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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Noldes unglückliche Zeit in Flensburg

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Expressionist hatte nicht nur seine künstlerischen Anfänge an der Förde – er versuchte später hier mit seiner Frau Ada eine Existenz zu gründen.

Flensburg | Nein, glücklich war das frisch vermählte Paar nicht in Flensburg. Ada und Emil Nolde waren im Herbst des Jahres 1902 in die Fördestadt gezogen, Unterkunft hatten sie in einer kleinen Dachwohnung im Marienhölzungsweg 17 gefunden, ganz in der Nähe des Waldes, wie Nolde erfreut feststellte. Dennoch sollte es ein kurzer Aufenthalt bleiben. „Nur einige Wintermonate lebten wir in Flensburg. Das Glück schien sich gegen uns zu wenden“, schrieb Nolde in seiner Autobiografie. Das Geld war knapp, Nolde hatte eine künstlerische Krise, und – das zieht sich durch seine Biografie – er fühlte sich gesellschaftlich isoliert. „Wir lebten von niemandem gekannt. Fast ganz von allen fern. Ich mied alle Menschen.“

Dazu kam, dass der junge Maler an seinen Fähigkeiten zweifelte: „Und mit meinem Malen ging es nicht. Nach der schleswigschen Westküste war ich gereist, mit meinen Farben und den Leinen, doch bald kehrte ich wieder zurück, ich konnte ja nichts.“ Es braucht nicht viel Fantasie, wie die Stimmung im Hause Nolde war, im Marienhölzungsweg, direkt unter dem Dach. Weil sie dringend Geld benötigen, lernt Ada weben. Emil unterstützt sie später, indem er ihr Entwürfe für die Kissen zeichnet: „Die Zeichnungen dazu – so gut als mir das Dekorative gelingen wollte – waren einst auf ihrem Geburtstagstisch gelegen“, erinnert er sich später. Die Zeichnungen und die Kissen werden in diesem Jahr erstmals in der Nolde-Stiftung Seebüll öffentlich ausgestellt.

Über das Weben lernt Ada außerdem Toni Eckener kennen, Schwester des Luftschiffpioniers Hugo Eckener. Zeitweise wohnt Ada sogar im vornehmen Haus der Familie, das so viel komfortabler war als die eigene kleine Wohnung. Doch auch dieser freundschaftliche Kontakt ändert nichts an den Plänen der Noldes, Flensburg wieder zu verlassen; im März 1903 ziehen sie weiter in Richtung der damals deutschen Insel Alsen.

Es ist Noldes zweiter Abschied von der Förde, denn er hat bereits von 1884 bis 1888 in Flensburg gelebt. In diesen Jahren machte er eine Ausbildung zum Holzbildhauer an der Kunstgewerbeschule unter der Leitung von Heinrich Sauermann. Eine Berufswahl, der einige Diskussionen in der Familie vorausgegangen waren, denn der Vater hatte andere Pläne für seinen Sohn: Emil Nolde, der damals noch Emil Hansen aus dem Dorf Nolde nahe Tondern war, sollte Schlachter werden oder Tischler. Der junge Emil aber strebte damals schon den Beruf des Kunstmalers an, der Kompromiss schließlich war die Ausbildung zum Holzbildhauer. Mit dem ihm typischen Pathos umschreibt Nolde seinen Abschied aus dem Elternhaus: „Als erster der Familie, der Generationen, kam ich vom Dorfe weg zur Stadt und in die Welt hinaus.“ Die Welt, in die es den jungen Mann vom Dorf zog, hatte damals 30  000 Einwohner, Noldes Ausbildungsbetrieb lag am Holm 62. Nicht weit entfernt, am Holm 3 , verbrachte Nolde häufig seine Freizeit, im Lokal „Gnomenkeller“, das es auch heute noch gibt. „Natürlich mit dem Skizzenblock – die derben Wandmalereien dienen ihm als Vorlage“, schreibt Kirsten Jüngling in ihrer Nolde-Biografie.

Nolde saß meist allein am Tisch, den Stift in der Hand, und zeichnete Karikaturen der Flensburger Bürger, die er dort beim Trinken, Diskutieren und Streiten beobachtete. Es waren keine freundlichen Zeichnungen und auch keine freundlichen Namen, die er den Menschen gab: Jochim Viel ißt er, Brennerei Controleur Duun, Jes Nane Kardüffelnäs oder, etwas allgemeiner: Weiblicher Kampfgenosse, eine dralle Alte mit Klauen und Reißzähnen im Mund. Die Nolde-Stiftung zeigt diese Karikaturen zum Tageblatt-Jubiläum erstmals öffentlich. Es sind völlig untypische Nolde-Zeichnungen, die ihm wohl kaum ein Kunsthistoriker zuschreiben würde.

Schon damals in seiner Lehrzeit sieht Nolde sich selbst als Außenseiter, er hat oft Heimweh. Wenn seine Kollegen im „Schwarzen Walfisch“ in der Angelburger Straße feiern, Karten spielen oder Mädchen nachstellen, zieht er sich in seine kleine Dachkammer am Friesischen Berg zurück und übt sich im Zeichnen. „Ich hatte keine Jugend, wie andere sie haben“, schreibt Nolde später. Interessanterweise bewirbt er sich 1904, nachdem er die Fördestadt schon zweimal verlassen hatte, als Leiter der Kunstgewerbeschule in Flensburg – als Nachfolger von Heinrich Sauermann. Er ist überzeugt, dass man ihn nehmen wird, erhält aber eine Absage.

Es ist ein lohnendes Gedankenspiel, die Frage zu stellen, wie es mit dem Maler Emil Nolde, der später zu Weltruhm gelangen sollte, weitergegangen wäre, hätte er den gut dotierten Posten an der Förde erhalten. Hätte er den Antrieb gehabt, trotzdem sein umfassendes Werk zu schaffen? Und wenn ja, hätte die Nolde-Stiftung dann heute in Flensburg ihren Sitz und nicht in Seebüll? Hypothetische Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Sicher ist allerdings, dass Flensburg für Nolde, so unglücklich er (auch selbst verschuldet) die meiste Zeit an der Förde war, eine wichtige Wegmarke im Leben des Künstlers Emil Nolde war.

Davon zeugt auch sein dritter längerer Aufenthalt in der Stadt: 1910 kam Nolde erneut an die Förde, er arbeitete in einer Töpferei an Keramikobjekten und entdeckte dabei außerdem seine Leidenschaft für die Lithografie. Damals hatte er sich endgültig gegen den Vater durchgesetzt: „Er war der Meinung, daß vier Lehrjahre genügen müßten, auf der Basis des Gelernten im Holzschnitzen müßte ich weiterkommen können.“ So kam es dann auch, aber ganz anders, als sein Vater es sich ausgemalt hatte.

 

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erstellt am 21.Apr.2015 | 16:00 Uhr

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