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syrische Flüchtlingsfamilie : Ohne Hab und Gut nach Harrislee

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Krieg, Hass und ein randvolles Flüchtlingsboot – trotz aller Schwierigkeiten nahm die Odyssee einer syrischen Flüchtlingsfamilie ein gutes Ende. Ahlam Shbat und Husen Alhalaki flohen mit Kleinkind an die Förde.

shz.de von
erstellt am 21.Nov.2014 | 17:06 Uhr

Harrislee | Auf der Fußmatte steht „Willkommen“. In der kleinen Wohnung in Harrislee unweit des Marktes fühlt sich der Gast bei Ahlam Shbat und Husen Alhalaki genau so. Kaffee in hübsch verzierten Tässchen, Kekse und Wasser gehören zur Gastfreundschaft, wenige Dinge haben ursprünglich der kleinen syrischen Familie gehört. Die 23-jährige Informatik-Lehrerin und der 29-jährige Ingenieur sind mit ihrem Töchterchen Jouari, das im Juli geboren ist, fast ohne Hab und Gut Anfang Oktober in der Gemeinde angekommen. Hier hat sich Hilfe oft einfach ergeben; dank netter Nachbarn, zufälliger Begegnungen, Menschen mit Herz ist das neue Zuhause gemütlich, wärmen Teppiche die nackten Füße der Bewohner, hat die Kleine ein Reisebettchen, zieren bunte Kissen die bunten Sessel und Sofas.

Die Flüchtlinge haben eine Odyssee hinter sich und jede Menge Hoffnung vor sich. Von Tripolis über Sizilien nach Mailand, München, Hamburg, Neumünster und schließlich Harrislee führte die Flucht der Syrer. Auf der zweitägigen Überfahrt von Nordafrika nach Südeuropa drängten sich 900 Menschen auf dem alten Boot, berichtet Husen Alhalaki und auch, dass viele Menschen ertrunken seien.

Der Ingenieur stammt aus Daraa, einer Großstadt südlich von Damaskus, nahe der jordanischen Grenze. Er habe in Homs studiert und gearbeitet. Binnen eines Jahres, nachdem der Krieg begonnen hatte, seien beide Städte zerstört worden. Im Juli 2012 sei er aus Syrien geflohen – mit dem Auto über Kairo nach Bengasi in Libyen. Doch auch dort herrschten bald Kriegszustände, lebten Ausländer – Syrer, Ägypter – gefährlich, sagt Alhalaki. „Leute sind auf der Straße überfallen worden, man hat ihnen das Geld abgenommen, Frauen wurden entführt, ich weiß nicht, wohin gebracht“, schildert der junge Mann auf Englisch, das er sich selbst beigebracht hat.

Seine Frau war inzwischen nachgekommen nach Tripolis, nachdem sie in Syrien nicht mehr als Lehrerin arbeiten konnte. Sie hätte sich verhüllen müssen, stets und ausschließlich in Begleitung ihres Vaters oder Bruders auf die Straße treten dürfen. Das wollte sie nicht. Einen Monat, bevor ihre Tochter im Juli zur Welt kam, schwappte Krieg nach Libyen. Es habe kein Wasser gegeben, keinen Strom, trägt das Paar zusammen. Es gab keine Lösung, sagt der Familienvater: Das Haus in Syrien war zerstört, das Land auch, Libyen wurde zu gefährlich. Die Familie zahlte 2000 Dollar für den Ausweg nach Europa.

Hier in Deutschland fangen die drei neu an. Jouari, übersetzt Rose, ist sogar schon zur Krippe angemeldet. Husen Alhalaki kann es kaum erwarten, die Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, damit der Weg zu Sprachkursen und Arbeit frei wird. „Wir wollen schnell lernen“, sagt er und besucht mit seiner Frau einmal die Woche einen Deutsch-Kurs einer Studentin. Das Paar geht eine Stunde zu Fuß dorthin mit Kind im Kinderwagen, eine Stunde zurück. Ab Januar soll es auch in Harrislee neue Kurse geben, sogar zweimal wöchentlich, weiß Margret Rathje. Die pensionierte Lehrerin kümmert sich rührend um die Familie, hilft im Alltag. „Man muss nur Zeit zur Verfügung haben“, wehrt sie bescheiden ab.

Husen Alhalaki und Ahlam Shbat sind voller Tatendrang, er schnappt schon im Gespräch die eine oder andere neue englische Vokabel auf, kann die Geste „Streifen auf den Schultern“ für Armee sogleich durch „army“ ersetzen. Zwei seiner Brüder seien desertiert, auch das ließ seine Familie in Gefahr vor Isis leben. Mit Isis, für die Alhalaki auch eine Geste hat, und Assad stünden einander zwei gleich starke Gegner gegenüber. Keiner gibt auf, damit findet der Krieg auch kein Ende, glaubt er. Und ist fassungslos: „In Syrien töten Moslems Moslems.“ Alhalaki fragt sich, wie Isis in die Welt gekommen sei. 2013 sei die Organisation urplötzlich da gewesen. Wenn es sie nicht mehr gäbe, glaubt er, werde auch der Krieg in seiner Heimat allmählich enden. Jetzt bauen die drei Syrer in Harrislee eine neue Zukunft auf. Und fühlen sich schon willkommen.

58 Asylbewerber gebe es derzeit in Harrislee, sagt Andrea Matzen von der Gemeinde Harrislee. In den nächsten zwölf Monaten werden weitere 30 Flüchtlinge erwartet. Gesucht werden ehrenamtliche Lotsen, die den Neuankömmlingen helfen, sich im Alltag zurechtzufinden, und ehrenamtliche Lehrer, die den Asylbewerbern helfen, Deutsch zu lernen. Auch fahrtüchtige Fahrräder werden gebraucht. Außerdem sind private Vermieter angesprochen, falls sie über Wohnungen verfügen, sie der Gemeinde zur Anmietung anzubieten. „Wir möchten die Menschen dezentral unterbringen, damit sie sich integrieren können“, erklärt Andrea Matzen und findet in der Familie Alhalaki-Shbat ein Bilderbuchbeispiel. Übrigens auch für die „positiven Erfahrungen“ mit den Flüchtlingen in der Gemeinde. Ansprechpartner ist  Dirk Fehring, Telefon 0461-706125, E-Mail: d.fehring@gemeinde-harrislee.de
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