„Heute sind nur die Toten glücklich“ : Panzer und Soldaten in Flensburg: Als die Wehrmacht Dänemark überfiel

Einmarsch einer Wehrmachts-Kompanie  in Hadersleben. Von den Zuschauern wurde mancher Hitlergruß gezeigt. Fotos: Archiv sh:z
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Einmarsch einer Wehrmachts-Kompanie in Hadersleben. Von den Zuschauern wurde mancher Hitlergruß gezeigt.

9. April 1940: Die deutsche Wehrmacht besetzt Dänemark. Um 5.43 Uhr rollen die Truppen über die Grenzübergänge. Aus der Serie „150 Jahre Flensburger Tageblatt“.

shz.de von
19. Juli 2015, 14:00 Uhr

Flensburg | In der Nacht zum 9. April 1940 konnten viele Flensburger kein Auge zu bekommen. Sie sahen sich in ihrer Nachtruhe massiv gestört durch Lärm, der nichts Gutes verhieß: In großer Zahl ratterten Panzer, Transporter und anderes schweres Kriegsgerät durch die Straßen in Richtung Norden. Der Flensburger Raum gehörte zum Aufmarschgebiet für die „Operation Weserübung“, womit die von langer Hand vorbereitete, aber geheim gehaltene Besetzung Dänemarks und Norwegens durch deutsche Truppen umschrieben worden war. Die lautstarken Geräusche der anrollenden Kriegsmaschinerie auf dem Lande und in der Luft überlagerten die ganze Stadt und rissen die Einwohner aus dem Schlaf.

So erging es auch dem Journalisten, Publizisten und Grenzlandpolitiker Ernst Schröder. Er wohnte in der Bismarckstraße. „In aller Frühe dieses ereignisreichen Tages weckte ihn die Unruhe des Herzens; er stand auf, ging auf den Balkon hinaus und hörte endlose Ketten von Flugzeugen, das Brausen der Jäger und das sonore Brummen endloser Kampfflugzeuggeschwader“, berichtete ein Kollege des Hamburger Anzeigers in einer Reportage über den „Heerzug nach Norden“ nach einem Besuch bei Schröder, der das im Seitenflügel des Deutschen Hauses angesiedelte „Korrespondenzbüros Nordschleswig“ leitete und 1941 zum Redaktionsleiter der Flensburger Nachrichten avancierte.

Auf dem Weg von seinem Zuhause in der Nerongsallee in die Redaktionsräume von Flensborg Avis am Nordermarkt wurde Ernst Christiansen, der Chefredakteur der Zeitung, von einem schier endlosen Konvoi von Wehrmachtsfahrzeugen aufgehalten. Wie der Historiker René Rasmussen in einem 1999 veröffentlichten Aufsatz, in dem er die Reaktion der dänischen Zeitung auf die deutsche Besetzung Dänemarks beleuchtet, weiter schreibt, habe Christiansen immer wieder das schneidende Kommando „Richtung Pattburg Mühle!“ gehört. Wie versteinert habe der Redaktionsleiter in seinem Büro gestanden; seine Gemütsverfassung habe er mit den Worten beschrieben: „Heute sind nur die Toten glücklich!“

Initiator der militärischen Operation mit dem Tarnnamen „Weserübung“ war Großadmiral Erich Raeder, von 1928 bis 1943 Leiter des Oberkommandos der Marine. Dabei hatte er besonders Norwegen im Blick. Denn es war sein Ziel, in den Besitz von Marinestützpunkten für die Seekriegführung gegen Großbritannien im Atlantik zu gelangen. Die für die Okkupation von Dänemark vorgesehenen Heeresverbände wurden zum großen Teil im Raum Flensburg/Schleswig zusammengezogen, davon hatten etwa 9000 Soldaten in Flensburg Quartier bezogen, zum Beispiel Teile der verstärkten motorisierten 11. Schützenbrigade. Um 5.43 Uhr in der Früh überschritten deutsche Truppen die Grenzübergänge bei Pattburg und Kupfermühle.

