Norderstraße: Zuckersüße Geschäfte im Hinterhof

Von Außen: Der ehemalige Speicher samt Zuckerböden im Hof auf der Nordseite...
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Von Außen: Der ehemalige Speicher samt Zuckerböden im Hof auf der Nordseite...

Der Westindienhandel markiert Flensburgs Blüte und prägt noch heute das Stadtbild. Die Serie über die Rum- & Zucker-Meile stellt die markantesten Zeugnisse aus jener Zeit ins Licht. Heute: der Zuckerhof Kracke an der Norderstraße 31.

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29. Juli 2009, 06:12 Uhr

Flensburg | Historische Bauten säumen die Kopfsteinpiste der Norderstraße, konservieren den Vorstadt-Charme vergangener Tage. Bereits im Jahr 1816 hatte Diedrich Kracke hier ein stattliches Grundstück erstanden. Während Seemänner, Handwerker und Fuhrleute in der Nachbarschaft ihre Quartiere aufschlugen, entdeckte Kracke die Hafennähe für sein süßes Geschäft: Im Hinterhof der Norderstraße 31 schwang er sich im 19. Jahrhundert zum größten Zucker-Sieder Flensburgs auf.

Krackes alter Zuckerhof verbirgt sich heute hinter einem weißgetünchten Vorhaus aus dem Jahr 1906, im Erdgeschoss hat sich ein dänischer Braut-Ausstatter eingemietet. Wer den Laden rechts liegen lässt und sich zwischen den Häusern hindurch auf den Hinterhof wagt, bekommt noch heute einen Eindruck von der Größe der Krackschen Raffinerie. An der Nordseite zieht sich der Speicher samt ehemaliger Zuckerböden entlang. Aus dem Dach ragt die Original-Lade-Luke empor, die der Sieder vom Jahr 1821 an nutzte. Von dort aus hat Kracke seine süße Ware sackweise an Flaschenzügen ins Dachgeschoss gehievt. Mittlerweile befinden sich Privatwohnungen im Gebäude-Innern.

1835 beschäftigte Diedrich Kracke bereits fünf Angestellte, die jede erdenkliche Zucker- und Kandissorte produzierten. Einzig billige Sirup-Produkte verschmähte der Flensburger - sein Erfolg gab ihm zunächst Recht. Der Sieder aus der Norderstraße überlebte den allmählichen Niedergang der Zucker-Branche in den 50er Jahren, 1863 rückte er mit einem Anteil von 41 Prozent sogar zum Marktführer auf.

Doch das Konsumverhalten änderte sich. Immer mehr Kunden kauften billigen Rübenzucker statt der teuren Delikatesse aus Übersee. Diedrich Kracke schwammen die Felle davon.

Noch im Laufe der 1860er Jahre zwangen ihn die politischen Verhältnisse endgültig in die Knie. Vor dem deutsch-dänischen Krieg hatte Flensburgs größter Raffinerist seinen Rohrzucker von den dänisch-westindischen Inseln importiert. Damit war jetzt ein für allemal Schluss, denn Schleswig fiel zunächst Österreich zu, später wurde es preußische Kolonie. Zucker-Sieder Kracke war komplett vom dänischen Markt abgeschnitten - und musste sein süßes Geschäft aufgeben.

Heute wohnen private Mieter im historischen Zuckerhof. Søren Dahrgaard hat einen besonders hübschen Loft im ersten Stock des früheren Speichers bezogen. Seit gut einem Jahr lebt der dänische Steuerberater zwischen den über fünf Meter hohen Wänden seiner Wohnung. Hölzerne Balken aus dem 19. Jahrhundert stützen die Decke. Auf einer kleinen Empore hat Dahrgaard sein Nachlager eingerichtet; Licht durchflutet den großen Wohnraum mit offener Küchenzeile. Die historischen Fensterfronten sind erhalten geblieben.

"Eine schicke Wohnung", findet auch der Eigentümer des Hauses, Rainer Barckmann. Vor zwölf Jahren hat der Flensburger Geschäftsmann den ehemaligen Zuckerhof erstanden. "Damals war das komplette Gebäude verfallen", erinnert er sich. Kein Wunder, denn Speicher und Böden der alten Raffinerie hatten 30 Jahre lang leer gestanden.

Im Zuckerspeicher richtete Barckmann sechs Mietwohnungen ein, zu diesem Zweck ließ er ein komplettes Stockwerk aus dem historischen Gebäude entfernen. "Ursprünglich waren die Decken mit 1,80 Metern unheimlich niedrig", erzählt der Besitzer. Trotz strenger Auflagen des Denkmalschutzes durfte Rainer Barckmann außerdem ein neues Treppenhaus in die alten Gemäuer bauen. Die neuen Dachgeschoss-Wohnungen im Speicher hält der Eigentümer für architektonisch besonders reizvoll. Diedrich Krackes Zuckerluke von einst dient den Bewohnern heute als kleiner, hölzerner Balkon.

Dass zwischen den Wänden seiner Wohnung früher Zuckerrohr lagerte, weiß der Mieter Søren Dahrgaard selbst erst seit kurzem. "Als vor dem Haus das Schild der Flensburger Rum- und Zuckermeile angebracht worden war, bin ich darauf aufmerksam geworden", verrät der Däne. Die Norderstraße 31 ist die vierte Station der süßen Rute durch die Stadt.

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