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Flensburger Tageblatt

23. August 2017 | 01:10 Uhr

Ohne Abi in den Hörsaal

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Dritter Bildungsweg gewinnt an Bedeutung / Schleswig-Holsteins Wissenschaftsministerin Kristin Alheit baut Zugangshürden ab

KFZ-Mechniker studieren Informatik, Krankenschwestern Medizin und Köche Ernährungswissenschaften .In Schleswig-Holstein sitzen etwa 600 Studenten ohne Abitur im Hörsaal – und es sollen mehr werden. In der vergangenen Woche hat Wissenschaftsministerin Kristin Alheit (SPD) ein neues Hochschulgesetz auf den Weg gebracht, das den Zugang zu den drei Universitäten und acht Fachhochschulen im Land für Nichtabiturienten erleichtert. Das ist auch nötig denn im Bundesvergleich ist die Quote der Seiteneinsteiger, die nach Lehre und jahrelanger Berufserfahrung ein Studium beginnen, mit 1,58 Prozent deutlich geringer als in anderen Bundesländern .

Spitzenreiter bei den Studenten ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung sind Hamburg und Nordrhein-Westfalen, mit jeweils knapp fünf Prozent. Zum Vergleich:In Schweden sind es 8. Fachhochschulen sind hierzulande besonders attraktiv für Studierende ohne Abitur und Fachhochschulreife. Auch Anbieter flexibler Studienmodelle ziehen besonders viele an. Spitzenreiter sind die Hochschulen mit Fernstudiengängen in Hagen und Hamburg .


Was studieren Seiteneinsteiger?


Auf der Rangliste ganz oben stehen Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Sie machen etwa die Hälfte aus. Etwa jede Vierte wählt einen Studiengang aus der naturwissenschaftlichen Fächergruppe – hier ist vor allem das Studium der Humanmedizin und der Gesundheitswissenschaften gefragt.

In 2009 gab es einen Beschluss der Kultusministerkonferenz, dass beruflich Qualifizierten ohne Abitur der Weg an die Hochschule erleichtert werden soll. Diese Empfehlung haben die Länder in ihre Landeshochschulgesetze aufgenommen. Doch immer noch sind die Zugangsvoraussetzungen je nach Bundesland und Hochschule sehr verschieden.

Inzwischen dürfen Meister und Fachwirte jedes Fach studieren. Für andere beruflich Qualifizierte gilt, dass sie sich mit einer Berufserfahrung von – je nach Bundesland – zwei bis fünf Jahren für einen fachgebundenen Zugang bewerben können. Leider fehlt eine zentrale Anlaufstelle.

Die Motive sind recht unterschiedlich: Noch mal was Neues wagen. Oder nachholen, was man sich als fauler Schüler in der Jugend verbaut hat. Leicht ist der Weg nicht. Da ist zum Beispiel die Angst, dass Abiturienten ein Spezialwissen haben, das mit Berufserfahrung nicht wettzumachen ist. Da ist der Altersunterschied zu den Youngstern die der Schulbank gerade entwachsen sind. Und das ist die Sorge um die Finazierung . 


Wo gibt es Beratung und Geld?


Die Kammern und die Arbeitsagenturen vor Ort beraten, wenn es um die Zulassungsvoraussetzungen geht. Wer schon weiß, an welche Hochschule er möchte, geht dort am besten direkt in die Studienberatung. Im Netz bieten die Seiten studieren-ohne-abitur.de oder wege-ins-studium.de eine erste Orientierung.

Bleibt das Problem mit der Finanzierung: Es gibt speziell für Studenten mit Berufserfahrung Stipendien. Dazu gehört zum Beispiel das Aufstiegsstipendium des Bildungsministeriums. Auch die Hans-Böckler-Stiftung bietet Stipendien speziell für diese Zielgruppe an. Einen ersten Überblick gibt es im Netz unter stipendienlotse.de. Außerdem sollten beruflich Qualifizierte einen Anspruch auf Bafög prüfen. Schließlich bleibt die Möglichkeit, einen Bildungskredit in Anspruch zu nehmen oder den Arbeitgeber zu fragen ob er das Studium finanziell unterstützt. Gerade Großbetriebe sind häufig interessiert.


Wie geht es im Norden weiter?


„In Zeiten des Fachkräftemangels wollen wir die Hochschulen öffnen für jene die sich qualifizieren wollen“, erkläre Alheit. „Deshalb wird die Aufnahme eines Probestudiums künftig bereits nach dreijähriger statt bislang fünfjähriger Berufstätigkeit möglich“, kündigte die Ministerin am Mittwoch an .

Im Bereich des Hochschulzulassungsrechts werden zudem erstmals Vorabquoten für beruflich qualifizierte Studienbewerber sowie für Probestudierende eingeführt. Eine Besonderheit ist, dass sich in Schleswig-Holstein unter bestimmten Bedingungen beruflich Qualifizierte nicht – wie normalerweise üblich – nur in Bachelorstudiengänge, sondern auch direkt in Masterstudiengänge einschreiben können

„Die ersten zwei Semester war Zittern angesagt“, berichtet eine Studentin im Internet. Aber das sei die Sache wert gewesen. „Ich kann nur jeden ermutigen, es zu versuchen. Auch Abiturienten kochen nur mit Wasser und wenn man genau weiß was man will, studiert es sich auch oftmals zielstrebiger als mit 18 Jahren.“ Eine Erfahrung, die pro Jahr etwa 60 Seiteneinsteiger in Schleswig-Holstein machen, die erfolreich ihr Studium abschließen .

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erstellt am 15.Mär.2015 | 16:17 Uhr

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