zur Navigation springen

Flensburger Schulprojekt : Offene Ohren für Schüler mit Sorgen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Drei Senioren mit viel Lebenserfahrung kümmern sich an der Goethe-Schule um Probleme, für die die Lehrer meist keine Zeit haben.

shz.de von
erstellt am 22.Feb.2017 | 11:50 Uhr

Die Eltern haben sich getrennt, die Sechstklässlerin lebt beim Vater. Von der Mutter fühlt sie sich verlassen, vom Vater irgendwie auch, denn der steht beruflich so unter Druck, dass er kaum da ist. Als er zwischendurch doch ein Ohr für die Sorgen seiner Tochter hat, delegiert er die Lösung an seine neue Freundin. Ein Vertrauensbruch! Die „Stiefmutter“ bevorzugt noch dazu das leibliche Kind, während sie der Stieftochter viel abverlangt. Dabei ist das Mädchen arbeitsam, doch es leidet unter der Lage.

Solcher Fälle nehmen sich die Schulmediatoren des Vereins „Seniorpartner in School“, kurz Sis, an. Jeden Donnerstag zwischen 9 und 13 Uhr erwarten Gudrun Haack, Telse Maas-Schließmann und Günter Radtke, dass es an der Tür ihres Raums unterm Dach des Hauses II schräg gegenüber der Goethe-Schule klopft. „Wir versuchen, ihnen eine angenehme Atmosphäre in diesem recht kargen Raum zu schaffen“, erklärt Günter Radtke. Und das gelingt offenbar: „Sie kommen sogar gern wieder.“ Die Schüler merken, „hier hört man hin, hier nimmt man sich Zeit für uns“, beobachtet Radtke, der sein Berufsleben über junge Erwachsene angeleitet und ausgebildet habe. Im „zarten Alter von Mitte 50“, so flachst der 59-Jährige und dreifache Familienvater, war sein Soldatenleben vorbei. Nun freue er sich, dass er das, was er gelernt habe, „gewinnbringend einsetzen kann“.

Telse Maas-Schließmann hat als ehemalige Lehrerin einer berufsbildenden Schule die Erfahrung gemacht, „immer zu wenig Zeit für so etwas“ gehabt zu haben und wollte dies als Pensionärin ändern. Als Sis erfüllt sich die 67-Jährige nun zudem den Wunsch, den Kontakt zur Jugend zu behalten. Gudrun Haack, die mit 68 immer noch „ein bisschen berufstätig“ ist als Guest Relation Manager in einem Hotel in Glücksburg, bringt Kompetenz als achtfache Großmutter mit und den Willen, auch nach dem Berufsleben einer wichtigen Tätigkeit nachzugehen.

Neue Seniorpartner in School, die derzeit in Flensburg und Umgebung gesucht werden, müssen keinen pädagogischen Hintergrund mitbringen und dürfen gern älter als 55 sein. Über den Verband werden sie binnen zwei Jahren in Fortbildungen und Praxis zu Schulmediatoren ausgebildet und bekommen ein Zertifikat. Manche ergänzen das um den Bildungsbegleiter. Übers Jahr verteilt bietet der Verband Workshops an, erläutert Maas-Schließmann und nennt Mobbing-Intervention oder gewaltfreie Kommunikation als Themen. Es gebe Regionaltreffen und Fallbesprechungen. Regulär im Team zu zweit, aber wie hier auch im Trio, begleiten die Sis die Schüler bei der Lösungssuche zu ihrem Problem, nachdem sie gemeinsam herausgefunden haben, welche Gefühle es ausgelöst hat und welche Bedürfnisse entstanden sind – so beschreibt Telse Maas-Schließmann den Prozess. „Alle können zu uns kommen mit jeder Art von Thema“, betont sie.

Die Hauptklientel verortet Günter Radtke in den Klassen sieben bis neun. Schön sei, „wenn zwei Hitzköpfe am Ende einer Gesprächsrunde einander die Hand geben“, findet er, aber auch der Einzelne, der ein Problem mit sich, den Mitschülern oder den Eltern herumträgt, dürfe sich gern an die Sis wenden. Mitunter empfehlen die Lehrer oder die Schulsozialarbeiter einem Schüler, den Rat der Sis einzuholen.

In Flensburg und Harrislee sind rund 15 Seniorpartner an sieben Schulen aktiv. Wie alle sind die drei Sis am Gymnasium an der Bismarckstraße darin geschult, Mediationsgespräche zu führen, um Konflikte zu schlichten und Gewalt vorzubeugen, aber auch Lernstrategien zu entwickeln. „Und sie können sich darauf verlassen, dass weder die Eltern noch die Lehrer von den Inhalten erfahren“, fügt Gudrun Haack zum Thema Diskretion hinzu.

Der Sechstklässlerin, die sich hin- und hergerissen fühlte, konnten die Seniorpartner einen besseren Kontakt zum Vater vermitteln, berichtet Telse Maas-Schließmann.

Der Landesverband Sis e.V. sucht Senioren, die ehrenamtlich als Schulmediatoren in Flensburg und im Kreis agieren möchten. Eine Informationsveranstaltung findet am 28. Februar um 15 Uhr im Hotel Alter Kreisbahnhof (Königstraße 9) in Schleswig statt. Je eine Woche Weiterbildung ist im März und Anfang April vorgesehen. Ansprechpartner: Barbara Knoth (Telefon 04634-936361, Email: barbara.knoth@gmx.de), Joachim Schiffgen (0461-67992123, j.schiffgen@sis-schleswig-holstein.de). Aktuell gibt es 66 Mediatoren im Land an 28 Schulen.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen