zur Navigation springen

Flensburgs „Sündenmeile“ : Oluf-Samson-Gang: Tote Hose in der Flensburger Liebesgasse

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Einst war der Oluf-Samson-Gang eine Hochburg im Rotlichtmilieu – jetzt sind die Prostituierten komplett ausgezogen und 22 Häuser restauriert.

shz.de von
erstellt am 21.Aug.2015 | 08:00 Uhr

Flensburg | Am Ende waren es nur noch zwei. Rita und Irene*. Beide über 60 Jahre alt und ihrer Liebesdienste überdrüssig. Bis vor wenigen Wochen haben sie noch wacker die Stellung gehalten im horizontalen Gewerbe – in einer der beliebtesten, berühmtesten und berüchtigtsten Bordellgassen bundesweit.

Um keine Straße in Flensburg ranken sich so viele Rotlicht-Legenden wie um den Oluf-Samson-Gang. Geschichten von käuflicher Liebe, Dirnen, Zuhältern sowie allerlei obskuren Gestalten haben Seeleute und Marinesoldaten um die ganze Welt getragen. Und immer noch lugen Besucher verstohlen durch die Fenster. Manche gar scheinen verzweifelt nach etwas Ausschau zu halten. Wie der Rollatorfahrer, der immer mal wieder kopflos über das Pflaster rumpelt. Vielleicht sucht er Rita und Irene? Die sind nicht mehr da. Vorbei ist’s mit der Lust im Liebesnest.

Rita war die letzte, die ihren Job an den Nagel hängte. Dort hingen zuvor Zügel, Halfter und Peitschen. Und mehr. Ein Instrumentarium, das keine Wünsche offen ließ. „Hier gab es nichts, was es nicht gibt“, erinnern sich Augenzeugen. Doch das Portfolio hatte sich in den letzten Jahren neu aufgefächert. Rita widmete sich, wie man hört, nicht mehr so sehr den körperlichen Bedürfnissen ihrer Freier, sondern überwiegend der seelischen Betreuung von Altkunden.

Und Irene? Fand einen neuen Arbeitsplatz im Süden der Republik. Dort soll sie, so ist überliefert, nicht unbedingt ihr Glück gefunden haben. Aber das war im Norden nicht viel anders. Zumindest in beruflicher Hinsicht. Hier hatte sie, die in zivil und in ihrer Arbeitskluft ein diametral entgegengesetztes Wesen gehabt haben soll, sich nur noch einer Nischenbedienung hingegeben – „Handentlastung“ für Männer, die sonst keiner will. Eine Spur Barmherzigkeit. Die hatte ihren Preis. 20 Euro, um genau zu sein.

Vielleicht war es auch Irene, bei der einst der flotte, junge Pizzafahrer landete. Er sei äußerst schüchtern gewesen, heißt es, und traute sich zunächst nicht in das sagenumwobene Bordell. Doch als ihm schließlich ein königliches Trinkgeld von leicht geschürzter Dame übergeben wurde, war es vorbei mit der Zurückhaltung.

Von Omi Mogensen – unvergessen – erzählt man sich noch heute. Stets bestückt mit zwei schwarzen Pudeln und einer Zigarre im Mundwinkel, hat sie sich einst um alles gekümmert in ihrem Puff: Präservative besorgt, die Prostituierten bei Krankheit bemuttert und immer für einen reibungslosen Verkehr gesorgt. Bis auf einen Tag in der Woche. Da zog es sie zum Bingo spielen. Nicht ohne es vorher im besten Petuh auch kundzutun: „Ich soll los nu und gehen zu Bingo.“

Nicht Elisabeth „Omi“ Mogensen, sondern Kalina war es, die den Damen viele ihrer Kleider schneiderte. Sie betreibt noch heute einen Antiquitätenladen in der Altstadt. Irgendwann gab es den Zeitpunkt, wo sie von ihrem kleinen Sohn bedrängt wurde, doch endlich zu erzählen, was die Frauen im „Oluf“ eigentlich so treiben, warum sie so leicht geschürzt und getaucht in schummrig rotes Licht am offenen Fenster verweilen würden. Kalina dachte kurz nach. Dann sagte sie, schlagfertig, wie sie meinte: „Die wollen alle geheiratet werden.“ Doch damit gab sich der Junge nicht zufrieden. Umso schlagfertiger war seine Replik. „Mama“, sprach er, „dann setz du dich doch auch dahin!“

Ja, es war ein buntes, pralles Leben, das sich in der sündigen Meile abspielte. 1918 kamen die ersten Prostituierten, bis dahin war die öffentliche Ausübung dieser Dienstleistung in Deutschland verboten. Ende der Sechziger waren dort über 70 praktizierende Frauen anzutreffen. Das Gewerbe florierte, mit dem Abzug der Marine ging die Anzahl der Freier jedoch rapide zurück. Und damit auch das Angebot. „1995 gab es nur noch zwölf Dirnen“, erinnert ein Insider.

