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Rotary-Jugendaustausch : „Plötzlich bewegte sich das Bett unter mir!“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Drei Jugendliche aus Flensburg gerieten in die Katastrophengebiete von Mexiko und Florida

shz.de von
erstellt am 11.Okt.2017 | 14:32 Uhr

Wie zuversichtlich sie waren. Begierig, andere Kulturen zu erleben. Bereit für Abenteuer. Die Reisen für Jonas und Jakob Rodewald sowie den 15-Jährigen Lorenz Kraft gestalteten sich jedoch abenteuerlicher als ihnen lieb war. Während die Geschwister in verheerende Erdbeben gerieten, erlebte Lorenz den Hurrikan „Irma“ in Florida.

Diese bleibenden Erfahrungen machten die drei beim Jugendaustausch des Rotary Clubs Flensburger Förde. „Da schicken wir drei junge Menschen in die Welt hinaus“, sagt dessen Jugenddienst-Beauftragter Michael Klinzmann, „und dann landen sie mitten in den schlimmsten Naturkatastrophen.“ Er könne gut nachvollziehen, welche Sorgen und Ängste die Eltern ausgestanden hätten.
◦ Jakob Rodewald sammelte in den ersten Monaten seiner Zeit in Mexiko eine Unmenge an Eindrücken. „Ich habe eine neue Kultur kennen gelernt“, sagt er. „Eines der außergewöhnlichsten Erlebnisse waren allerdings die Erdbeben, allein aufgrund der Tatsache, dass ich noch nie eines so deutlich spürbar erlebt hatte.“ Das erste erlebte der 17-Jährige am Donnerstag, 8. September, um kurz vor Mitternacht. Die Schule war für den folgenden Tag bereits abgesagt, da befürchtet worden war, dass Ausläufer des Hurrikans über Florida auch bis nach Mexico-City, in dessen unmittelbarer Nähe er untergebracht war, gelangen könnten. Als die Erde zu beben begann, war Jakob gerade am Einschlafen. „Ich war zunächst etwas verwirrt , weil mein Bett sich bewegte. Allerdings blieb ich einfach liegen und schaute mich um, wie alles um mich herum ein wenig schwankte.“ Erstaunlich: Kurz darauf schlief er wieder ein.

Ein weiteres Beben ließ die Erde nochmals erzittern – am 19. September, dem Jahrestag eines der verheerendsten Erdbeben überhaupt. Auf den Tag genau 32 Jahre nach der Katastrophe von 1985. Damals waren 10  000 Menschen ums Leben gekommen. Eines der Epizentren lag auch diesmal wieder sehr dicht an der Millionen-Metropole. Jakob saß zu diesem Zeitpunkt noch im Unterricht, es war kurz vor Schulschluss. „Im ersten Moment dachte ich, dass einer meiner Mitschüler von hinten gegen meinen Stuhl getreten habe. Als dann aber alle aufstanden, realisierte ich, dass es ein weiteres Erdbeben war.“

Alle verließen den Klassenraum, die ganze Schule sammelte sich auf dem Hof, dann war urplötzlich alles ruhig. Tags darauf fand erneut kein Unterricht statt, da die Schule auf ihre Stabilität geprüft wurde. Im Fernsehen waren die enormen Auswirkungen des Bebens auf Mexico City zu sehen. Jonas informierte sofort seine Familie in Flensburg, dass ihm nichts passiert war. Die nächsten Tage waren damit ausgefüllt, an einem von Rotary organisierten Hilfsstand Nahrungsspenden und andere Hilfsgüter zu ordnen und zu verteilen. „Die Solidarität der Mexikaner“, sagt Jakob, „war sehr beeindruckend.“

Sein Bruder Jonas ist Schüler der Auguste-Viktoria-Schule und lebt derzeit in Oaxaca de Juárez. Er war von seiner Gastfamilie bereits darauf vorbereitet worden, dass sich ein Erdbeben ereignen könnte. Und einen Monat nach seiner Ankunft, an jenem 8. September, erlebte auch er das stärkste Erdbeben der letzten 20 Jahre, das vor allem die Bundesstaaten Chiapas und Oaxaca heimsuchte. „Es war kurz vor zwölf, ich war fast eingeschlafen, als ein Alarm losging und meine Gasteltern ins Zimmer gestürmt kamen, um mit mir in den Garten zu gehen.“ Jonas dachte zunächst, es handele sich um ein normal starkes Erdbeben, weil seine Gastgeber überaus routiniert reagierten. Dann aber hörte er die Nachrichten: „Ich sah, was für eine Zerstörung das Erdbeben angerichtet hatte.“ 8,2 auf der Richterskala, stärker als das Erdbeben, das sich später in der Nähe von Mexiko City ereignen sollte und 367 Leute mit in den Tod riss. Bei diesem zweiten Beben hielt Jonas sich zufällig zu einem Besuch in Mexiko-Stadt auf. „Ich ging gerade durch eine Mall, als das Erdbeben anfing. Plötzlich fingen Leute an zu rennen und alle kamen aus den Geschäften gelaufen. Wir gingen raus auf den Parkplatz, und wie schon beim ersten Erdbeben schrieb mir jeder, den ich hier in Mexiko getroffen hatte.“ Alle erkundigten sich, ob es ihm gut ginge, jeder versuchte, jeden zu erreichen, mit der Folge, dass zwischenzeitlich niemand mehr Empfang hatte, weil das System überbelastet war. „Viele Menschen waren verängstigt.“

Eine Naturkatastrophe ganz anderer Art brach über Lorenz Kraft herein. Eine Katastrophe namens „Irma“. Lorenz hatte bereits Informationen bekommen, dass auf dem Wasser östlich seines Standorts Mirritt Island ein Hurrikan unterwegs sei, der mit großer Wahrscheinlichkeit auf Florida treffen würde. „Also haben wir gewartet, wohin sich der Sturm bewegt.“

Da ganz Florida betroffen war, entschloss sich seine Gastfamilie, sicherheitshalber nach South Carolina zu fahren. Die Fahrt dauerte fast acht Stunden. „Alle wollten Florida verlassen.“ Videos zeigten , wo der Hurrikan überall gewütet hatte. „Er hat zum Glück in meiner Gegend keine großen Schäden angerichtet, sondern es waren nur Strom und Wasser ausgefallen, berichtet Lorenz. „Eine Woche lang konnten wir uns nicht waschen.“ Und die Schule war eine komplette Woche geschlossen.




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