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Museumshafen Flensburg : Plötzlicher Spätsommer vergoldet die Apfelfahrt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Am Sonntag pilgerten Tausende übers Bohlwerk / Lüttfischer „Abbi“ muss mit Leck an Land

shz.de von
erstellt am 16.Okt.2017 | 06:22 Uhr

Overdressed! Manch einer, der gestern am Vormittag der Hökerei auf dem Bohlwerk nur kurz einen Anstandsbesuch abstatten wollte, fand sich zwei, drei Stunden später auf der Sonnenbank mit Blick aufs Ostufer wieder, Fischbrötchen und  /  oder Bier in der Hand. Plötzlich war noch mal der Sommer da und beschien das dicht bevölkerte Bohlwerk. Regenjacken und Pullover hatten schlagartig ausgedient.

Der Sonnabend hatte noch englisches Wetter für Flensburg vorgehalten: Kein Regen, aber nass ist es trotzdem. Der Publikumszuspruch hielt sich naturgemäß in Grenzen, während der Sonntag die Flensburger zu Tausenden mobilisierte und die traditionelle Hökerei zu Gunsten der Vereinskasse ordentlich in Schwung brachte.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und die Wurst ist der Räuchermakrele Feind. Seit gefühlten Jahrzehnten war die Wurstbude immer am nördlichen Ende des Bohlwerks, diesmal hatte sie die Marktleitung zu Gunsten des Kakaoverkaufs für das Vereinsschiff „Greta“ an den Anfang des maritimen Parcours versetzt, wo die „letzte Wurst vor der Grenze“ deshalb in vielen Fällen erst im zweiten Anlauf entdeckt wurde. Ansonsten Schlangen und Pulks überall. Schlangen vor Bens Fischbrötchen, Schlangen vor dem Waffelstand, teilweise Pulks an den Verkaufsständen der Segler, Kinderpulks zur Wikinger-Lesestunde mit Kurt Svensson, der in der Hütte im Lüttfischerhafen aus seinen Büchern über Ole den Wikinger las.

Kleiner geduldiger Pulk auch vor dem pittoresken Kanonenofen, auf dem Martin Schulz, Geschäftsführer des Vereins, heiße Maronen im Akkord zubereitet. „Wo haben Sie den zauberhaften Ofen bloß her?“, fragt eine Passantin. Antiquariat natürlich, und die verrußte die Kupferpfanne, eine Gelegenheit im Internet. Seinen altertümlichen schwarzen Ausgehrock hat Schulz längst beiseite gelegt. Jetzt ist er froh über die Gäste aus Dänemark, die Flensburgs Apfelfahrt retten halfen.

Die Apfelernte auf der Glücksburger Plantage war wegen des kalten Frühlings dürftig, nur 200 Kilo gingen klimabedingt in den Verkauf. Zum Glück hatte die „Ebba Aaen“, Schwester des berühmten Expeditionsschiffs „Dagmar Aaen“ leckere Ergänzungsnahrung an Bord: nämlich 300 Kilo rotgoldene Ingrid Marie und Gravensteiner aus Gavensteiner und Kollunder Plantagen auf der anderen Seite der Flensburger Förde – auch dort war Freitag und Sonnabend dem Apfel gehuldigt worden, gestern kam „Ebba Aaen“ mit den Resten.

Einen Schiffsverlust gab es auch zu beklagen: der Lüttfischer „Abbi“ hatte sich in einer verunglückten Wende mit seiner Spiere eine Planke durchschlagen und musste an Land gebracht werden. Das blieb einem unglücklichen Dorsch erspart: den entdeckten Bummelanten in einem Kescher am Hafengrund, gefangen in einem versunkenen Kinder-Kescher. Da genügend Räucherfisch vorhanden war, wurde der Kleine in die Freiheit entlassen. Wer weiß, wie es ihm ohne Apfelfahrt ergangen wäre.

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