Symbolhaft für den schleichenden Verfall der Gebäude und den allgemeinen Niedergang steht ein Vorfall im Haus mit der Nummer 3. „Dort fiel eines Tages die rückwärtige Fassade um“, erinnert sich der jetzige Besitzer Michael Krebs. Einfach so. Der „Betrieb“ wurde von der Stadt stillgelegt. Damit waren nicht nur die drei dort tätigen Prostituierten, die oben wohnten und unten anschafften, sondern auch der Eigentümer seiner Einkünfte beraubt. Der hatte immerhin 40 bis 50 D-Mark pro Fenster und Tag von seinen Mieterinnen kassiert. Unausweichliche Konsequenz: Das Haus wanderte in die Zwangsversteigerung. Wie viele andere auch.

„Nutten raus!“, lautete schließlich die Forderung, die mit den Plänen einer Nutzungsänderung der Immobilien verwoben war. Der Vorwurf der mit einem Vorkaufsrecht ausgestatteten Stadt an die Hausbesitzer: Sie ließen ihre Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert verrotten, während sie gleichzeitig kräftig abkassierten. „Sie waren nur an schneller Miete, nicht aber am Erhalt interessiert“, sagt Denkmalpfleger Eiko Wenzel. Solange die leichten Mädchen nämlich ihre Dienste anboten, waren Umbauten untersagt. Nach einem Verkauf jedoch konnte die Verwaltung die käufliche Liebe verbieten und so die inzwischen ausgerufenen Sanierungsziele in der nördlichen Altstadt realisieren.

Es ging um nicht weniger als die Rettung verfallender Häuser in einer der ältesten, kulturhistorisch wertvollsten Straßen Flensburgs. Gegner argumentierten, dass ein Bordellverbot sowohl eine unkontrollierte Ausbreitung der Prostitution als auch einen Anstieg der Kriminalität nach sich ziehen würde. Es gab darüber erbitterte Diskussionen in der Politik, Unterschriftensammlungen gegen die Verwandlung der Gasse, hoch her ging es bei Einwohnerversammlungen und Kundgebungen. Käthe Steincke, Initiatorin des Protests, rief die Parole aus: „Den Oluf kriegt man nicht kaputt.“

Es half alles nichts. Das rote Licht wurde in einem Eros-Center nebenan angeknipst, Kunden konnten im Kontakthof auf ein komprimiertes Angebot zurückgreifen. Und das nun von den Frauen selbst verwaltete Modell-Bordell im „Oluf“ blutete nach und nach aus. Es wurde saniert, was das Zeug hielt. Gemischtes Wohnen war die Devise, brave Bürger Tür an Tür mit freudlosen Freudenmädchen.

Einer der ersten Käufer war der Planer Michael Krebs, der sein Fachwerkhaus für sage und schreibe 12  000 Euro erwarb und stilgetreu wieder herrichtete. Zusammen mit dem Architekten Fred Heydorn, der gleich zwei Häuser sanierte, und anderen Bewohnern will er im Andenken an die fast 100-jährige Geschichte je eine Bronze-Statue in Form einer stilisierten „Dame“ an den Eingängen des Olufs platzieren. Und es gibt Ideen für ein Kleinstmuseum, in das man, so Heydorn, „durch ein Fenster schauen und sich ein Bild machen kann, wie es hier mal zugegangen ist“.

Bis heute sind von den 26 Häusern 22 liebevoll und stilgetreu restauriert worden, zwei stehen kurz vor ihrer Vollendung. Bleiben zwei „Buden“, die diesen Weg noch vor sich haben. Hier sind die Pforten geschlossen. Buchstäblich und für immer. „Tote Hose“, seufzt einer en passant. Rita und Irene sind fort.


*Namen geändert

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen