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Neue Oberbürgermeisterin Simone Lange : OB-Wahl in Flensburg: Analyse und Kommentar

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Michael Ruck von der Europa-Universität Flensburg wagt eine erste Analyse des OB-Wahl-Resultats. Carlo Jolly aus der Lokalredaktion Flensburg kommentiert das Ergebnis.

shz.de von
erstellt am 06.Jun.2016 | 07:34 Uhr

Flensburg | Im Handball würde man sagen: Von der ersten Minute an geführt, nie in Rückstand gegangen. Als am Sonntag um 18.19 Uhr das erste Ergebnis aus der Kita Neustadt in der Bürgerhalle des Rathauses einläuft, ist der Jubel im Lange-Lager deutlich, aber noch etwas gebremst: 50,0 Prozent für Simone Lange. Schnell wird klar, dass es für die Kandidatin von SPD, CDU und Grünen zur absoluten Mehrheit reichen könnte. Ein Ergebnis, mit dem niemand gerechnet hatte. Wen man auch fragte: Fast jeder tippte auf eine Stichwahl zwischen Amtsinhaber Faber und der SPD-Landtagsabgeordneten.

Eine Stunde später ist die Überraschung perfekt: Keine Stichwahl, kein weiterer Wahlkampf, stattdessen nach vielen Jahren mal wieder eine SPD-Oberbürgermeisterin. „Ich bin überwältigt“, freut sich die 39-Jährige, die Dutzende Umarmungen über sich ergehen lassen muss oder darf – und zwar nicht  nur von Familie und Genossen. Sie wolle eine Oberbürgermeisterin für alle Flensburger sein, gelobt sie, und auch von CDU-Seite hört man viele Stimmen, die genau das von ihr erwarten. Eine erste Analyse und Kommentar.

Knock-Out in der ersten Runde

Eine Analyse von Michael Ruck

Bereits in der ersten Runde hat Herausforderin Simone Lange dem Titelverteidiger Simon Faber einen Knock-out versetzt und auch den beiden Mitkonkurrenten keine Chance gelassen. Zwar konnte erwartet werden, dass die SPD-Wahlkreisabgeordnete mit deutlichem Abstand auf der Pole Position in die zweite Runde gegen würde. Die absolute Mehrheit erschien allerdings jetzt kaum schon erreichbar.

Vor fünf Jahren unterlag die strahlende Siegerin des ersten Wahlgangs Elfi Heesch beim Showdown dem Außenseiter. Diesen Überraschungscoup konnte Faber nun als Amtsinhaber nicht wiederholen. Zwar hat er mit 5363 Stimmen sein seinerzeitiges Resultat (3925) deutlich übertroffen. Darin spiegelt sich freilich nur die notorische Mobilisierungsstärke des Kernmilieus der dänischen Minderheit. Über dieses angestammte Potenzial hat der SSW-Kandidat offensichtlich kaum hinausgreifen können.

Dabei hätten sein persönlicher Habitus und sein programmatisches Profil für bürgerliche Wähler durchaus anschlussfähig sein können. Doch von Amtsbonus keine Spur.

Demgegenüber hat die kommende Oberbürgermeisterin erfolgreich an jenen allgemeinen Trend zur Persönlichkeitswahl angeknüpft, welcher zuletzt bei den drei Landtagswahlen Anfang März den Ausschlag gegeben hat. Die frühere Ratsfrau und bisherige Landtagsabgeordnete Lange ist mittlerweile eine profilierte Akteurin der Flensburger Politikszene und in der Stadt ungleich besser vermittelt als seinerzeit die medial spürbar unerfahrene Fachfrau vom Hamburger Rechnungshof.

Vermutlich hat die engagierte Flüchtlingshelferin Lange einige Stimmen mehr aus der studentischen Jugend mobilisieren können, als dies bei lokalen Wahlgängen gemeinhin üblich ist. Wichtiger noch: Die bürgerliche Wählerklientel hat sich nicht in dem von Kay Richert erhofften Umfang auf seine Seite geschlagen. Überwiegend ist sie doch den Flensburger Christdemokraten gefolgt. Daran lässt eine erste Analyse der Wahlbezirksergebnisse kaum einen Zweifel. Selbst in der kommunalen CDU-Hochburg Friedheim hat Lange fast die Hälfte der Wähler für sich gewinnen können. Vor fünf Jahren hatten diese Kreise noch der von CDU und Grünen präsentierten Kandidatin in der Stichwahl ihre Unterstützung verweigert und damit erst das Blatt zugunsten Fabers gewendet.

