und Wirtschaftswunder zugleich bedeuteten. „Der kostbarste Besitz der Frau ist die Fantasie des Mannes“, hatte Uhse selbst einmal gesagt. Später wurde aus dieser Philosophie ein höchst erfolgreiches Geschäftsmodell geformt, das den Beteiligten Millionen in die Kassen spülte.

Unternehmerin Beate Uhse: „Ich mache auf, wenn die Leute friedlich sind – kurz vor Weihnachten.“
Unternehmerin Beate Uhse: „Ich mache auf, wenn die Leute friedlich sind – kurz vor Weihnachten.“
 

Doch diese Zeiten sind vorbei. Mails, die in den vergangenen Tagen an die offizielle Pressestelle des Unternehmens verschickt worden sind, wurden nur noch vom automatischen „Mail Delivery System“ beantwortet: E-Mail nicht zustellbar – also, zurück zum Absender; und für den geht es mit allen Fragen mal wieder zurück zur Unternehmensberatung und den externen Dienstleistern.

Mit einem Emissionspreis von 7,20 Euro brachten die Eigentümer zwanzig Prozent von „Beate Uhse“ 1999 an die Börse. Die Nachfrage war groß. Die Aktie war 64-fach überzeichnet. Allein am ersten Tag schoss der Kurs der Anteilsscheine um 94 Prozent in die Höhe. Auf dem Parkett der Frankfurter Finanzwirtschaft wurde das Flensburger Unternehmen an den darauf folgenden Handelstagen mit einem Kurs von mehr als 28 Euro pro Aktie zu einem milliardenschweren Stern am Börsenhimmel aufgepumpt – doch seitdem wurde verglüht, was das Zeug hält. Inzwischen sind die Papiere, die mit zwei halbnackten Damen verziert waren, nur noch Penny-Stocks, also Wertpapiere, die für unter einem Euro zu haben sind und als Spielball wettfreudiger Spekulanten gelten. 19 Cent kosteten die Papiere des Unternehmens zuletzt. Mehr als 99 Prozent des einstigen Börsenwertes haben sich in Luft aufgelöst.

Nach dem Krieg hatte Beate Uhse sich mit Schwarzmarktgeschäften durchgeschlagen, in den 50er Jahren einen Versandhandel unter anderem für Kondome aufgebaut und 1962 in Flensburg ihr „Fachgeschäft für Ehehygiene“ eröffnet – der erste Sexshop der Welt.

Über dem Schaufenster des Ladens in der Angelburger Straße wurde dezent den Schriftzug „Fachgeschäft für Ehehygiene“ angebracht.
Über dem Schaufenster des Ladens in der Angelburger Straße wurde dezent den Schriftzug „Fachgeschäft für Ehehygiene“ angebracht.
 

1981 formten Beat Uhse und ihr Sohn Ulrich die Beate-Uhse-AG. 18 Jahre später folgte der Gang an die Börse. Zu dem Zeitpunkt meldete das Unternehmen noch riesige Wachstumszahlen. Alle Zeichen standen auf Expansion. Doch schon sehr bald ging es nur noch in die eine Richtung: steil bergab. Mit dem Aufkommen des Internets und der Kostenlos-Pornografie im Netz wurde das Geschäftsmodell von „Beate Uhse“ Stück für Stück zersetzt. Und Sex-Spielzeuge konnten auch andere verkaufen.

17 Millionen Euro Verlust

2015 stand ein Verlust von 17 Millionen Euro vor Steuern und Zinsen in den Büchern. Zahlen für 2016 hat das Unternehmen bis heute nicht vorgelegt. Immer wieder wurde die Veröffentlichung verschoben, das Management in den letzten Monaten durchgewechselt.

Anruf am Empfang der Firmenzentrale von „Beate Uhse“ in dieser Woche: Von einer Presseabteilung weiß man dort nichts. „Allenfalls in Holland“, heißt es. Oder bei einem externen Dienstleister. Doch wie dieser heißen soll, ist unklar. Man verspricht sich zu kümmern. Eine Antwort bleibt aus. Der Konzern schweigt.

„Beate Uhse“ war über Jahrzehnte hinweg ein Familiengeschäft; die Gründerin selbst ein prominentes Gesicht. Nach dem Börsengang und ihrem Tod 2001 wurde alles etwas leiser, zurückhaltender, versteckter. Kontrolliert wurde das Unternehmen nun durch diverse Holding-Gesellschaften, in der Schweiz, in Liechtenstein, hinter denen Mitglieder des Familienstammes Rotermund steckten. Heute hält keiner von ihnen noch nennenswerte Anteile an dem Unternehmen. Ein gutes Drittel wird stattdessen über die Consipio-Holding des ehemaligen holländischen Geschäftsführers Gerard Cok gehalten, neun Prozent von der holländischen Global Vastgoed, einem Immobilienentwickler. Dritter Großaktionär: Die Venus Hyggelig GmbH – über diese Zweckgesellschaft mischt der Sparkassen- und Giroverband für Schleswig-Holstein (SVGSH) im Sex- und Erotik-Geschäft mit.

