Phänomenta-Anbau: "erschreckendes Ergebnis"

Da werden Erinnerungen wach: Das Nordertor in den 60er Jahren.
Da werden Erinnerungen wach: Das Nordertor in den 60er Jahren.

Der Verschönerungsverein Flensburg findet den Phänomenta-Anbau "in keinster Weise gelungen". shz.de dokumentiert die Stellungnahme des Vereins zum Anbau.

shz.de von
10. März 2008, 07:10 Uhr

Das 1596 im Stil der Spätrenaissance errichtete Nordertor stellt mit seinen Treppengiebeln aus der Spätgotik eine baugeschichtliche Besonderheit dar. Es ist das letzte erhaltene von einst vier Stadttoren der Stadt Flensburg. An seiner jetzigen Stelle steht es erst seit ca. 200 Jahren, als es nämlich wegen der Stadterweiterung um ca. hundert Meter nach Norden "verschoben" wurde.
Es bildete bis Ende des 18. Jh. die nördliche Grenze des Flensburger Stadtgebiets und war Teil einer Stadtumfassung, die durch direkt an das Tor angebaute Wohngebäude gebildet wurde. Innerhalb dieser Bebauung ragte es durch Höhe und Breite deutlich hervor, wie auf historischen Bildern zu erkennen ist. Das Nordertor ist also nicht nur ein historischer Baukörper, sondern auch seine einstige Funktion bzw. Nutzung ist inzwischen historisch. Das macht seine besondere Bedeutung aus.
Bisher stand das alte Tor als Einzelbaukörper auf dem I.C.-Möller-Platz. seit den 70- 80er Jahren und der Umgestaltung zu einem Fußgängerplatz wie ein Baustein auf weitläufigem Kopfsteinpflaster, in den letzten 20 Jahren flankiert von einer Stahl-Glas-Arkadenkon-struktion, die jetzt wieder abgebrochen wird, bzw. abgebrochen werden soll.
Nordertor als Briefporto-Motiv
In der Zeit davor, als noch Fahrstraßen daran vorbeiführten, war das Tor eingebettet in eine kleine grasbewachsene Grünanlage mit Fußwegen dazwischen. In respektvollem Abstand flankierte auf der Ostseite das in den 20er Jahren im Heimatschutzstil durch den Flensburger Architekt und Magistratsbaurat Paul Ziegler errichtete Gebäude des einstigen Wohlfahrtsamts. Auch bei dem Bau des Sparkassengebäudes auf der Westseite des Platzes legte der damalige Flensburger Stadtarchitekt Prof. Gottlieb Nietsch gesteigerten Wert auf Distanz. Genau das geschah hier aus rein bauästhetischen Gründen. Man wollte damit der entstehenden Dominanz eines größeren Gebäudes zu dem alten Stadttor unbedingt vermeiden.

