Politik als Passion - seit sechs Jahrzehnten

Gut sortierter Sekretär: Das Büro ist mit Landkarten tapeziert: 'Wenn ich von einem Ort lese, möchte ich genau wissen, wo das ist.' Foto: Walther
Gut sortierter Sekretär: Das Büro ist mit Landkarten tapeziert: "Wenn ich von einem Ort lese, möchte ich genau wissen, wo das ist." Foto: Walther

Wilhelm Ludwig Christiansen geht auf die 89 und ist kein bisschen politikmüde. Über Jahrzehnte agierte er eher im Hintergrund - etwa beim SSW als Landessekretär. Als Zeitzeuge wird er nun nach Bonn fahren: Dort ist heute Feierstunde zum 60. Jahrestag der konstituierenden Sitzung des Bundestages.

shz.de von
07. September 2009, 06:14 Uhr

Flensburg | Mit 70 begann er, Bücher zu schreiben, mit 69 schrieb er sich für Geschichte an der Uni Odense ein, mit 88 öffnet er die Tür zu einem sortierten Haus mit Garten und Teich und Geschichten. Und heute wird Wilhelm Ludwig Christian sen eine kleine Reise in die Vergangenheit antreten.

Zielsicher fischt er die Einladung des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert aus einem Stoß Papier. In erster Linie Mitglieder des Deutschen Bundestages werden sich aus Anlass des 60. Jahrestages der konstituierenden Sitzung des Parlaments im ehemaligen Plenarsaal versammeln, dem heutigen World Conference Centers in Bonn. Christian sen begleitete damals als Sekretär den früheren Bundestagsabgeordneten Hermann Clausen, der als Landesvorsitzender des Südschleswigschen Wählerverbandes zwischen 1950 und 1956 half, die Minderheitenpartei zu etablieren. "Ich erwarte keine Bekannten von 1949 zu treffen", sagt Wilhelm Ludwig Christian sen erfrischend flapsig.

Als wäre es gestern geschehen, erinnert er sich an den 7. September 1949, die Festrede des Paul Löbe und "in welcher Ruhe" der Alterspräsident Einwürfe parierte, als er die Standfestigkeit der Sozialdemokraten heraushob, gegen das Ermächtigungsgesetz zu stimmen. Carlo Schmid hört er noch, einen "Redner vor dem Herrn", sieht im Geiste, wie Oppositionsführer Kurt Schumacher, gestützt auf Annemarie Renger, den Saal betritt. Er hatte das Glück, von Politikern zu lernen, sagt Christiansen, doch sollte er nie ein Mandat übernehmen. Auch der Traum, Journalist zu werden, platzte - "mit so einem Vater", der Hitler aus dem Land jagen wollte. Stolz sei er auf seinen alten Herrn, "der hatte Rückgrat: Die meisten sind geborene Anpasser."

Zu verbiegen ist auch der frühere Leichtathlet nicht, den Verwundungen und Gefangenschaft einmal um die Welt über St. Malo, Nordamerika und Großbritannien trieb. 1946 wurde er Büroleiter im Gewerkschaftshaus. Über ihm saßen die Parteien. "Ich wollte das dänische Element stärken", erklärt der Abkömmling dänischer Vorfahren seinen Eintritt in die SPD damals. Zwei Jahre darauf stieß er die Gründung des SSW mit an und wurde Landessekretär, später eine Art Ombudsmann in Flensburg, Stadtgeschichteführer, Aktiver der Europa-Union. "Von Beruf bin ich Flensburger", kokettiert er, bezeichnet sich als Sozialdemokrat "skandinavischer Prägung". Die nördlichen Nachbarn "machen nicht aus allem eine Weltanschauung", sondern gingen Angelegenheiten praktisch an. Und noch etwas unterscheide die Völker: "Die Deutschen haben ein Vaterland, die Dänen haben ein Mutterland."

Der vierfache Vater liest viel, streitet gern, lernt Gedichte auswendig und verfolgt das Tagesgeschehen - "das hält jung", sagt der 88-Jährige. "Die Beine taugen nichts, aber der Kopf funktioniert." Gerechtigkeit als Thema treibt ihn um. Wenn eines der reichsten Länder der Armut entgegengehe, "muss bei der Finanzgesetzgebung etwas falsch gelaufen sein", klagt Christiansen. Und wenn Menschen "von ihrem Vermögen zehren müssen, bis sie alt sind und arm" sind, sei das "keine Art und Weise", ereifert er sich mit Leidenschaft. "Als sie Stegner zum Spitzenmann machte, hat die SPD die Landtagswahl verloren", sagt er er voraus. In jedem Fall gehe er zur Wahl: "Jede Nichtwahlstimme für eine demokratische Partei stärkt die Rechten."

.Die Feierstunde wird vom WDR in der ARD von 10.30 bis 12.15 Uhr und im Phoenix live übertragen.
Paul Löbe am 7. September 1949
„Wenn ich Ihnen sage, daß allein von den 94 sozialdemokratischen Abgeordneten, die gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt haben, da sie sich zu jener Zeit noch in Freiheit befanden, 24 ihren Widerstand mit dem Leben bezahlt haben, (die Abgeordneten erheben sich von ihren Sitzen) wenn Sie bedenken, welche Opfer – (Unruhe. Zuruf rechts: Auch von anderen Parteien sind Opfer gebracht worden; wir wollen keine Rechnungen aufmachen! Weitere Zurufe rechts und von den Kommunisten.) – Meine Herren, lassen Sie mich nur weitersprechen. Wäre nicht die Unterbrechung erfolgt, so hätte ich das sowieso erwähnt. – Wenn Sie bedenken, daß große Opfer auch von der kommunistischen Fraktion gebracht worden sind, aber auch von Mitgliedern des früheren Zentrums und von Abgeordneten bis in die Rechtsparteien hinein, dann wird sich ergeben, daß auch dieser Vorwurf nicht aufrechterhalten werden kann.“

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