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Flensburger Tageblatt

20. Oktober 2017 | 18:58 Uhr

Glücksburg : Ominöse Post der Ewiggestrigen

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Ein Glücksburger findet Propaganda aus dem Reichsbürger-Millieu in seinem Briefkasten.

von
erstellt am 26.Apr.2017 | 15:00 Uhr

Glücksburg | Als Magda Schulz (Namen geändert) vor wenigen Tagen ihren Briefkasten leerte, staunte sie nicht schlecht. In Händen hielt sie einen Umschlag, abgeschickt von einer ihr unbekannten „AG Sophie Scholl Deutschland/Europa“. Wer Sophie Scholl in der Absende-Adresse führt, hat sicher keine bösen Absichten, dachte ihr Mann Dietrich im ersten Moment. Aber warum ist das Schreiben nur mit einer 5-Cent-Marke frankiert? Nicht die einzige Merkwürdigkeit. Der Adressat wurde mit dem Zusatz „Insasse“ versehen, die Adresse enthielt zudem die Bezeichnung „Lager Glücksburg“, wobei die Postleitzahl mit eckigen Klammern versehen war. Das alles sind typische Merkmale von Schreiben aus der im Norden aktiver werdenden Reichsbürger-Szene.

„Ich dachte erst, das kommt aus einer ganz anderen Ecke“, sagt Dietrich Schulz unter Verweis auf den Namen der bekannten Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus („Weiße Rose“). „Als ich das Schreiben dann gelesen habe, war das aber leicht zu durchschauen. Eine ganz dumpfe Geschichte.“ Reichsbürger bezweifeln die Rechtmäßigkeit der Bundesrepublik Deutschland. Sie verweisen auf alliiertes Besatzungsrecht oder die Fortexistenz Preußens. Glücksburg als Lager, in dem Deutsche von den Alliierten quasi gefangen gehalten sind – eine krude Vorstellung.

In dem Schreiben behauptet die „AG Sophie Scholl“, dass sämtliche Medien „ihrer Verpflichtung zur unabhängigen Berichterstattung nicht mehr nachkommen“ und „nachweislich gefälschte Informationen“ weitergegeben worden seien. Wer sich aber eine fundierte Meinung bilden wolle, der wird auf eine Reihe von rechtskonservativen und zum Teil höchst fremdenfeindlichen Internetseiten verwiesen. Er frage sich, warum ausgerechnet sie mit diesem Unfug belästigt werden, so Dietrich Schulz, der sich als „politisch nicht aktiv, aber interessiert“ bezeichnet.

Eine Antwort darauf zu finden, ist nicht leicht. Denn die „AG Sophie Scholl“ ist nirgends verzeichnet. Allerdings, so bestätigt Flensburgs Polizeisprecher Christian Kartheus, kursieren Schreiben dieses ominösen Absenders seit einigen Jahren.

Reichsbürger im Kreisgebiet machten in den vergangenen Monaten wiederholt Schlagzeilen. Im November 2016 hob ein Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei in Handewitt bei einem älteren Ehepaar ein regelrechtes Waffenlager aus. Knapp drei Wochen später gab es in Klein Bennebek einen Polizeieinsatz gegen eine „Bürgerin des Freistaates Preußen“, eine Gruppierung, die ebenfalls zur Reichsbürger-Szene gezählt wird (wir berichteten).

Aktuell werden dieser Reichsbürger-Bewegung in Schleswig-Holstein 193 Personen zugeordnet, davon seien laut Innenministerium 139 bereits eindeutig als Reichsbürger identifiziert. Bei den anderen 54 Personen handele es sich um „registrierte Verdachtsfälle in der weiteren Sachaufklärung“, so Ministeriumssprecherin Jana Ohlhoff. Bei diesen Zahlen handelt es sich um eine Momentaufnahme. Die „intensive Bearbeitung“ der Reichsbürger-Szene durch staatliche Stellen werde dazu beitragen, das Dunkelfeld in diesem Bereich weiter zu verkleinern. „Man kann die Entwicklung der Reichsbürger-Szene derzeit als äußerst dynamisch bewerten“, sagt sie.

Was die 5-Cent-Frankierung des Briefes betrifft, sagte der Sprecher der Deutschen Post, Rainer Ernzer, der Lippischen Landes-Zeitung, die im Dezember 2016 über einen ähnlichen Fall berichtete, die Absender beriefen sich abwegigerweise auf ein Abkommen zwischen dem Deutschen Kaiserreich und dem Weltpostverein aus dem Jahr 1875, sowie das Reichspostgesetz von 1871. Den Vertrag gebe es, so Ernzer, allerdings beinhalte er keine nationalen Tarife oder Preise. Er beziehe sich auf Vergütungen zwischen Postunternehmen bei Sendungen ins Ausland.

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