Die Grünanlage gab dem Nordertor so etwas wie einen Sockel und nahm damit das Bausteinartige. Als eines der meist verwendeten Briefporto-Motive fand das Flensburger Nordertor lange Zeit in der ganzen Welt Verbreitung. Aber das war einmal.
Das Konzept, das Nordertor wieder beidseitig anzubauen, wie es einmal gewesen ist, könnte denkmalpflegerisch und architektonisch sinnvoll sein. Dann muss aber berücksichtigt werden, dass die Traufhöhen der damaligen Häuser niedriger waren als die Trauflinie des Tores, d.h. der untere Rand des ersten Treppengiebels. Das Tor überragte die angrenzende Bebauung, so wie es auch seiner Bedeutung entsprach.
Bei Sonne blau wie das Fördewasser
Nun ist der erste Teil des Phänomenta-Anbaus fast fertig, der laut Preisgerichts-Begründung "das Nordertor in seiner denkmalpflegerischen Qualität hervorhebt". Wenn man von der Norderstrasse auf den I.C.-Möller-Platz kommt, sieht man einen großflächigen, blau-gläsernen, waagerecht betonten Gebäudequader bzw. einen dunkelgläsernen horizontalen Sockelbereich mit einem wie übergehängten blauen Glasquader.
Das Blau ist auffallend, leuchtend, die Farbe ist schön und sieht aus wie das Fördewasser gegenüber - wenn die Sonne scheint. Die Spiegelungen in der gläsernen Fläche stehen optisch im Vordergrund. Die Metall-Befestigungslaschen der einzelnen Glasfelder und die waagerechten Fugen zwischen diesen Feldern strukturieren die große Fläche einheitlich, daneben erkennt man eine feinere, unauffälligere Struktur oder besser ein Muster von auf das Glas gedruckten Streifenbändern.
Das sieht schön aus - es wäre auch eine schöne Oberfläche für eine Plastiktüte aus dem Designershop, oder ein Dessin für einen Vorhangstoff oder für einen Möbelbezug. Die mit dem Streifendessin eigentlich gemeinte, im Text beschriebene, intellektuelle Interpretation der historischen Mauerwerkstextur des Nordertors - mit einer wie gewebten, stumpfen, etwas unregelmäßigen Struktur der gelben und rötlichen Backsteine - in mit Streifen bedrucktes Glas - ist für den Betrachter vor Ort eher nicht nachvollziehbar. Die harte, glatte Oberfläche des Glases mit Glanz- und Spiegelungseffekt ist dominierend. Sie drückt mit ihrer seriellen, auffallend blauen Gleichförmigkeit das Nordertor sozusagen an die Wand.
Stahl-Glas-Konstruktion auf der linken Seite
Die flach geneigte, mit den gleichen Glaselementen gestaltete Dachfläche stülpt sich mit ihrem Traufrand über den untersten Treppengiebel des Tores und dessen weitere Trauflinie - das Tor wirkt wie eingeklemmt.
Auf der linken Seite schließt der Neubau an den bisherigen Eingangsbereich der Phänomenta an, eine ca. 10 Jahre alte, unauffällig moderne Stahl-Glas-Konstruktion in Spitzgiebelform, die sich schön an die historischen Spitzgiebelhäuser der Norderstrasse anschließt. Ohne Übergang und ohne ein Eingehen auf die Konstruktions-Struktur dieses Giebelanbaus ist die harte, blaue Glasfläche daneben gesetzt mit einem unschönen Aneinanderstoßen von Trauflinie gegen seitliche Giebelfläche.
Aus der Ferne, z.B. vom Hafen-Ostufer aus betrachtet, ist der Glanz- und Spiegelungseffekt des blauen Glaskörpers nicht mehr sichtbar. Man erkennt eine waagerechte blaue Fläche, die an ein Witterungsschutz-Zelt über einer Tiefbaustelle erinnert.
Das kleine Nordertor "verblasst"
Das neu angelegte Wasserband, das über den I.C.-Möller-Platz führt, ist ein schönes Dekorationselement, das den Platz bereichert. Es vermittelt Großzügigkeit und verweist auf die benachbarte Förde.
Wenn man das Nordertor durchschreitet, hat man das nördliche Ende des Neubaus vor Augen. Die Grundfläche ist so groß, dass sie weit nach Norden über die Linie des Nordertors hinausragt. Da die Giebelwand stumpfwinklig an die Traufseite anschließt, ergibt sich der Eindruck eines blau spiegelnden, trapezförmigen Glaskubus mit schräg nach oben verlaufender Dachrandlinie. Das direkt anschließende, etwas kleinere Nordertor mit seiner stumpfen, fahlen Mauerwerksstruktur verblasst daneben. Dass an dieser Stelle die mittelgroße Kastanie erhalten wurde, ist lobenswert, sollte aber Voraussetzung für jeden Neubau gewesen sein.
Der Neubau schiebt sich in die Einmündung der Duburger Strasse und lässt nur einen schmalen Gehweg-Streifen übrig. Dass durch diese Trichterbildung "die Neustadt an die Altstadt herangezogen" wird, wie im Preisgerichtstext als positive Anmerkung zu lesen ist, mag bezweifelt werden. Der erste Eindruck ist der, dass eine zu große Gebäudegrundfläche auf ein zu kleines Grundstück gebaut worden ist.
Beulen in der grauen Wand
Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn man nun die Duburger Strasse hinaufgeht, um die Rückseite des Neubaus zu betrachten - und es ist eine Rückseite mit all den negativen Assoziationen, die diese Bezeichnung haben kann, in diesem Fall eine hässliche Rückseite!
Eine riesige graue Wand - hier ist die Firstlinie des Anbaus die Oberkante - aus einer vorgesetzten Strukturbetonplatte, wahrscheinlich mit Kunststoff-Zuschlag, was die Oberfläche synthetisch macht, einheitlich dunkelgrau bis ganz auf die Klinkerplatten des Fußwegs hinunter, leider mit zwei kleinen Beulen im oberen Bereich (Verarbeitungsfehler?), die horizontale Firsteinfassung mit abgekanteten Alu-Blechen, deren Stoßfugen schon jetzt teilweise unschön aufgebogen sind, wird auf der Gebäudeecke und an der Nahtstelle zum Sparkassen-Altbau von senkrechten Glasbändern eingefasst. Das schöne alte Mauerwerk des Sparkassen-Altbaus, das so gut zum Mauerwerk des Nordertors passt, ist hier noch seitlich zu sehen, hat aber durch den Neubaueinschub keine optische Verbindung mehr zum Tor.
Auf der Ecke des Neubaus stoßen unmotiviert ein senkrechtes hellgraues Strukturglasband als Eckverkleidung mit dem blauen Glas der übrigen Fassade und einem hier wegen des Höhenausgleichs am Boden schräg zulaufenden Sockelbereich aus hellgrünem Trapezblech zusammen. Man hat leider den Eindruck, dass keine Planungsarbeit auf die Gestaltung dieser Rückseite verwendet worden ist.
Verein: Phänomenta-Anbau in keinster Weise gelungen

