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Flensburger Tageblatt

14. Dezember 2017 | 07:07 Uhr

Pflege: Wettlauf gegen die Zeit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mitarbeiter von Diako und St. Franziskus beklagen massive Arbeitsverdichtung und große Herausforderungen durch ältere und kränklichere Patienten

shz.de von
erstellt am 08.Apr.2015 | 12:04 Uhr

Sie hat es eilig. Mit großen Schritten hetzt Jeannine le Coutre, 54, den Flur entlang. Auf dem blauen Arbeitskittel hat sich am Rücken ein kleiner Schweißfleck gebildet. Kurzer Gruß an eine Kollegin, dann öffnet sie die Tür zum Patientenzimmer. Und lächelt, äußerlich tiefenentspannt. Doch der Eindruck täuscht. „Wenn ich einen Patienten behandele, dann schwirren mir schon vier, fünf andere Dinge im Kopf herum, die ich anschließend zu erledigen habe“, sagt die Diako-Krankenschwester. Telefondienst, neue Patienten in ihr Zimmer begleiten, ältere Patienten versorgen, Papierkram erledigen, Frühstück vorbereiten, bei der Chefarztvisite assistieren – eine vergleichsweise ruhige Frühschicht an einem ganz normalen Dienstagmorgen für le Coutre, Leiterin des Unfallchirurgie- und Orthopädie-Bereiches der Diako, kurz Station C4.

Augenringe. Das Haar ist leicht zerzaust. Le Coutre sieht erschöpft aus. „Wie wohl alle Krankenschwestern habe ich den Beruf aus Leidenschaft ergriffen“, sagt sie. „Weil ich anderen helfen will.“ Das ist mittlerweile 23 Jahre her. Seitdem hat sich einiges verändert. „Die Arbeitsverdichtung hat massiv zugenommen, die Aufgaben werden immer anspruchsvoller und die Patienten immer älter und kränker.“ Wenn le Coutre auf die aktuelle Situation zu sprechen kommt, wirkt sie ernst.

Damit ist sie bei weitem kein Einzelfall: Etliche weitere Mitarbeiter des Pflegepersonals beklagen die gleichen Probleme, so auch Ilona Ruch. Die 52-jährige Krankenschwester ist Stationsleiterin in der Chirurgie des Franziskus-Hospitals. „Ich habe in meinen 20 Jahren hier erst ein, zwei Kollegen erlebt, die bis zum Renten-Eintrittsalter durchgehalten haben“, sagt sie. „Bei den übrigen streikte der Körper irgendwann oder das Arbeitspensum hat ihnen zu sehr zugesetzt.“

Von anderen noch aktiven Kollegen wisse sie, dass diese teilweise völlig ausgelaugt von einer Schicht nach Hause kommen. „Die sind dann total platt und müssen sich erst einmal auf dem Sofa ausruhen.“ Solche Aussagen verwundern ihre Diako-Kollegin le Coutre nicht. „Die Arbeit macht zwar sehr viel Spaß, aber es ist mittlerweile nicht immer einfach hier.“

Nicht immer einfach sei auch die Kritik der Patienten zu ertragen. Und die gibt es reihenweise: Anfang Februar veröffentlichten die Krankenkassen AOK und Barmer GEK die Ergebnisse einer Befragung von Krankenhaus-Patienten in Schleswig-Holstein. Die Flensburger Krankenhäuser landeten im Tabellenkeller – Platz 16 von 21 für die Diako und 18 für Franziskus.

Bei der jüngsten Imagestudie von Flensburger FH-Studenten vom April 2014 bemängelten Bürger lange Wartezeiten, den Personalmangel und – damit verbunden – fehlende Zeit für Patienten und den Zustand der sanitären Anlagen.