Ein Interesse an den Anteilsscheinen hatte der Verband dabei nie. Und ganz freiwillig ist er auch nicht Aktionär des Unternehmens geworden. Ursprünglich lag das Aktienpaket bei der Sparkasse Flensburg als Sicherheit für Kredite. Als die Nord-Ostsee-Sparkasse (Nospa) bei der Übernahme des Konkurrenten ins Straucheln geriet und der Sparkassen-Verband helfen musste, wanderte das Paket weiter zum SVGSH. Und dort liegt es unverändert bis heute.

Als der Verband die Aktien übernahm, hatten sie einen Wert von 0,27 Cent pro Stück – seit damals haben sie fast 30 Prozent eingebüßt. Nur: Den realen Wert hat der Verband eh nie bezahlt, nicht einmal im Ansatz. Vielmehr wurden acht Einzelpakete durch den Stützungsfonds des SVGSH übernommen – jedes Paket wechselte für einen Euro den Besitzer.

Früher war die „Beate Uhse“-Zentrale etwas versteckt in einem Flensburg-Gewerbegebiet ansässig, in unmittelbarer Nähe zum Tüv und zur örtlichen Zulassungsstelle. Bier, die Punkte-Kartei vom Kraftfahrt-Bundesamt und eben „Beate Uhse“ waren über Jahre hinweg so etwas wie Flensburgs Markenkern im Rest der Republik. Doch heute gehört der graue Firmenstammsitz, das sogenannte Sex-Eck, einem Möbelunternehmen.

Die Firmenzentrale der Beate Uhse AG an der Gutenbergstraße in Flensburg. Foto: Dommasch
Die Firmenzentrale der Beate Uhse AG an der Gutenbergstraße in Flensburg. Foto: Dommasch
 

Der Geschäftssitz wurde offiziell vor zwei Jahren nach Hamburg verlegt, die Rechtsabteilung war schon früher in die Hansestadt umgezogen, Teile des Finanzwesens wurden in die Niederlande verlagert. Immer wieder war es in der Zwischenzeit zum Abbau von Arbeitsplätzen gekommen. Die Entertainment-Sparte „Beate Uhse New Media“, die zuletzt noch in dem Gebäude in der Flensburger Gutenbergstraße ansässig war, wurde vergangenes Jahr an die Schweizer TMC Content Group verkauft. Dabei war der Entertainment-Geschäftsbereich zuletzt der einzige bei „Beate Uhse“, der beim Ergebnis vor Steuern keine roten Zahlen in der Bilanz auswies. Es mutet an wie ein Ausverkauf.

Die TMC Content Group steht unter anderem hinter der Marke „Beate Uhse.TV“ – und ist im Gegensatz zum eigentlichen „Beate Uhse“-Konzern, der immerhin gut ein Viertel an den Schweizern hält, hoch profitabel. Für das Geschäftsjahr 2016 erzielten die Schweizer ein Gesamtergebnis von 1,6 Millionen Schweizer Franken (1,45 Millionen Euro). Früher mischte auch der Uhse-Clan bei dem Unternehmen mit. Welche Rolle er heute dort spielt, ist unklar.

2010 – das Jahr der Wende

„Sex sells, das ist so und das wird immer so bleiben“, sagte der Ex-Vorstandschef von „Beate Uhse“, Serge van der Hooft, laut eines Redemanuskripts auf einer Hauptversammlung in 2011. „Auch wenn die Zahlen des Geschäftsjahres es noch nicht widerspiegeln, 2010 war das Jahr der Wende“, zeigte er sich damals überzeugt. 60 Millionen Euro standen in diesem Wendejahr unter dem Strich.

Verstärkt wurde in der nachfolgenden Zeit auf Frauen und Paare als Kunden gesetzt, das Firmenlogo in Rosa eingetaucht, Filialen geschlossen. Die Verluste gingen zurück, zeitweilig schrieb die Firma schwarze Zahlen. Doch im vergangenen Jahr stand der Konzern dann mit einem Male kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Die Trendwende war nämlich nicht zuletzt durch eine 30-Millionen-Euro-Anleihe finanziert – die das Unternehmen nicht mehr bedienen konnte. Tagelang wurde gepokert. Doch die Gläubiger spielten nicht mit. Am Ende half nur der Kredit eines unbekannten Geldgebers aus der Klemme.

Der letzte Akt im Drama wurde in der ersten Hälfte dieses Jahres aufgeführt. Als neuer Chef soll seitdem Michael Specht – zuvor bei Puma, L’Tur und Starbucks – „Beate Uhse“ eine Zukunft geben. Kurz nach seinem Amtsantritt wurde der bisherige Finanzchef Cornelius Vlasblom in die Wüste geschickt und die Veröffentlichung des Konzernabschlusses verschoben.

Der weiche rosa Schriftzug auf der Internetseite des Konzerns ist in den vergangenen Wochen wieder einem Rot-Ton gewichen. Nur klein ist noch der Name der Gründerin am Kopf der Seite zu lesen. In großen Buchstaben hingegen: „BU – Be You“. Es ist das Motto, mit dem sich das Unternehmen nun offiziell präsentiert. Zu Deutsch: Sei Du selbst!

Erklärungen dafür gibt es aus Hamburg nicht. Dort wird geschwiegen. Wie auch sonst überall. Antworten, die alle Gesprächspartner im Rahmen der Recherchen versprechen, bleiben aus.

Es ist wohl wie in so vielen Beziehungen. Irgendwann hat man sich nichts mehr zu sagen.

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erstellt am 15.Jul.2017 | 17:50 Uhr

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