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Bundestagswahl 2017 : Populismus im Wahlkampf: Die Angst wählt mit

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In der Wahlkabine sorgt Angst dafür, dass das Kreuzchen am politischen Rand gesetzt wird. Und das wissen populistische Parteien sehr genau.

shz.de von
erstellt am 28.Jul.2017 | 19:54 Uhr

Eine AfD-Wahlkampfveranstaltung Ende März 2017 in Ellerau: Heiko Evermann, Direktkandidat für den Kreis Segeberg im nördlichen Hamburger Speckgürtel, steht auf der kleinen Bühne des Bürgerhauses. Zur Einstimmung auf den schleswig-holsteinischen Landtagswahlkampf präsentiert Evermann den knapp 50 Zuhörern einen simplen Dreisatz.

Mit Brille, Anzug, Krawatte und sauberem Seitenscheitel rechnet er vor: 2000 Kämpfer der Terrormiliz IS haben 2014 in Mossul ausgereicht, um 30.000 Mitglieder der irakischen Armee aus der Stadt zu vertreiben. Das ergibt ein Verhältnis von 15 zu 1. Folglich reichten 12.000 Islamisten unter Waffen aus, um die derzeit 180.000 Mann Bundeswehr zu überrennen. Laut Verfassungsschutzbericht gebe es in Deutschland jetzt schon knapp 10.000 Salafisten. Mit ruhiger Stimme formuliert er sein Fazit: „Wenn die sich jetzt bewaffnen, dann haben wir ein Problem.“ Ein Raunen geht durchs Publikum. Einige der Besucher stecken die Köpfe zusammen, als würden sie noch einmal nachrechnen. Andere nicken, als wollten sie signalisieren: Wir haben verstanden.

Aus Sicht des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck ist „Populismus ein Brandbeschleuniger der Angst“. Und auch, wenn Heiko Evermanns ruhige und sachliche Stimme an jenem Frühlingsabend im Kreis Segeberg so wirkte, als versuche er jeden Vorwurf von Hetze oder Panikmache im Keim zu ersticken: Seine Botschaft, dass eine Machtübernahme radikaler Islamisten im Bereich des Möglichen ist oder sogar – rein mathematisch natürlich – kurz bevorsteht, ist unmissverständlich. Er will Angst machen. Oder gibt es nicht doch ein paar Unterschiede zwischen dem Irak des Jahres 2014 und Deutschland 2017? Ist nicht die Bundesrepublik stabiler und wehrhafter als das von Jahrzehnten des Kriegs gezeichnete Land am Persischen Golf? Egal.

Flucht oder Angriff

Den Scheinwerfer grellstmöglich auf einen bestimmten Teil eines hochkomplexen Themengebiets wie Islamismus zu lenken, ist eine der beliebtesten Techniken bei Populisten. Und am liebsten wird der Fokus auf den Teil gerichtet, der Angst macht. Evolutionsgeschichtlich soll dieses Grundgefühl den Körper vor Gefahr warnen und ihn in einen Zustand versetzen, der die Handlungsoptionen auf zwei Möglichkeiten reduziert: Flucht oder Angriff. Was bei der Konfrontation mit einem Säbelzahntiger das Leben retten konnte, bedeutet übersetzt für die Entscheidung am Wahltag: nicht wählen oder radikal wählen.

Auch eine aktuelle Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ergab, dass Angst die Wähler an die politischen Ränder manövriert: „Während unbesorgte Menschen zur FDP tendieren, zieht es viele besorgte Menschen zu AfD und der Linken.“ Die drei höchsten Werte in der Angst-Skala der DIW-Forscher erreichen die Wähler dieser beiden Parteien: 82 Prozent der AfD-Wähler gaben an, dass sie große Sorgen mit Blick auf die Zuwanderung nach Deutschland haben, 71 Prozent fürchten sich vor der Entwicklung der Kriminalität. 62 Prozent der Linken-Wähler haben große Sorgen um den Erhalt des Friedens. Höhere Werte erreicht keine andere Partei. Die Linken-Wähler liegen außerdem bei der Sorge vor den Folgen von Ausländerfeindlichkeit an der Spitze.

Die Studie macht auch deutlich, dass die AfD-Wähler am ängstlichsten sind: Sie fürchten außer den Folgen der Zuwanderung und mehr Kriminalität, das Ende des Friedens (55 Prozent) und das Auseinanderbrechen der Gesellschaft (48 Prozent). Die Sorge um die eigene wirtschaftliche Entwicklung (20 Prozent) oder den eigenen Arbeitsplatz (neun Prozent) steht in Zeiten, in denen Flüchtlingskrisen, Sex-Mobs und Kriege in aller Welt die Schlagzeilen dominieren, offenbar nicht im Zentrum.