Trotzdem hat Lange die 50-Prozent-Schwelle von 11.854 Stimmen um bloße 249 Stimmen überschritten. Hätten sich also nur 125 Flensburger Wähler anders entschieden, wäre eine Stichwahl mit durchaus ungewissem Ausgang fällig gewesen. Auch mit Blick auf die immer noch sehr niedrige Wahlbeteiligung bleibt einmal mehr festzuhalten: Buchstäblich jede einzelne Stimme kann heutzutage wahlentscheidend sein. Und vieles spricht dafür, dass sich diese Erkenntnis hierzulande bei der Landtagswahl am 7. Mai 2017 abermals bestätigen wird.
 


Mit Engagement und eigener Mehrheit

Ein Kommentar von Carlo Jolly

Bestes Wetter, niedrigste Arbeitslosenzahl und erstmals seit Jahren  ein positiver Haushalt: Es war ein Frühjahr, so sonnig und positiv – wie gemacht für die zweite Wahlperiode eines Amtsinhabers. Acht Tage vor der Wahl hatte sogar der Zukunftsatlas des renommierten Prognos-Instituts noch Wahlhilfe geleistet – Flensburg, der Aufsteiger. Geht doch: Das  „Handelsblatt“ machte zwischen Campus und Technologiezentrum ein Mini-Silicon-Valley mit reger IT- und Gründerszene aus. All dies und mehr hat Simon Faber auch als Erfolge dargestellt.

Bloß – die Flensburger haben diese Erfolge nicht als Erfolge des OB Faber wahrgenommen. Simon Faber, der im Gespräch stets angenehm rüberkommt, hat im Umgang mit seinen engagierten Bürgern wie Mitarbeitern zu viele Fehler gemacht. Eine der zentralen Fehleinschätzungen bleibt sein Umgang mit dem ehrenamtlichen Flüchtlingshelfernetzwerk am Bahnhof. Als halb Flensburg im dramatischen Herbst 2015 sein Herz für Geflohene entdeckte und Tausende anpackten oder spendeten, tat Faber noch so, als wäre diese Hilfe am Bahnhof gar nicht nötig und hätte seine Verwaltung alles im Griff. Es war jenes Helfernetzwerk, zu dessen zentraler politischer Figur Simone Lange längst geworden war, während Faber bei seinen wenigen Besuchen in der Bahnhofshalle fremdelte. Auch wenn der Bahnhof als Flüchtlingstransit nicht mehr existiert: Schwung und Engagement des Bahnhofs-Herbstes haben gewiss geholfen, Lange ins Rathaus zu tragen.

Anderes Beispiel: Als Flensburg im Sommer erstmals weniger als zehn Prozent Arbeitslose meldete, verkaufte Faber diesen Erfolg pressewirksam zusammen mit Arbeitsagenturchef Hans-Martin Rump – vergaß aber seine eigene Jobcenter-Leiterin, in deren Zuständigkeit die Arbeitslosigkeit am deutlichsten schrumpfte.

Von Flüchtlingskrise bis Wohnungsnot – nie konnten die Flensburger den Eindruck haben, dass  ihr Rathauschef ein zentrales Thema selbst in die Hand nimmt.

Die kommunikative und engagierte Nachfolgerin Simone Lange startet nun mit mehreren Vorteilen. Sie hat nicht nur eine hohe Zustimmung im ersten Wahlgang und ein junges frisches Team in der eigenen Partei hinter sich. Mit CDU und Grünen wird sie von zwei erfahrenen Fraktionen mit dem Blick für das politisch Notwendige vor Ort mitgetragen. Auch wenn manch einer schon ein Kartell vermutet: Dass die OB Lange im Rat – fast vergleichbar mit einer Regierung – eine eigene politische Mehrheit hinter sich hat, könnte für Flensburg zum Glücksfall werden.

