Rettungsdienst : Patienten missbrauchen Notdienste

Die Diako ist verpflichtet, jeden Kranken zu behandeln. Bei Notfällen, wie hier auf dem gestellten Foto, kommt es für andere zu langen Wartezeiten.
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Die Diako ist verpflichtet, jeden Kranken zu behandeln. Bei Notfällen, wie hier auf dem gestellten Foto, kommt es für andere zu langen Wartezeiten.

Immer mehr Menschen rufen bei leichten Beschwerden einen Krankenwagen – oder fahren in die Notaufnahme einer Klinik. Die Mitarbeiter in der Diako oder beim Rettungsdienst haben so weniger Zeit für “wichtige Patienten“.

shz.de von
15. Juli 2015, 08:00 Uhr

Flensburg | Die Notaufnahme der Diako ist gut gefüllt. Doch der Großteil der Patienten vor Ort sitzt dort nicht wegen einer schweren Verletzung. Im Gegenteil: Immer mehr Menschen suchen die Notaufnahme wegen „Wehwehchen“ wie einer Magenverstimmung  oder einem leichten Schnupfen auf. Auch die Nummern 112 (Rettungsdienst) und 116117  (ärztlicher Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigungen) werden oft gewählt, auch wenn es zu Hause keinen  ernsten  Notfall gibt.  Die Patienten  wissen aber genau, wie sie ihr Anliegen verkaufen müssen, damit die Leitstelle Nord in Harrislee ihnen den Rettungsdienst vorbeischickt.

„Flensburg unterscheidet von anderen Städten nur der schöne Hafen“, macht Sabine Schult, Rettungsdienst-Leiterin der Berufsfeuerwehr Flensburg, deutlich, dass der Missbrauch des Notdienstes kein einzelnes Problem ist. Doch warum ist das so? „Die Menschen haben ein Anspruchsdenken“, erklärt Schult. Wenn der Rettungsdienst kommt, werde das ja bezahlt. Dass jeder Einsatz jedoch Zeit und Geld kostet, daran denken die meisten vermutlich nicht. Schult betont aber, dass die Mitarbeiter lieber einmal zu viel als einmal zu wenig ausrücken.

Bevor aber das Blaulicht angeht und die Sirenen heulen, landen die Anrufe der Patienten erst bei der Leitstelle Nord in Harrislee. Die Mitarbeiter dort versuchen, die Anliegen der Menschen durch standardisierte Fragen so gut wie möglich zu erkennen und zu filtern, um eventuelle Fehlfahrten zu vermeiden. Die Anrufe können laut Achim Hackstein, Leiter der Leitstelle Nord, nur zum Teil gefiltert werden, da man am Telefon nicht immer sofort erkenne, wie schwer die Verletzung ist. Hackstein schätzt, dass 30 Prozent der Fälle nicht für den Rettungsdienst bestimmt sind. „Viele Menschen rufen aus Hilflosigkeit an oder weil sie Zuspruch brauchen“, sagt er.

Neben dem Rettungsdienst wird auch der ärztliche Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigungen immer mehr frequentiert. Der Bereitschaftsdienst ist der Ersatz für die Arztpraxen, wenn diese keine Sprechstunde haben. Marco Dethlefsen, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH), erzählt, dass die Menschen lieber in Notaufnahmen gehen oder den Bereitschaftsarzt anrufen, anstatt erst zum Hausarzt zu gehen. Das müsse besser gesteuert werden. „Dass jemand mit einem leichten Schupfen ins Krankenhaus fährt, geht nicht“, sagt er.

Auch in der Diako, die beim Bereitschaftsdienst mit der KVSH zusammenarbeitet, werden sowohl in der Zentralen Notaufnahme als auch in der Bereitschaftspraxis höhere Patientenzahlen registriert. Krankenhausdirektor Christian Peters macht dafür aber nicht nur die Bequemlichkeit der Bürger, sondern vielmehr die Terminproblematik bei Fachärzten verantwortlich. Vor allem auf dem Land gebe es immer weniger Fachärzte. Das führe dazu, dass die Patienten in die Stadt fahren und dort lange auf einen Termin warten müssen. Das ist vor allem für ältere Menschen ein Problem, die häufiger krank werden. „Bei länger anhalten Beschwerden gehen sie dann ins Krankenhaus“, stellt Peters fest. Den Kliniken sind dabei die Hände gebunden, sie dürfen niemanden abweisen und müssen auch Mückenstiche oder leichte Bauchschmerzen behandeln.

Was den Fachärztemangel betrifft, erklärt Peters, dass viele Ärzte das wirtschaftliche Risiko nicht mehr eingehen möchten und nicht bereit sind, 60 Stunden pro Woche zu arbeiten. Die Folge: Sie lassen sich in Medizinischen Versorgungszentren einstellen, wo sie feste Arbeitszeiten haben und sich nicht um eine eigene Praxis kümmern müssen. Für die Patienten ist das ein Nachteil. Und der Kreis schließt sich.

116  117: Handelt es sich um eine Erkrankung, die außerhalb der hausärztlichen Sprechstunde auftritt, ist der ärztliche Bereitschaftsdienst zuständig.

112: Der Rettungsdienst leistet in lebensbedrohlichen Fällen Hilfe, wie etwa bei Herzinfarkt, Schlaganfall und schweren Unfällen.

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