Auch die Wähler am rechten Rand kommen anscheinend finanziell solide über die Runden: Das durchschnittliche Haushaltseinkommen der AfD-Wähler liegt laut DIW-Studie mit 2933 Euro nur knapp unter dem, was die SPD-Familie mit 3010 Euro zur Verfügung hat. Und auch wenn die eigene wirtschaftliche Situation quer durch alle Parteipräferenzen als eher positiv eingeschätzt wird – fünf oder mehr auf einer Skala von eins bis zehn –, so sind es auch hier die AfD-Wähler, die mit den meisten Sorgen in die Zukunft blicken: 40 Prozent machen sich Sorgen um die eigene Altersvorsorge. Auch hier ein Spitzenwert der Sorge.

„Angst ist ein politischer Verkaufsschlager“

In seinem Buch „Panikmache“ hat sich der Journalist Jörg Schindler dem populistischen Umgang mit den Sorgen der Menschen gewidmet. Sein Fazit: „Angst ist ein politischer Verkaufsschlager. Wer Sicherheit verspricht, dem laufen verunsicherte Menschen zu.“ Es ist eine Taktik, aus der AfD-Frontfrau Frauke Petry keinen Hehl macht. „Wir brauchen die Ängstlichen, um Mehrheiten zu bewegen“, sagte sie im November 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise während des AfD-Bundesparteitags in Hannover.

Ähnlich wie der AfD-Politiker Heiko Evermann bedient sich Buch-Autor Jörg Schindler der Mathematik, insbesondere der Wahrscheinlichkeitsrechnung, um den Botschaften seines Buchs ein Fundament zu geben. Er setzt die Opferzahlen von Terroranschlägen in Relation: „Selbst wenn Terroristen einmal im Monat in den USA oder Europa ein Flugzeug entführten und zum Absturz brächten, wäre die tödliche Bedrohung für jeden Bürger im Westen weitaus geringer als etwa jene, durch Passivrauchen, falsche Ernährung, Feinstaub oder ganz gewöhnliche Verbrechen ums Leben zu kommen.“ Das Risiko, im Straßenverkehr zu sterben, sei mehr als 200.000 mal so hoch wie das, von Terroristen ermordet zu werden: „Dass wir uns vom Einen ins Bockshorn jagen lassen, vom Anderen nicht, hängt vor allem damit zusammen, dass das große Sterben im Straßenverkehr ein schleichender, dezentraler Prozess ist, der in der Regel keinerlei Widerhall in unseren Medien findet, während die Terroristentat viele Menschenleben auf einen Schlag auslöscht und über Wochen Sondersendungen und Talkshows nach sich zieht. Und dennoch fällt sie statistisch nicht annähernd so deutlich ins Gewicht.“

Diese emotionale Unwucht kann jeder an sich selbst festmachen. Wer hatte nicht ein mulmiges Gefühl, nach den Anschlägen am 11. September 2001 in ein Flugzeug zu steigen? Wer verspürte nicht Angst am Glühweinstand eines Weihnachtsmarkts im Dezember 2016? Oder nach dem Anschlag auf ein Popkonzert in Manchester am 22. Mai 2017 beim Besuch einer ähnlichen Veranstaltung? All das bleibt in Erinnerung. Obwohl die Fahrt dorthin mit dem Auto und die Folgen von Alkoholkonsum deutlich mehr Todesopfer fordern.

In den USA werden laut Schätzungen der Washington Post jeden Tag neun Menschen von Kindern erschossen, weil Knirpse Waffen in die Finger bekommen haben. Aber genauso, wie jeder Wahlkämpfer in Deutschland davon abraten würde, schärfere Regeln für den Straßenverkehr zu fordern, befinden sich Reglementierungen für den Waffenbesitz in den USA auf der Tabu-Liste.

Populisten brauchen eine Stimmung, in der alles immer schlimmer wird. Die Anzahl der polizeilich erfassten Fälle, bei denen Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch wurden, aber sank laut polizeilicher Kriminalitätsstatistik von 2002 bis 2016 in Deutschland von 20.389 auf 14.051 Fälle. Fast 500 Mordopfer gab es im Jahr 2000, im vergangenen Jahr waren es weniger als 400. 217.932 Fälle von Gewaltkriminalität wurden im Jahr 2007 erfasst. 2016 waren es 193.542.

Jeder einzelne dieser Fälle ist grausam. Aber: Das Leben in Deutschland ist seit der Jahrtausendwende in Summe sicherer geworden. Buchautor Jörg Schindler empfiehlt daher, gelegentlich einen Blick hinter die Kulissen der Angst zu wagen: „Das freilich hieße, bisweilen seinen Instinkt zu hinterfragen und nicht jeder Panikmache auf den Leim zu gehen.“ Und dabei hilft auch ein bisschen Mathematik.

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