Vielfalt in Flensburg : Normalität in schwarz und weiß

Nicht von ungefähr in schwarz und weiß: Anne-Mette Gerdsen vor den Bildern von Marie.
Nicht von ungefähr in schwarz und weiß: Anne-Mette Gerdsen vor den Bildern von Marie.

Ausstellung „Max ist Marie“ im Haus der Familie bis zum 27. April verlängert

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12. April 2018, 14:00 Uhr

Yannick zum Beispiel. Er hat sich immer als Junge gefühlt, sich so gegeben – nur sein Körper habe ihn verraten. Mit 13 schon erkannte er: „Ich spiele gern Theater, aber ich kann nicht mein Leben als Rolle spielen.“ Er schrieb seinem Vater einen Brief, in dem er alles erklärte. Für den war damit die „Tochter gestorben“. Yannick lief weg. Zurück zu Hause klärte sich, dass er seine Eltern nur missverstanden hatte, sie hatten nun einen Sohn, wollten sie sagen. „Mit der Akzeptanz kam die Unterstützung“, heißt es weiter im Heft zur Ausstellung „Max ist Marie oder Mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind“.

Yannick ist einer der Protagonisten auf den schwarz-weißen Bildern der Hamburger Fotografin Kathrin Stahl. Marie heißt ihre Tochter. Aus einem Fotoshooting mit ihr entsprang das Foto- und Text-Projekt. Es handelt, erklärt Stahl in einem Interview, „von Menschen, die im falschen Geschlecht geboren wurden“. Ihr gehe es darum, „die trans-Thematik als das ’Normale’ zu zeigen“ und Verständnis bei denen zu erlangen, die sich nicht damit beschäftigt haben.

Anne-Mette Gerdsen hat bei der Vernissage die Ausstellung vorgestellt. Sie ist Jahrgang 1954, hat auf Sylt und in Berlin gelebt. Dorthin verschlug es sie in der „Hippie-Zeit“, als alle eine große Gemeinschaft waren, das bunte Leben tobte. „Dort musste man sich nicht als besonders definieren.“ Sie sei stolz darauf, dass sie „trotz der Feierei“ ihre Ausbildung als Kindergärtnerin abgeschlossen habe.

Vor zehn Jahren gründete sie die Selbsthilfegruppe der Transsexuellen in Flensburg mit (nächstes Treffen: Freitag, 18 Uhr, www.transsexuellen-selbsthilfe-flensburg.de). Das sei eine offene Gruppe, auch für Familie und Partner von Transsexuellen und Intersexuellen. Während diese entweder in beiden Geschlechtern zu Hause sind oder der Übergang fließend sei, befänden sich Transsexuelle auf dem Weg als Frau zum Mann oder umgekehrt, erklärt die Expertin. Anfangs habe sie oft allein bei einer Kanne Kaffee gesessen und auf Interessenten gewartet, inzwischen habe die Gruppe „ein Potenzial von 25 Leuten“, von ganz jung bis über 80. Einer komme aus Dänemark und nehme lieber die sprachliche Hürde als sich überhaupt nicht auszutauschen. Es sei nicht so, „dass jeder bedröppelt über sein Leben redet“, stellt Gerdsen klar und lächelt. Die Themen sind so divers wie die Gruppe, Schwierigkeiten, eine Stelle zu finden, Partnerschaft. Für manchen „bricht eine Welt zusammen“, es komme zu Trennungen. „Auch das noch“, entfuhr es Gerdsens Frau beim „Outing“. Nachdem die drei Kinder aus dem Haus waren, erzählt Gerdsen, hatte er/sie mehr Zeit zum Nachdenken, auch über sich selbst. Sie habe viele Veranstaltungen zum Thema besucht und sich gewissermaßen selbst erkannt.

Eine geschlechtsangleichende Operation kommt für sie nicht in Betracht, jeder müsse für sich nach dem Nutzen fragen. Gerdsen kleidet sich in Röcke und Kleider, schminkt sich und trägt rote Fingernägel. Und sie kann von etlichen bemerkenswerten Begegnungen berichten, aus dem Schwimmbad, dem femininen Fitnessstudio. Die schönste stammt aus der Uniklinik: Kind und Mutter tuscheln, blicken zu Anne-Mette. „Frag sie doch einfach“, sagt die Mutter schließlich.


„Max ist Marie“, bis 27. April im Haus der Familie, Mo bis Do 8 bis 20.30 Uhr, Fr bis 13 Uhr. Die Ausstellung wird unterstützt vom Arbeitskreis Vielfalt der Stadt Flensburg und im Rahmen des Aktionsplans „Echte Vielfalt“ vom Ministerium für Soziales, Gesundheit Jugend, Familie und Senioren gefördert.

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