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Flensburger Tageblatt

17. Oktober 2017 | 20:54 Uhr

Notbremse: Vom Soldaten zum Lehrer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im vierten Teil unserer Serie berichtet der ehemalige Schulleiter Hans-Peter Fokuhl über seine Zeit bei der Marine

shz.de von
erstellt am 18.Aug.2016 | 18:48 Uhr

Hans-Peter Fokuhl, zuletzt Schulleiter der Falkenbergschule in Flensburg, ist mit Beginn der Sommerferien in den Ruhestand gegangen. Vor nunmehr 42 Jahren begann in Flensburg an der damaligen Pädagogischen Hochschule seine Lehrerlaufbahn. Nach zahlreichen biografischen Wendungen endet sie wiederum hier. Im Mai diesen Jahres veröffentlichte der Schneiderverlag seine Berufsbiografie unter dem Titel: „Auf der Suche nach der sozialpädagogischen Schule. Meine Linkshänderballade“. In seinem Buch nimmt Hans-Peter Fokuhl zahlreich Stellung zu aktuellen schulpolitischen und schulpädagogischen Fragen. Dabei kommt ihm der Humor trotz allem nicht abhanden. Aus Anlass der Beendigung seines Dienstverhältnisses veröffentlicht das Flensburger Tageblatt in neun Folgen Auszüge aus seinem Buch.

Aus Mangel an Kenntnissen von mir selber und der Welt war meine erste Berufswahl ein völliger Griff ins Klo. Soldat. Zugführerlehrgang. Marschieren lernen. 5, 10, 25 Kilometer, vielleicht auch noch mehr, mit Gepäck, mit eingebauten Kampfszenen, mit dem Einsatz von Tränengas, ABC-Schutzmaske. Hardcore vom Feinsten!

Aber irgendwie waren meine Kameraden und ich nicht so krass drauf. Wir waren in der Hauptsache weichgeschleuderte junge Männer aus meistens bürgerlichem Hause, die sich Krieg netter vorstellten. Eigentlich stellten wir uns gar keinen Krieg vor. Sicher wollten wir Freiheit und Frieden verteidigen, aber wenn schon Krieg, dann sollte er nicht zu unbequem werden. Außerdem befanden wir uns in der zur See fahrenden Teilstreitkraft. Marine! Was sollten da diese Landstrapazen?

Auf jeden Fall kam es zum ersten Marsch: Fünf Kilometer, nicht viel. Aber der Effekt war, er missfiel! Keiner mochte sich ausmalen, wie sich die längeren Märsche anfühlen würden. Am ersten Morgen nach dem Marsch trat die ganze Truppe zur Morgenmusterung auf dem Kasernenhof in Reih und Glied an: „Fünfte Inspektion, richt euch! … Augen geradeaus!“ Nach diesen Befehlen wurde unserem Inspektionschef gemeldet: „Fünfte Inspektion angetreten zur Morgenmusterung!“ Daraufhin ließ der Inspektionschef sein „Guten Morgen, 5. Inspektion“ erschallen und wir alle riefen zurück: „Guten Morgen, Herr Kap’tän!“ Sein Morgengruß schien regelmäßig nichts Gutes zu bedeuten, doch dieses Mal hatten wir eine besondere Erwartung, denn zahlreiche Kameraden waren nicht mit dem vorgeschriebenen Schuhzeug angetreten!

Heute Morgen sah es an den Füßen der Offiziersanwärter bunt aus: Flip-Flops, Jesuslatschen, private Turnschuhe! Schon wurde befohlen: „Meldungen und Gesuche vortreten!“ Das war die Aufforderung, vor den Inspektionschef zu treten und das eigene Anliegen vorzutragen. Da stand nun eine ganze Reihe von Kameraden fein säuberlich nebeneinander vor ihrem Chef und einer nach dem anderen trug das immer gleiche Anliegen vor. Nur die Namen änderten sich: „Fähnrich zur See Fokuhl, ich melde mich ab zum Sani!“ Gesagt und weggetreten.

Gute Beobachter konnten sehen, wie unser Chef mehr und mehr um Fassung rang. Nach diesem lächerlichen Marsch sollten so viele Soldaten kampfunfähig sein, sich in den Sanitätsbereich verfügen müssen, um dort sich ein Blasenpflaster verpassen zu lassen? Nachdem der Inspektionschef sämtliche Krankmeldungen ertragen hatte, breitete sich eine bedrohliche Stille über dem Kasernenhof aus. Noch einmal holte er tief Luft und dann brüllte er die versammelte Truppe mit folgendem Satz an, den ich nicht vergessen werde: „So wären wir 1939 nicht einmal bis zur Grenze gekommen!“ Alle waren sich einig. Das durfte kein Offizier der Bundeswehr sagen, auch nicht angesichts einer Truppe wehleidiger Bengels. Es wurde subversiv beraten, was zu tun sei. Es gab ein großes, geheimes Treffen im Nachbarort: Argumente wurden ausgetauscht, aber es entstand kein gemeinsamer Wille. So geschah nichts. Nur einer riskierte doch was: Achim! Am nächsten Morgen stellte er sich nach dem Befehl, „Meldungen und Gesuche vortreten!“, vor unseren Herrn Kap’tän und rief: „Fähnrich zur See Wiehmann, ich bin gerne Soldat!“ Alle wussten, das war in dieser Situation eine Provokation.


„Ich konnte nicht weiter hinter Kasernenzäunen leben“



Während dieser Zeit begann mein wirkliches Leben mit dem Dienstschluss. Es kam zu meiner ersten Begegnung mit einem Obdachlosenlager. Noch nie hatte ich solch ein Elend gesehen. Auch Willis (s. Folge 2) Behausung war schon schlicht, aber dieses hier nach weiteren zwanzig Jahren deutscher Wohlstandsgesellschaft mochte ich nicht akzeptieren. Am bedauerlichsten fand ich das Los der Kinder!

Tonangebend in der Projektgruppe, der ich mich anschloss, waren die Genossen vom Kommunistischen Bund und vom Kommunistischen Bund Westdeutschland. Während die einen mir bodenständiger, strenger und mehr aktionsorientiert erschienen, waren die anderen argumentationsstärker, also wortgewandter, lockerer, irgendwie studentischer. Ich mochte sie alle. Sie bildeten endlich das ab, was ich gesucht hatte. Sie stellten Fragen, die mir schon lange auf dem Herzen brannten. Sie sahen gesellschaftliche und politische Gefahren von einer ganz anderen Seite als die Meinungsführer der Firma, der ich zu dieser Zeit angehörte. Was tun?

Ich konnte nicht weiter hinter Kasernenzäunen leben. Wie und wo konnte ich meinem Leben eine neue Perspektive geben? Meine Antwort war, ich wollte Lehrer werden, aber nicht einer wie die, die ich hauptsächlich kennen gelernt hatte. Ich wollte keiner werden, der sich im Wesentlichen mit sich selber beschäftigt, der seine eigenen Enttäuschungen an anderen ausagiert und der bestehende Herrschaftsverhältnisse verteidigt. Das war eine komplette Ansage gegen das „Artig-Sein“!

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