Opfer einer gnadenlosen Militärjustiz

Die drei Jepsen-Töchter Gisela Geyer, Inge Scharnosske und Helga Kunkel  (von links) zusammen mit Wolf Biermann (links) , Friedrich Greggersen, Pastor Philipp Reinfeld und Claus-Peter Petersen (rechts).  Foto: van de Loo
Die drei Jepsen-Töchter Gisela Geyer, Inge Scharnosske und Helga Kunkel (von links) zusammen mit Wolf Biermann (links) , Friedrich Greggersen, Pastor Philipp Reinfeld und Claus-Peter Petersen (rechts). Foto: van de Loo

Erinnerungsgottesdienst in Neukirchen und Gedenkstein an Asmus Jepsen, der am 6. Mai 1945 hingerichtet wurde

shz.de von
09. Mai 2011, 05:44 Uhr

Quern | Der Krieg war endgültig verloren, die Gesamtkapitulation stand unmittelbar bevor, eine Teilkapitulation gegenüber den Westalliierten am 5. Mai 1945 um acht Uhr inkraftgetreten. Trotzdem wurde am Tag danach in Flensburg Kapitänleutnant Asmus Jepsen standrechtlich erschossen. Die Erinnerung an ihn stand im Mittelpunkt des gestrigen Gottesdienstes in Neukirchen, an dem auch der bekannte Liedermacher Wolf Biermann mitwirkte, und bei der anschließenden Einweihung eines Gedenksteins.

Genau am Jahrestag des Kriegsendes rief Pastor Philipp Reinfeld die damalige Zeit ins Bewusstsein. Formales Recht, zwar korrekt angewendet, aber gnadenlos, habe moralischem Rechtsverständnis sowie praktizierter Menschlichkeit entgegengestanden und mit Jepsen ein sinnloses Opfer gefordert. "Sein Schicksal war kein Einzel-, aber ein Extremfall". Der stellvertretende Querner Bürgermeister Friedrich Greggersen verlas einen Archivvermerk der Stadt Flensburg und machte so die damaligen Geschehnisse deutlich.

Großadmiral Karl Dönitz hatte nach Hitlers Tod dessen Nachfolge angetreten und sich nach Flensburg begeben. Er erteilte Jepsen, dem Kommandanten seines Befehlssonderzuges, die Weisung, diesen nach Flensburg zu überführen. Am 1. Mai in Eckernförde eingetroffen, blieb der Zug stecken, weil keine Lokomotive verfügbar war. Am nächsten Tag erfuhr Jepsen, die Stadt werde am 3. Mai kampflos übergeben. Nachdem er einen Großteil seiner Mannschaft entlassen hatte, verhinderte er mit dem Rest das Ausplündern des Zuges, schaffte es sogar noch, einige Waggons an einen Richtung Flensburg fahrenden Flakzug anzuhängen und damit bis nach Sörup zu gelangen. Dort verabschiedete er die verbliebenen Männer, übergab seinen Zug an den Bahnhofsoffizier und machte sich auf den Weg nach Neukirchen, wo seine Familie in einer Notunterkunft wohnte.

Am Morgen des 5. Mai dort angekommen, meldete er sich ordnungsgemäß bei der örtlichen Polizei, was ihm später zum Verhängnis wurde. Noch im Laufe des Tages verhaftet und nach Flensburg gebracht, wurde Jepsen am nächsten Morgen von einem Standgericht wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt und am Abend auf dem Schießplatz am Tremmeruper Weg hingerichtet.

Dies, so Wolf Biermann in einem kurzen Wortbeitrag, sei geschehen "mit dem Recht eines Unrechtsstaates". Der bekannte Liedermacher, der ein Ferienhaus in Neukirchen besitzt und selbst Opfer von Nazi- und DDR-Gewaltherrschaft wurde, sang im Gottesdienst zwei seiner Lieder über Frieden und bleibende Werte und trug ein von ihm geschriebenes Epitaph über Asmus Jepsen und dessen Schicksal vor.

Das Andenken an Jepsen wachzuhalten geht zurück auf eine Anregung von Claus-Peter Petersen aus Neukirchen. Die Kirchen- und die politische Gemeinde trugen die Kosten für den einfach gehaltenen Gedenkstein. Er befindet sich auf dem Ehrenfriedhof in einer Reihe mit 15 weiteren, die an verschollene Kriegstote aus Neukirchen erinnern.

Zusammen mit mehreren Angehörigen waren alle drei Töchter von Asmus Jepsen, die beim Tode ihres Vaters zwischen sieben und 13 Jahre alt gewesen waren, anwesend und tief bewegt. Eine von ihnen hatte drei Gedichte verfasst, in denen sich die Schrecken um das unfassbare Geschehen und die damit einhergehenden emotionalen Spätfolgen widerspiegeln. Pastor Reinfeld trug sie abschließend vor.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen