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Flensburger Tageblatt

20. August 2017 | 23:42 Uhr

Politiker stellen sich dem Thema Armut

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Dreistündige Podiums- und Publikumsdiskussion mit Bundestagskandidaten am Mittwoch in der Phänomenta

Armut hat viele Facetten – aber keine Lobby. Wie lässt sich gegensteuern? Gibt es neue Lösungswege für Teilhabe und Gerechtigkeit? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion in der Phänomenta, zu der die Direktkandidaten für die Bundestagswahl am 22. September eingeladen sind.

Das Christian-Jensen-Kolleg will auf diesem Wege Politiker, Experten aus Diakonie und Kirche sowie Bürger in einen konstruktiven Dialog bringen. „Wir brauchen Menschen, die sich stark machen für die Schwachen“, bringt Friedemann Magaard, Geschäftsführer des Breklumer Kollegs, die Grundidee der Veranstaltungsreihe auf den Punkt. Es gehe darum, sich einzumischen in eine aktuelle politische Debatte. Nicht nur das Publikum werde von dem Diskurs profitieren, sondern auch die Politiker, ist sich Magaard sicher. „Sie werden neue Sichtweisen zum Thema Armut entwickeln.“ Um das zu überprüfen, ist in zwei Jahren eine Folgeveranstaltung geplant. „Da werden wir“, so der Theologe, „noch einmal konkret nachfragen.“

Britta Jordan, beim Evangelischen Regionalzentrum Westküste (Husum) zuständig für Frauenarbeit, weiß aus ihrer Erfahrung, aus Gesprächen mit Gleichstellungsbeauftragten und Frauenverbänden, dass das Armutsrisiko besonders Frauen bedroht – oft allein erziehend, im Erwerbsleben schlechter gestellt als Männer. „Da bleibt die Gerechtigkeit auf der Strecke“, sagt sie und berichtet exemplarisch vom Schicksal einer über 70-Jährigen, zeitlebens abhängig vom Einkommen des Ehemanns, dann die Scheidung – und plötzlich reicht die Rente nicht mehr aus. „Da muss sie“, schildert Britta Jordan, „in ihrem Alter halbtags arbeiten gehen. Den Job braucht sie, um zu überleben.“

Wen interessiert das? „Sinkende Börsenwerte finden mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit als das Thema Armut“, meint Thomas Nolte, Diakoniepastor im Kirchenkreis Schleswig-Flensburg. Trotz Wirtschaftswachstum und positiver Arbeitsmarktzahlen sei die Zahl derjenigen, die nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, „stagnierend hoch“. Sie seien ausgeschlossen von Arbeit, Freizeit, Bildung, Kultur – und nicht zuletzt von Gesundheit. Er bringt die allseits geforderte „Inklusion“ ins Spiel – ein Begriff, der sich angesichts des erlebten gesellschaftlichen Alltags als „hohl“ erwiesen habe.

Wie schnell der Absturz in Armut sich vollziehen kann, wird deutlich, wenn man sich die rasant steigenden Kosten für den Lebensunterhalt vergegenwärtigt: Lebensmittel werden teurer. Wohnraum entweder nicht bezahlbar oder nicht bewohnbar. Landesweit 10 000 Menschen wohnungslos oder von akuter Wohnungsnot bedroht. Energiekosten seit dem Jahr 2000 um 75 Prozent gestiegen.

Allein in Flensburg sind über 300 Haushalte ohne Strom, weil Mieter ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können. Nolte: „Besonders Altersarmut ist ein Zukunftsthema, das uns alle beschäftigen muss.“ Friedemann Magaard ergänzt in Anlehnung an ein Zitat von Mahatma Gandhi: „Wenn die Armen kein Veto-Recht haben, ist die Demokratie in Gefahr.“


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erstellt am 21.Aug.2013 | 19:01 Uhr

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