Nationen in Flensburg : „Niemand ist aus Spaß geflüchtet“

Shabdiz Mohammadi macht ein Freiwilliges Soziales Jahr im Franziskus-Hospital und möchte Krankenpfleger werden.
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Shabdiz Mohammadi macht ein Freiwilliges Soziales Jahr im Franziskus-Hospital und möchte Krankenpfleger werden.

Der Afghane Shabdiz Mohammadi spricht über die Gefahrenlage in seinem Heimatland und über fehlenden Wohnungen in Flensburg

shz.de von
17. Januar 2018, 16:50 Uhr

Einwohner aus 149 Ländern der Erde machen die Hafen- und Universitätsstadt Flensburg zu einer bunten kleinen Metropole. Mit Unterstützung von Peter Rohrhuber, der den Runden Tisch für Integration im Rathaus koordiniert, stellt das Tageblatt jeden Monat einen Einwohner einer Nationalität im Interview vor. Heute: Shabdiz Mohammadi aus Afghanistan.

Wann und warum sind Sie nach Flensburg gekommen?

Ich bin am 3. November 2015 in Flensburg angekommen. Ich bin der Stadt zugeteilt worden, aber sehr froh, dass ich gerade hier gelandet bin.

Gibt es einen Stadtteil, in dem besonders viele Vertreter Ihrer Gruppe leben, wenn ja, wo (und warum)?

Ich denke, dass zwei Viertel der Afghanen in der Neustadt leben und ein Viertel Richtung Mürwik, während der Rest in Weiche wohnt. Es gibt nur wenige Stadtteile, in denen man Glück haben kann, eine bezahlbare Wohnung zu finden.

Wie leben Sie mit Ihrer Familie in Flensburg?

Ich lebe zusammen mit meinem Zwillingsbruder. Wir hatten das Glück, eine schöne, kleine Wohnung zu finden. Meine Eltern und Geschwister leben in Afghanistan.

Welcher ist hier Ihr Lieblingsort in Flensburg?

Besonders mag ich den Hafen, da gehe ich gerne spazieren.

Was hat Ihnen das Ankommen erschwert, was hat es erleichtert?

Ich spreche Englisch, das war anfangs eine große Hilfe. Ich habe mich jedoch sehr schnell darum bemüht, Deutsch zu lernen und konnte mich dadurch schon bald ganz gut auf Deutsch verständigen und mich als Sprachmittler einbringen. Durch die ehrenamtliche Arbeit habe ich mich schnell Zuhause gefühlt. Für Menschen, denen es schwer fällt, neue Sprachen zu lernen, ist es sicherlich schwieriger.

Welche Traditionen aus Ihrer Heimat pflegen Sie auf welche Weise in Flensburg?

Afghanistan ist ein Land, in dem Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und gegenseitiger Respekt zentrale Werte sind. Ich bemühe mich stets, diese Werte auch hier zu pflegen.

Was vermissen Sie besonders aus Ihrer Heimat?

Flensburg ist meine neue Heimat, aber ich vermisse meine Familie schmerzhaft. Vor meiner Flucht war ich nie länger als ein paar Tage von meinen Eltern getrennt. Mir fehlt es sehr, meine Familie in den Arm nehmen zu können, wenn ich glücklich oder traurig bin.

Welche Feste, Aktionen, Institutionen gefallen Ihnen und nutzen Sie regelmäßig?

Für mich gehört es dazu in einer Stadt zu wohnen, alles anzunehmen und anzuschauen, was man da stattfindet. Ich kenne viele verschiedenen Institutionen und habe schon viele Veranstaltungen besucht, die mir gut gefallen haben.

Was fehlt oder funktioniert nicht, was müsste verbessert werden?

Es fehlt ganz dringend an bezahlbarem Wohnraum. Eine eigene Wohnung ist ein wichtiger Schritt, um sich wirklich zu Hause fühlen zu können. Ein weiteres Problem ist die ungerechte Asylpolitik, die die Gefahrenlage in Afghanistan ignoriert. Niemand von uns ist aus Spaß nach Europa geflüchtet, sondern weil wir in Afghanistan in Lebensgefahr sind. Deshalb quält viele Afghanen die ständige Angst vor der drohenden Abschiebung.

Was würden Sie sich von Bürgern und Behörden künftig wünschen?

Ich wünsche mir ein friedliches Miteinander, Akzeptanz und Toleranz, und dass die Flensburger so tolle Menschen bleiben, wie Sie sind!

Nationen in Flensburg -  Top 10

In der Stadt Flensburg mit ihren rund 94000 Einwohnern leben Einwohner aus 149 Staaten der Erde. Die zehn zahlenmäßig größten Gruppen sind:

1. Dänen 2287

2. Syrer 1611

3. Rumänen 1384

4. Polen 1003

5. Türken 794

6. Iraker 541

7. Afghanen 441

8. Bulgaren 363

9. Russen 274

10. Griechen 224

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