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Patientenärger in Flensburg : Notaufnahme der Diako: Andrang wie in der Großstadt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

86-Jähriger mit Schnittverletzung wartet über fünf Stunden – und fährt unverrichteter Dinge wieder nach Hause

shz.de von
erstellt am 27.Jul.2017 | 06:36 Uhr

Das Problem ist nicht neu. Doch an jenem Dienstag Anfang Juli nahm es in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) besondere Auswüchse an. In seinem Haus in Mürwik verlor der 86-jährige Carl Mussehl das Gleichgewicht und stürzte auf den Glastisch im Wohnzimmer. Die massive Platte zersprang, an der Schnittstelle zog sich Mussehl eine große Schnittwunde zu, am rechten Unterarm in der Nähe des Ellenbogens. Seinem Schwager Harald Hansen, der im gleichen Haus wohnt, genügte ein kurzer Blick: „Wir fahren in die Notaufnahme!“

Da war es etwa 17 Uhr. Hansen meldete den Verletzten an, erledigte die Formalitäten. Es könne heute lange dauern, ließ man ihn wissen. Also warten. Nach gut einer Stunde hieß es, man könne noch nicht sagen, wann Carl Mussehl dran sei. Daraufhin fuhr Harald Hansen nach Hause und erkundigte sich fortan stündlich nach dem Stand der Dinge. Um 22 Uhr riss ihm der Geduldsfaden – zumal der alte Herr unter Hunger und Durst litt, erschöpft war, kein Geld dabei hatte und immer noch nicht untersucht worden war. Er wollte nach Hause.

Als Hansen beim Empfang sagte, er werde jetzt seinen Schwager wieder mitnehmen, hieß es, das gehe nicht, er müsse mit dem Arzt reden. Das tat Hansen, und zwar in aller Deutlichkeit: „Er war mit Papierkram beschäftigt, hatte keine Zeit für meinen Schwager und sagte nur, man sei heute nur zu zweit. Und ich solle den Patienten dann eben wieder mitnehmen.“

Das Ende vom Lied: Mussehl verbrachte die Nacht unter Schmerzen mit einem notdürftigen Verband zu Hause. Am nächsten Morgen schaute sich die Hausärztin die Verletzung an – und schickte den Verletzten prompt in die Notaufnahme. Dort wurde die Wunde mit 20 Stichen genäht – nach kurzer Wartezeit. Die Diako bedauert den Fall und hat sich – nach einem Beschwerdebrief – schnell bei Hansen und Mussehl entschuldigt.

Doch das Problem bleibt: Immer wieder kommt es vor, dass der Andrang so groß ist, dass lange Wartezeiten unvermeidlich sind. „Aufgrund der vielen schwer- oder lebensbedrohlich erkrankten oder verletzten Patienten an diesem Tag: Patienten werden nach ganz konkreten Merkmalen medizinischer Dringlichkeit behandelt“, teilt die Diako auf Anfrage mit – und nicht nach der Reihenfolge ihres Eintreffens. Dazu Hansen: „Wenn man Prioritäten setzt, muss man wissen, was die Leute haben.“ Niemand habe sich die Verletzung seines Schwagers angeschaut.

Doch es gibt noch weitere Probleme. Etwa ein Drittel der Patienten in der ZNA seien keine Notfallpatienten. Sie müssten eigentlich den Hausarzt aufsuchen. „Genau dieses Patientenkollektiv ist aber maßgeblich für die langen Wartezeiten verantwortlich“, so die Diako.

Dazu kommt, dass die ZNA etwa so viele Notfallkontakte habe wie Groß-Kliniken in Hamburg oder Berlin – etwa 100 am Tag. Doch anders als in diesen Großstädten gibt es in Flensburg keine Alternativen zur Diako, die für ein Einzugsgebiet von rund 300  000 Menschen zuständig ist.

Die Diako bittet inständig darum, nur mit wirklichen Notfällen in die ZNA zu kommen. Zudem verweist sie auf die Anlaufpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung, die am Wochenende für weniger schwere Fälle zuständig ist.

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