Auch bei einer Facebook-Umfrage des Tageblatts nach den Erfahrungen in beiden Häusern äußern sich die wenigsten Leser positiv. „Unglaublich, was einem beim St. Franziskus als Patient zugemutet wird, besonders auf die Hygienemaßnahmen und so manches Personal bezogen“, schreibt Nadja Weiß. Dennis Rix urteilt: „Sehr unhöfliches Personal.“ Jan Bublitz hingegen meint: „Ich kann über meine bisherigen Aufenthalte im Franziskus nicht viel Negatives sagen – hier und da gestresste Mitarbeiter, das ist aber normal.“ Die beiden Häuser nehmen die Beschwerden ernst. „Für uns sind solche Aussagen jedes Mal ein Schlag ins Gesicht“, sagt Prof. Stephan Timm, Chefarzt der Chirurgischen Klinik im Franziskus.

Es sei ein Dilemma: „Auf der einen Seite beklagen sich die Patienten, und ihre Kritik spiegelt in der Tat unsere Probleme wider“, sagt Franziskus-Geschäftsführer Klaus Deitmaring. „Auf der anderen Seite hören und wissen wir von unseren Pflegekräften, dass sie jeden Tag ihr Bestes geben und sich fragen, warum es trotzdem solche Beschwerden gibt.“ Franziskus-Pflegedirektorin Uta Wroblewski berichtet: „Es gibt auch großes Entsetzen und teilweise weinende Pflegende, weil manche Beschwerde für sie so nicht nachvollziehbar ist.“

Doch wie kommen diese unterschiedlichen Wahrnehmungen zwischen Patienten und Mitarbeitern zu Stande? Haben die Patienten zu hohe Ansprüche? Oder sind die Pflegekräfte schlecht ausgebildet oder nicht genügend belastbar? „Beides ist ganz sicher nicht der Fall“, sagen Diako-Vorstand Karl-Heinz Vorwig und Deitmaring. Die Ursachen liegen tiefer. Da aber die Pfleger im direkten Kontakt mit den Patienten stehen, müssen sie den Ärger ausbaden.

Für Barbara Hartmann, 59, gilt das nicht mehr. Seit 45 Jahren arbeitet die Krankenschwester im Franziskus-Hospital. Vor sieben Jahren hat sie die Arbeit am Patienten gegen den Computer eingetauscht und besetzt seitdem die damals neu geschaffene Stelle der Belegungsmanagerin. Ihre Kernaufgabe: Koordinieren und telefonieren. Hartmann muss die Zimmer-Auslastung mit den 339 Betten permanent im Auge behalten, Kollegen informieren, welcher neu aufgenommene Patient in welches Zimmer gebracht werden kann, welcher Patient womöglich in welche Station verschoben werden kann, welche Patienten wann und wie entlassen werden können. Sie selbst nennt es „Patientenwege effizient leiten“. Das ist nicht einfach. Daher klingelt ihr Telefon im Sekundentakt. Ohne die 59-Jährige und ihren Kollegen im Belegungsmanagement läuft nichts. „Als ich einmal Urlaub hatte und meine Vertretung krank war, wurde ich aus dem Urlaub geholt, weil das Chaos auszubrechen drohte.“

Das war nicht immer so. Für Hartmann ist der Zustand eine Konsequenz auf die Diagnosis Related Groups (DRG), zu deutsch: diagnosebezogene Fallgruppen. Deren Einführung 2004 hat das deutsche Krankenhauswesen revolutioniert und stellt auch die beiden Flensburger Häuser noch immer vor erhebliche Herausforderungen. In dem DRG-System wird jeder Patient einer Gruppe zugeordnet – abhängig von Diagnose, daraus resultierender Behandlung, Alter, Geschlecht – und Gewicht bei Kindern, die noch kein Jahr alt sind.

