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Flensburger Tageblatt

17. Oktober 2017 | 20:57 Uhr

Zwischenfall : Panik vor der Busabfahrt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zahl der Flüchtlinge am Bahnhof schnellte gestern nach oben / Heftiges Gedränge und Tätlichkeiten / Dolmetscher im Handgemenge verletzt

shz.de von
erstellt am 28.Sep.2015 | 07:41 Uhr

Während am Sonnabend vergleichsweise wenige Flüchtlinge auf ihrer Reise nach Skandinavien in Flensburg Station machten, waren es nach Angaben der Bundespolizei gestern bis zum frühen Nachmittag schon rund 600 Menschen. Grund für die vorübergehende Stagnation der Menschenströme waren technische Probleme auf der Bahn-Strecke von Hamburg, weiß Katrine Hoop. Sie zählt zu den Initiatoren des Netzwerks von Ehrenamtlichen, die seit drei Wochen am Bahnhof fast rund um die Uhr Flüchtlinge mit Informationen, Lebensmitteln und Kleidung versorgen.

Mit dem neuerlichen Menschenandrang gestern eskalierte die Situation am Nachmittag. „Ungünstig“ sei gewesen, dass für die geschätzt 150 Leute am Gleis nur noch 40 Plätze in den Zügen nach Dänemark frei waren, berichtet Katrine Hoop. Als diejenigen, die nicht mitreisen konnten – noch dazu jene, die schon mehrere Stunden gewartet hatten, von den zwei Bussen mit dem gleichen Reiseziel auf dem Bahnhofsvorplatz erfuhren, seien sie dorthin gestürmt. Die ehrenamtlichen Helfer, die an den Buseingängen versuchten, die Flüchtlinge einzeln und geordnet einsteigen zu lassen, konnten den Menschentrauben nicht standhalten. Es sei zu einem Handgemenge gekommen, „zu einer Art Massenpanik“, bei der ein Dolmetscher verletzt wurde, sagt Katrine Hoop. Am späteren Nachmittag hatte sich die Lage wieder beruhigt, und Hoop konnte beobachten, wie der betroffene jugendliche Freiwillige am Bahnhof von seinen Freunden in Empfang genommen und geherzt wurde. Die Flüchtlinge konnten allesamt Tickets für die Weiterreise nachweisen, „die wollen alle nach Schweden“, erzählt Hoop. Unter ihnen herrsche Angst davor, nach Wochen oder Monaten der Flucht schließlich nicht mehr an ihr Ziel zu gelangen. Von Hamburg aus wurden auf Flensburger Bitte weniger Flüchtlinge gen Norden geschickt; außerdem seien kurzfristig mehr Busse von der dänischen Bahn eingesetzt und für mehr Schlafplätze gesorgt worden, sagte Hoop am Abend.

Einen Grund, die Initiative in Frage zu stellen, sieht Hoop in dem Vorfall nicht: „Der Bedarf ist weiterhin da.“ Jedoch zeige ein solches Ereignis, „dass bestimmte Probleme nicht durch Ehrenamtliche gelöst werden können“. Sie könnten nicht auch noch für Ordnung sorgen, dafür brauche es ausgebildete Helfer. Nur zwei Bundespolizisten seien vor Ort gewesen; die Helfer hätten die Landespolizei um Hilfe gebeten.

Am Freitag erst hatte sich der Beauftragte für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes vom beeindruckenden Engagement der Flensburger am Bahnhof überzeugen können. Stefan Schmidt, 1941 in Stettin geboren und unter anderem ehemaliger Kapitän des Hilfsschiffs „Cap Anamur“, zeigte sich beeindruckt von den unzähligen Kisten und Säcken mit Kleiderspenden, welche die langen Gängen im Bahnhofsgebäude säumten, vom selbst eingerichteten Kühlraum, von den unermüdlichen Helfern. Als „ehrenamtlich professionell“, beschrieb Schmidt, was er sah, wünschte sich zugleich: „Von oben her muss mehr Struktur rein.“ Sein Stellvertreter, Referent Torsten Döhring, fügte hinzu, dass das Ehrenamt gestärkt werden müsse. Die Strukturen am Bahnhof seien darauf gebaut, dürften jedoch nicht dauerhaft von Freiwilligen unterhalten werden. Den Worten beider war zu entnehmen, dass sie die Politik in der Verantwortung sehen. „Wer in Flensburg bleibt, muss adäquat untergebracht“ und bei der Durchreise unterstützt werden, forderte Döhring. „Dublin III abzuschaffen, fordern wir schon lange. Jetzt passiert es einfach“, beobachtet Stefan Schmidt, dessen Amt als Flüchtlingsbeauftragter übrigens auch ein Ehrenamt ist.

Erleichtert wirkt Katrine Hoop, dass der gesamte Schwung neuer Flüchtlinge mit Lebensmitteln und Wasser versorgt werden konnte; auf der stets aktualisierten Bedarfsliste stehen derzeit Winterjacken an der Spitze. Dazu kann Heinz-Werner Jezewski, Ratsherr für die Linke, eine Anekdote von Mohammed beisteuern. Der 15-jährige Somalier sei seit fünf Monaten unterwegs, aber anders als die meisten auf dem Weg nach Finnland. Warme Sachen musste er dem modebewussten Jugendlichen erst andienen, etwa in der Art: Dieses Shirt darfst Du nur mitnehmen, wenn Du auch die Winterjacke dazu nimmst, erzählt Jezewski. Und, dass Mohammed inzwischen in Malmö angekommen sei.

 

 

 

 

 

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