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Flensburger Tageblatt

23. August 2017 | 20:07 Uhr

Integration : Odyssee in den deutschen Winter

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hasan Mirzai und Taqi Ahmadi kamen vor Jahren von Afghanistan nach Flensburg – eine Integration mit Hindernissen.

Es sind erschütternde Geschichten. Immer wieder. Wenn Menschen aus Krisengebieten fliehen, oft mit nicht mehr als der eigenen Kleidung am Leib, geht es um Leben und Tod. Und der Tod ist in der Heimat ohnehin allgegenwärtig. Kaum dem Martyrium entronnen, geraten die Flüchtlinge hier als Asylbewerber hier in die Mühlen der Bürokratie. Und die mahlen langsam.

Auch im Fall Hasan Mirzai. Der 23-Jährige kam im Dezember 2009 von Afghanistan nach Flensburg. Eine Odyssee über den Iran, die Türkei, Griechenland, Italien und Frankreich – bis hinein in den deutschen Winter. Er schlug sich mutterseelenallein durch, gelegentlich fand er Weggenossen. Nicht alle kamen durch.

Hasans Kindheit gleicht einem Albtraum. Die Mutter wird von selbsternannten Gotteskämpfern erschlagen – vor seinen Augen. „Da war ich erst drei oder vier Jahre alt.“ Der Vater erkrankt und stirbt. Er selbst wird von Taliban bedroht und malträtiert, man bricht ihm einen Arm, ein Granatsplitter trifft ihn im Unterschenkel. „Ich habe mein Leben gehasst“, sagt Hasan, „wollte nur noch weg.“

Als er an der Förde strandet, ist er traumatisiert. Ihn plagen Schlafstörungen, Panikattacken und die kontinuierliche Angst vor der Abschiebung. Er wird in eine Asylunterkunft in Harrislee einquartiert. Status: „geduldet“. Von diesem Moment an beginnt sein zäher Kampf um eine Aufenthaltsgenehmigung – er dauert bis heute an.

Wolfgang und Erika Radke lernen Hasan kennen, als der die Eckener-Schule besucht, sein Deutsch ist inzwischen recht passabel. Sie betreuen auch seinen Landsmann Taqi (24), vermitteln ihm Praktika bei einem VW-Händler und einer Kfz-Werkstatt. „Sie brauchen einen Fürsprecher“, sagt der pensionierte Realschullehrer, „dann geht alles leichter.“ Der 73-Jährige hilft, so gut er kann. Mit Erfolg. Hasan schafft seinen Abschluss mit der Note 2,7. Doch eine Arbeit findet er zunächst nicht, eine Kontoeröffnung wird abgelehnt. Lichtblick: Ein italienisches Restaurant in Harrislee stellt den jungen Mann im Küchenbereich an – auch ohne Girokonto.

Nach dreimaliger Ablehnung seines Asylantrages gelingt Hasan endlich der Durchbruch. Das Verwaltungsgericht in Schleswig hebt im September letzten Jahres die vorangegangenen Bescheide auf. Allerdings ist das Urteil zu diesem Zeitpunkt noch nicht rechtskräftig. Was fehlt, ist die Abschlussmitteilung des Bundesamtes für Migration. Und damit auch die sehnlichst erwarteten amtlichen Papiere.

Doch die lassen auf sich warten, obwohl das Urteil inzwischen Rechtskraft erlangt hat. „Angeblich war ein Mitarbeiter erkrankt“, wundert sich Wolfgang Radke. Es muss eine langwierige Krankheit gewesen sein. Als der Anerkennungsbescheid im Februar immer noch nicht vorliegt, bemüht sich ein Rechtsanwalt Hasans um eine Vollstreckungsklausel gegen das Bundesamt.

Um es kurz zu machen: Anfang dieses Monats erst war der Ausländerbehörde möglich, auf Grundlage aller erforderlichen Unterlagen einen Antrag auf Erstellung der Aufenthaltsgenehmigung zu fertigen. Allerdings nur für zwölf Monate: Denn der afghanische Reisepass von Hasan ist nach all den Jahren abgelaufen. Als er den in beim Konsulat in Berlin beantragt, wird er wieder nach Hause geschickt, schließlich müsse er doch die Aufenthaltsgenehmigung der deutschen Behörden vorweisen. „Das will ich gerne tun, wenn sie denn kommt“, sagt Hasan geduldig. Er hat begriffen: Nur mit dem neuen Pass kann er beim Amt in Schleswig eine uneingeschränkte Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Und vielleicht klappt es dann sogar mit einem eigenen Konto.

„Man spricht immer von schneller Integration“, sagt Wolfgang Radke und schüttelt den Kopf. Hasan indes hat nach fünfeinhalb Jahren des Wartens die Hoffnung nicht verloren. Er spart für einen Führerschein und ein eigenes Auto. „Und irgendwann möchte ich hier als Krankenpfleger arbeiten.“ Flüchtlingsreport Seite 10

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erstellt am 16.Apr.2015 | 08:00 Uhr

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