Pro Patient bekommen die Krankenhäuser einen aus Erfahrungswerten ermittelten Geldbetrag überwiesen – unabhängig von der tatsächlichen Höhe der Kosten und Dauer der Behandlung. „Damit sollen die vergleichsweise langen Liegezeiten der Patienten gesenkt werden und die Krankenhäuser gleichzeitig wirtschaftlicher arbeiten“, erläutert Gesundheitswissenschaftler Prof. Roland Trill von der Fachhochschule (FH) Flensburg. Das gelingt: „Die Aufenthaltsdauer unserer stationär behandelten Patienten ist bis heute um 20 Prozent auf 8,8 Tage gesunken“, sagt Franziskus-Geschäftsführer Deitmaring. In der Diako ist es ähnlich. „Im Durchschnitt bleiben unsere stationären Patienten nur noch 5,5 Tage“, sagt Vorwig. Vor der DRG-Einführung waren es knapp zwei Tage mehr.

Doch wie sieht das konkret aus? „Früher sind Patienten, die eine künstliche Hüfte bekommen haben, 21 Tage bei uns geblieben, heute sind es noch acht“, sagt Schwester le Coutre. Die Bettenauslastung beträgt in beiden Häusern meistens zwischen 90 und 100 Prozent, ist somit unverändert hoch. Logische Folge: Mehr Patienten kommen auf weniger Pfleger. Stimmt nicht, entgegnen Deitmaring und Vorwig übereinstimmend. Das Verhältnis von Pflegekräften zu Patienten sei nahezu identisch geblieben. „Die Patienten sind aber anders geworden.“ Der demographische Wandel stellt die Kliniken vor gewaltige Herausforderungen und Probleme. Deitmaring: „60 Prozent unserer jährlich 31  000 Patienten sind über 65 Jahre alt.“ Von ihnen werden etwa 11  000 stationär versorgt. Mit 25  000 hat die Diako mehr als doppelt so viele stationäre Behandlungen zu verzeichnen, hinzu kommen 60  000 Patienten in der Notaufnahme. „Das ist vergleichbar mit der Berliner Charité“, sagt Vorwig.

Über ihre eigene Station sagt Schwester le Coutre: „Wir haben fast nur Patienten, die älter als 70 Jahre sind, auf vielen anderen Stationen sieht es nicht anders aus.“ Das Problem: Zahlreiche Patienten leiden an Mehrfacherkrankungen, ihr Heilungsprozess verläuft altersbedingt langsamer oder sie sind dement und benötigen eine besondere Pflege. Diesen Herausforderungen können die Mitarbeiter aber kaum gerecht werden, im Gegenteil: „Die Arbeitsverdichtung hat deutlich und spürbar zugenommen“, sagt die Flensburger Verdi-Vertreterin Claudia Zaetschky. Das bestätigen unabhängig voneinander auch alle befragten Pflegekräfte beider Kliniken. „Administrative Aufgaben müssen nun auch von den Schwestern erledigt werden“, sagt Deitmaring. Dabei seien die Tätigkeiten der Pflegekräfte seit der Jahrtausendwende ohnehin erheblich komplexer geworden. „Permanente Weiterbildung ist daher Pflicht“, sagt Diako-Pflegedirektorin Friederike Hohmann. „Mittlerweile bieten wir die Krankenpfleger-Ausbildung auch in Kombination mit einem Bachelor-Studium an.“ Le Coutre ergänzt: „Wir würden die Pflege gern verbessern, sind aber schon froh, wenn wir das Niveau halten.“

Die Konsequenz: „Der Personalmangel führt dazu, dass das Pflegepersonal nicht mehr alle erforderlichen Pflegetätigkeiten durchführen kann“, sagt Frank Vilsmeier vom Pflegerat Schleswig-Holstein. Kritik gibt es auch von Zaetschky: „Da es bis heute keine verbindliche Personalbemessung in der Krankenhauspflege gibt, kann durch die Einführung der DRGs im Personalbereich gespart werden.“ Noch deutlicher wird Krankenschwester Hartmann, die vielen Kollegen aus dem Herzen spricht: „Bei den DRGs wurde die pflegerische Behandlung völlig außer Acht gelassen, insofern ist es derzeit sehr unbefriedigend, als Pfleger zu arbeiten.“ Fortsetzung folgt

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