Gelting : Polder-Lösung auf dem Prüfstand

 Lang anhaltende Regenfälle hatten im September 2011 ganze Straßenzüge in Gelting unter Wasser gesetzt.
Lang anhaltende Regenfälle hatten im September 2011 ganze Straßenzüge in Gelting unter Wasser gesetzt.

Es gibt zahlreiche Einwände gegen die Pläne für ein natürliches Rückhaltebecken in Gelting.

shz.de von
11. Januar 2018, 13:58 Uhr

Sie haben eine Mammutaufgabe zu leisten – die gewählten Vertreter des Wasser- und Bodenverbandes Geltinger-Stenderuper Au gemeinsam mit Fachleuten der Kreises für Wasserwirtschaft und Bodenschutz sowie Experten einiger Ingenieurbüros. Insgesamt 600 Einsprüche gegen die auch von der Kommune Gelting favorisierte „Polderlösung“, mit der ein nachhaltiger Hochwasserschutz in der Ostangelner Gemeinde sichergestellt werden soll, müssen unter die Lupe genommen werden. Zu den sogenannten „Einwendern“ zählen unter anderem die Interessengemeinschaft für Land-, Gewässer- und Hochwasserschutz Gelting und Umgebung und der Naturschutzbund Schleswig-Holstein. Hinzu kommen Privatpersonen, die ebenfalls von der Leistungsfähigkeit des künftigen Riesen-Rückhaltebeckens nicht überzeugt sind.

Anlässlich des jüngsten – nicht öffentlichen – Erörterungstermins zum Planfeststellungsverfahren zwecks „Errichtung einer Binnen-Hochwasserschutz-Maßnahme in der Gemeinde Gelting“ verschaffte die Kreisbehörde den Befürwortern und Gegnern des Polder-Projekts Gehör. Um den Durchblick über die Vielzahl von Einsprüchen gegen die Polderlösung zu wahren, wurden von den Behördenvertretern ähnlich klingende Beschwerden zu Untergruppen zusammengefasst. Klar und deutlich unterstrich der Verhandlungsleiter Thorsten Roos vom Kreis: „Bei dieser Anhörung ist der Kreis zur absoluten Neutralität verpflichtet.“

Eine Neuerung: Im Versammlungsverlauf erschien das aktuelle Protokoll Satz für Satz via Laptop und Beamer auf der großen Leinwand. Im Blickpunkt stand an erster Stelle folgender Einwand: „Die Kapazität des Polders reicht nicht aus.“ Es bestehe die Gefahr, dass er nach tagelangem Starkregen überlaufe und doch den Ortskern überflute, hieß es aus den Reihen der Kritiker.

Diese Befürchtung wies der Hamburger Hydrologe Nils Petersen, einer der beratenden Experten des Wasser- und Bodenverbandes, aufgrund theoretischer Untersuchungen zurück. Der Polder soll demnach 210 000 Kubikmeter Wasser aufnehmen können. Der Abfluss in die Geltinger Au beziehungsweise in das Rohrsystem unterhalb der Nordstraße erfolgt dann dosiert mit einer Menge von 1,4 Kubikmetern pro Sekunde. Planer Burkhard Grube von der Elmshorner Ingenieurgesellschaft Reese und Wulff bestätigte die Einschätzung, dass mit einem solchen Polder die große Flut von Gelting im September 2011 hätte verhindert werden können. Zur Erinnerung: In das Einzugsgebiet des Wasser- und Bodenverbandes flossen damals binnen einer Woche 1,05 Millionen Kubikmeter Regenwasser und riefen die Überschwemmungskatastrophe hervor.

Zu Protokoll genommen wurde unter anderem, dass in den Polder gelangte Störstoffe aus Holz oder Metall die Abflussmenge verringern könnten. Außerdem sehen die Poldergegner Probleme im „Hinterland“ bei Freienwillen voraus, also außerhalb des Polders. Die Stenderuper Straße werde so überschwemmt, dass nur noch Rettungsfahrzeuge diesen Gefahrenstelle passieren könnten. Planer Grube räumte ein: Eine totale Schadensfreiheit werde es nicht geben. Man müsse in Kauf nehmen, dass im Ernstfall in einigen Bereichen Gärten und landwirtschaftliche Flächen mit Wasser volllaufen.

Wie geht es in diesem langwierigen Verfahren weiter? Roos verdeutlicht: Sobald alle Widersprüche und Stellungnahmen erfasst worden sind, entscheidet ein Fachgremium der Kreiswasserbehörde über die Genehmigung des Polder-Projekts. Sollte sich nur ein einziges Gegenargument als unumstößlich und stichhaltig erweisen, wird die Genehmigung versagt. Nicht auszudenken bleibt, welche Zeitverzögerung es geben könnte, falls erst nach einer Klage ein Richterspruch darüber entscheiden müsste, ob der Polder oder eine kanalartige Umleitung den Hochwasserschutz in Gelting sicherstellen soll. Da fragen sich schon manche Leute ironisch, ob nicht doch zuvor der Berliner Flughafen früher fertig wird.

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