Symbolischer Appell deutscher Soldaten vor der alten Kaserne in Hadersleben.
Foto: Archiv sh:z
Symbolischer Appell deutscher Soldaten vor der alten Kaserne in Hadersleben.
 

Dabei hatten erst ein Jahr zuvor die Regierungen von Berlin und Kopenhagen einen Nichtangriffspakt geschlossen. Die deutsche Seite verteidigte ihr militärisches Vorgehen mit dem Hinweis, Dänemark und Norwegen vor dem Zugriff Englands in Schutz nehmen zu müssen. „Deutschland rettet Skandinavien!“ lautete dann auch die Schlagzeile des NSDAP-Organs Völkischer Beobachter. Dieser Argumentationslinie schlossen sich alle deutschen Zeitungen an. Die Flensburger Nachrichten wählten in diesem Sinne für ihre Titelseite die Überschrift: „Blitzartige Antwort Deutschlands – Aktion gegen den britischen Versuch, Skandinavien zum Kriegsschauplatz gegen Deutschland zu machen.“ Für die Flensburger Nachrichten war der Start der „Weserübung“ ein „Großer Tag in der Geschichte Flensburgs. . .Wie viel bewußter mußten gerade die Flensburger ihn fühlen, die einmal unter den Folgen tiefster deutscher Ohnmacht unter dem Hochmut derselben Feinde gelitten haben, vor denen die deutsche Wehrmacht nunmehr Dänemark zu schützen hatte! Die Tausende, die überall die Straßen säumen, können sich kaum fassen vor Begeisterung.“ Abschließend wurde ausdrücklich versichert, dass „es nicht gegen Dänemark geht, mit dem wir in Frieden leben wollen“.

„Et historisk Døgn“ („Ein historischer Tag“) titelte Flensborg Avis und veröffentlichte zunächst Texte des „Deutschen Nachrichten-Büreau“ aus Berlin und den Wortlaut eines Dänisch geschriebenen Aufrufs, mit dem sich General Leonhard Kaupisch, der Befehlshaber der deutschen Besatzungstruppen, an die dänischen Soldaten und Zivilisten wandte. Seine Botschaft: Die Besetzung diene nur dem Schutz Dänemarks gegen britische Aggression. Zwei Tage später veröffentlichte Redaktionschef Ernst Christiansen einen Leitartikel („Die Weltmacht“), in dem Trauer und Verzweiflung aufscheinen: „Wer als Däne südlich oder nördlich der Grenze einen Augenblick am heutigen Heerweg, der durch das schleswigsche Land führt, stand, dem zog sich das Herz schmerzhaft zusammen, dachte er an sein Volk und sein Land, aber er wußte, daß dieser gewaltige Apparat nicht vollkommener sein könnte, dieser endlose Zug großer Militärwagen mit Anhängern, voll von Soldaten mit blankem Stahlhelm und Gewehr und von Pferden.“ Protest klinkt in diesem Satz an: „Unser aufrichtiger Wunsch für das deutsche Volk ist, daß es auf dem Höhepunkt seiner Macht den rechten Zeitpunkt erkennen und sich freimütig sagen möge, daß der Weg, sich Zuneigung und Vertrauen zu gewinnen, der ist, den anderen Völkern das Lebensrecht einzuräumen, das man für sich selbst beansprucht.“

Offenbar trauten sich die Flensburger, die am 9. April 1940 Augenzeugen der sich nach Norden bewegenden Militärkolonne waren, nicht, einen Fotoapparat zu zücken. Zumindest verfügen die Archive nicht über ein entsprechendes Fotodokument. Dagegen sind Abbildungen, die nördlich der Grenze vom Einmarsch der deutschen Truppen entstanden sind, in größerer Zahl überliefert.

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