Im Urteil des Preisgerichts heißt es, dass der Phänomenta-Anbau als "zeitgemäßes Museum" und als "besonderes Gebäude" sichtbar gemacht werde. Der Baukörper präsentiere sich "selbstbewusst", würde sich aber "in die vorhandene Gebäudeabwicklung einfügen". Die Anbindung an das Nordertor sei "problemlos". Weiter werden die Begriffe "spannungsreich", "interessant" und "intelligent" für den Entwurf verwendet.
Wir finden, dass die Einfügung und die Anbindung in keinster Weise gelungen sind. Ein besonderes und selbstbewusstes Gebäude ist tatsächlich entstanden.
Ein solches Gebäude würde eine architektonisch verkommene Gegend ganz bestimmt aufwerten, dann könnte man von einem blau glänzenden "Edelstein" sprechen, der zu Recht hervorragt (ausgenommen natürlich die misslungene Rückseite, s.o..). Ein paar hundert Meter weiter nördlich z.B. hätte die Gegend ein solches Bauwerk als "Leuchtturm" gut gebrauchen können.
Leerstehende Gebäude seien nicht genutzt worden
An der jetzigen Stelle aber ist intakte Altbausubstanz und eben das Baudenkmal "Nordertor" bestimmend und hätte Richtschnur für einen sich einfügenden zurückhaltenden Neubau sein sollen, der nicht das historische Tor dermaßen bedrängt - und das ist sowohl bzgl. der Fassadenoptik als auch räumlich gemeint.
Es muss auch konstatiert werden, dass mehrere Gebäude, die direkt südlich an die Phänomenta in der Norderstrasse anschließen, inzwischen leerstehen, mit entsprechend verwahrlostem Äußeren. Im Sinne einer stadtplanerischen Aufwertung dieses Straßenabschnitts wäre es äußerst sinnvoll gewesen, diese Gebäude (ehemalige Ladenflächen) für eine Phänomenta-Erweiterung umzunutzen.
Nun sind jedoch Tatsachen geschaffen, die bisherigen denkmalpflegerischen Zielen widersprechen. Vor über hundert Jahren sollte aus verkehrstechnischen Gründen das Nordertor abgerissen werden. Oberbürgermeister Dr. Thodsen, der seinerzeit auch das Amt des Vorsitzenden des Verschönerungsvereines innehatte, erkannte die Bedeutung des Stadttores und setzte sich nachdrücklich und schließlich sehr erfolgreich bei der damaligen Provinzregierung für dessen Erhalt und Renovierung ein. Mit der seit vielen Jahren angestrebten Freistellung des Tores hatte man dann ein wichtiges denkmalpflegerisches Ziel erreicht.
Das Nordertor "in Mitleidenschaft gezogen"
Als nach Abriss des Wohlfahrtsamtes in den 70er/80er Jahren die Umgestaltung des Nordertorplatzes - heute IC-Möller-Platz - anstand, gab es erhebliche Proteste aus der Flensburger Einwohnerschaft. Selbst der Wiedereinbau der Toruhr wurde auf Geheiß der Denkmalschutzbehörde nicht geduldet, denn sie würde eine erhebliche Beeinträchtigung des Sichtmauerwerkes darstellen. Mit der von den Verantwortlichen geäußerten Ansicht, dass die kleineren Glas-Stahl-Arkaden spätestens nach 25 Jahren als überholt angesehen werden dürften, beschwichtigte man die aufgebrachten Bürger.
Diese Zeit ist verstrichen und man hat Wort gehalten. Die Stadt lässt neu bauen - die Phänomenta braucht Platz - und neuerdings sogar auch noch für das angedachte Zeppelinmuseum. Das wäre ja auch gut so, wenn man nicht Flensburgs letztes Stadttor derartig in Mitleidenschaft gezogen hätte.
Die zangenartige Platzierung der Neubauten, die die langjährigen Bemühungen einer baulichen Freistellung des Nordertors zunichte macht, hätte grundsätzlich abgelehnt werden müssen. Deren Durchsetzung wurde mit der verharmlosenden Darstellung in den Entwurfsmodellen erreicht. Erschreckend entpuppt sich leider nun das Ergebnis.

Während der Planungsphase hat der Verschönerungsverein als einzige Institution kritische Gespräche und öffentliche Veranstaltungen zu dem Thema durchgeführt. Leider wurde seinerzeit die zangenartige Konstruktion selbst von der Landesdenkmalbehörde gutgeheißen.

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