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Flensburger Tageblatt

20. Oktober 2017 | 09:30 Uhr

Gedenkfeier Reichspogromnacht : Nie wieder!

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bewegende Gedenkfeier anlässlich des antijüdischen Novemberpogroms 1938 auf dem jüdischen Friedhof

shz.de von
erstellt am 10.Nov.2015 | 14:30 Uhr

Flensburg | Käte Wolff vom Gut Jägerslust, 74 Jahre alt, umgebracht in Treblinka; Familienvater Heinrich Lazarus, vergast in Auschwitz; Leo Fertig, 1931 in Flensburg geboren, deportiert nach Polen und dort „verschollen“; Louis Wartelski, Goldschmied in der Norderstraße, Suizid im Polizeipräsidium kurz vor seiner erneuten Deportation – vier Schicksale von 42 bekannten Holocaustopfern aus Flensburg, an die gestern während einer Gedenkfeier anlässlich des antijüdischen Novemberpogroms 1938 auf dem jüdischen Friedhof erinnert und – durch die Nennung ihrer Namen – gedacht wurde.

Die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 war ein weiterer Schritt in der radikalen Politik der Nationalsozialisten gegen Juden – der Weg führte direkt zum millionenfachen Holocaust. Auch in Flensburg war es in dieser Nacht zu Gewaltexzessen gegen jüdische Familien gekommen. Besonders betroffen war das Gut Jägerslust, das von der Besitzerfamilie Wolff jungen deutschen Juden als Auswandererlehrbetrieb zur Verfügung gestellt worden war. Es wurde von Nazi-Schergen überfallen. Alle Bewohner wurden verhaftet. Manchen von ihnen gelang später die Flucht, andere wiederum gerieten in die Vernichtungsmaschinerie der braunen Machthaber – so wie drei Mitglieder der Familie Wolff.

In der Pogromnacht wurde auch die elterliche Wohnung von Heinrich Lazarus in der Großen Straße heimgesucht. Der Ehemann und Vater eines kleinen Sohnes wurde von der Gestapo festgesetzt und in Auschwitz ermordet.

Es sei eine immer währende Aufgabe der nachwachsenden Generationen, die Erinnerung an dieses einmalige Menschheitsverbrechen wachzuhalten und unablässig zu mahnen: „Nie wieder“, erklärte Gershom Jessen, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde Flensburg. Diesem schloss sich Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar an und sprach sich dafür aus, aus der Geschichte Lehren für heute und die Zukunft zu ziehen. So müsse man aktuell beispielsweise Hetzparolen gegen Bürgerkriegsflüchtlinge deutlich widersprechen und Anschläge gegen Asylbewerberheime scharf verurteilen.

Ein besonderes Gewicht erlangte die würdige und gut besuchte Gedenkstunde durch die Mitwirkung von Rabbiner Stephen Fuchs aus den USA, dessen Vater während der Pogromnacht 1938 in Leipzig inhaftiert worden war. Mit viel Glück gelang ihm die rettende Flucht in die USA. Der Sohn wuchs in der Nähe von New York in einer von Flucht- und Exilerfahrung geprägten Familie auf, studierte und wurde Rabbiner. Er war viele Jahre Gemeinde-Rabbiner in West Hartford im US-Bundesstaat Connecticut und Präsident der Weltunion für progressives Judentum und beteiligt sich weiterhin aktiv am interreligiösen Dialog. Rabbi Fuchs sprach das Kaddisch-Trauergebet und das Gedenk-Gebet Jiskor zur Erinnerung an die Verstorbenen. „Wir dürfen aber nicht nur zurückschauen, sondern müssen zugleich gemeinsam an einer besseren Zukunft arbeiten“, so sein Appell.

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