Die Ergebnisse im Überblick

Nr. Wahlbezirk Berechtigt Wähler Simone Lange Simon Faber Kay Richert Jens Drews
1 Petrischule 1890 723 356 49,20% 211 29,20% 101 14,00% 55 7,60%
2 Comenius-Schule 1872 358 174 48,60% 90 25,10% 57 15,90% 37 10,30%
3 Corn.-Hansen-Skolen  1886 363 171 47,10% 93 25,60% 52 14,30% 47 12,90%
4 Schule Ramsharde  1885 372 173 46,50% 124 33,30% 34 9,10% 41 11,00%
5 Kita Neustadt  1751 224 112 50,00% 63 28,10% 16 7,10% 33 14,70%
6 Waldschule 1  1807 271 125 46,10% 84 31,00% 41 15,10% 21 7,70%
7 Bundesagentur f. Arbeit 1907 435 233 53,60% 118 27,10% 38 8,70% 46 10,60%
8 Gesundheitshaus 1  1694 306 168 54,90% 69 22,50% 33 10,80% 36 11,80%
9 Gesundheitshaus 2  1861 448 233 52,00% 105 23,40% 31 6,90% 79 17,60%
10 Altes Gymnasium 1635 706 325 46,00% 210 29,70% 141 20,00% 30 4,20%
11 Waldschule 2  1540 565 292 51,70% 152 26,90% 82 14,50% 39 6,90%
12 Falkenbergschule 1 1578 753 372 49,40% 190 25,20% 162 21,50% 29 3,90%
13   HLA 1739 540 312 57,80% 107 19,80% 79 14,60% 42 7,80%
14 Gemeinschaftssch. West 1369 420 207 49,30% 109 26,00% 69 16,40% 35 8,30%
15 Falkenbergschule 2 1628 676 333 49,30% 163 24,10% 134 19,80% 46 6,80%
16 Heilandskapelle 1837 613 322 52,50% 119 19,40% 116 18,90% 56 9,10%
17 Dän. Schule Weiche 1 1817 751 312 41,50% 209 27,80% 189 25,20% 41 5,50%
18 Dän. Schule Weiche 2 1977 535 242 45,20% 123 23,00% 117 21,90% 53 9,90%
19 Schule Auf der Rude 1 1694 412 218 52,90% 105 25,50% 47 11,40% 42 10,20%
20 Schule Auf der Rude 2 1857 397 214 53,90% 85 21,40% 54 13,60% 44 11,10%
21 Fachschule Technik 1572 300 162 54,00% 70 23,30% 28 9,30% 40 13,30%
22 Handwerkskammer 1889 497 279 56,10% 123 24,70% 54 10,90% 41 8,20%
23 VHS am Sandberg 2161 532 291 54,70% 118 22,20% 78 14,70% 45 8,50%
24 Jörgensby-Skolen 1668 488 288 59,00% 98 20,10% 63 12,90% 39 8,00%
25 Goethe-Schule Haus 1 1602 532 300 56,40% 117 22,00% 68 12,80% 47 8,80%
26 Käte-Lassen-Schule 1784 569 296 52,00% 143 25,10% 62 10,90% 68 12,00%
27 Gemeindehaus 1880 690 378 54,80% 165 23,90% 92 13,30% 55 8,00%
28 Die Mürwiker 1 1481 463 226 48,80% 94 20,30% 101 21,80% 42 9,10%
29 Schule Adelby 1 1673 631 634 57,70% 144 22,80% 78 12,40% 45 7,10%
30 Schule Adelby 2 1786 787 438 55,70% 151 19,20% 158 20,10% 40 5,10%
31 Taruphus 1327 639 364 57,00% 137 21,40% 100 15,60% 38 5,90%
32 Schule Engelsby 1 1535 587 325 55,40% 108 18,40% 115 19,60% 39 6,60%
33 Schule Engelsby 2 1724 362 197 54,40% 78 21,50% 55 15,20% 32 8,80%
34 Schule Engelsby 3 1478 316 153 48,40% 58 18,40% 65 20,60% 40 12,70%
35 Schule Fruelund 1742 601 315 52,40% 111 18,50% 140 23,30% 35 5,80%
36 Die Mürwiker 2 1373 405 224 55,30% 77 19,00% 61 15,10% 43 10,60%
37 Fördegymnasium 1886 598 278 46,50% 114 19,10% 158 26,40% 48 8,00%
38 Jens Jessen-Skolen 1600 426 212 49,80% 100 23,50% 76 17,80% 38 8,90%
39 Schule Engelsby 4 1959 782 389 49,70% 152 19,40% 174 22,30% 67 8,60%
40 Schule Friedheim 1 1673 504 290 57,50% 97 19,20% 83 16,50% 34 6,70%
41 Schule Friedheim 2 1820 719 378 52,60% 128 17,80% 152 21,10% 61 8,50%
42 Schule Friedheim 3 1948 939 475 50,60% 106 20,40% 214 21,10% 58 6,20%
43 Schule Friedheim 4 1791 480 214 44,60% 106 22,10% 51 10,60% 109 22,70%
44 Schule Friedheim 5 1845 852 373 43,80% 153 18,00% 279 32,70% 47 5,50%
Gesamtergebnis (inkl. Briefwahl) 76.420 23.56 (31,0 %) 12.103 (51,4%) 5363 (22,8%) 4156 (17,6%) 1945 (8,3%)
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