Zeitumstellung in Flensburg : Nicht länger hell, sondern früher spät

Hier melkt der Bauer noch selbst:  Marc Otzen in seinem Kustall an der Taruper Dorfstraße.
Marc Otzen in seinem Kuhstall an der Taruper Dorfstraße.

Die Zahl der Kritiker steigt – und auch in Flensburg kann der Sommerzeit nicht jeder etwas Gutes abgewinnen

shz.de von
28. März 2017, 06:53 Uhr

Die Zahl der Sommerzeit-Gegner wächst beständig. Sie führen neben dem „nervigen“ Umstellen der Uhren an Mikrowelle, Backofen und im Auto auch gewichtige Argumente gegen die „geklaute“ Stunde ins Feld: gesundheitliche Probleme wie Schlafstörungen, vermehrte Unfälle, höhere Energiekosten, kein ökonomischer Nutzen – um nur einiges zu nennen. Eine Initiative zur Abschaffung dieser am 6. April 1980 eingeführten „Errungenschaft“ versucht es mit dem leicht verwirrenden Satz „Es ist nicht länger hell, sondern früher spät und später kühl“ auf den Punkt zu bringen.

Die Suche nach der verlorenen Zeit. Beispiel Krankenhaus: Der Nachtdienst im Franziskus-Hospital hat wie in anderen Kliniken auch eine Stunde weniger; so müssen einige Aufgaben vom Spät- und Tagdienst vorbereitet werden. Es wird eine Minusstunde erzeugt, die irgendwann nachgearbeitet werden muss. Chemotherapien werden im exakten Zwölf-Stunden-Rhythmus gegeben. „Im Rahmen der Zeitumstellung ist eine genaue Taktung nicht mehr mit den Arbeitsabläufen zu vereinbaren“, sagt Sprecherin Franziska Mumm. Daher musste ab Freitag eine Anpassung der Abstände vorgenommen werden, um am Montag wieder beim üblichen Rhythmus anzukommen. „Auch den Patienten merkt man die fehlende Stunde an – gerade auf den Geriatrischen Stationen spielt das eine bedeutende Rolle, insbesondere demenziell erkrankte Patienten reagieren stark auf die Zeitumstellung.“

Die fehlende Stunde wirkt auch ins Familienleben hinein. Wenke Rost, Stationsleiterin im Malteser-Krankenhaus beklagt: „Ich bin voll berufstätig und absolviere parallel ein Pflegemanagementstudium. Dementsprechend wichtig ist mir die wenige freie Zeit. Eine fehlende Stunde kann die Abläufe in einer Großfamilie ziemlich durcheinander bringen – mein Mann, meine drei Kinder, der Hund und ich spüren das deutlich!“

Apropos Hunde: Hunde gelten als absolut resistent gegenüber der Zeitumstellung. Sie passen sich in der Regel den Menschen an. Das gilt allerdings nicht für Milchkühe. Marc Otzen aus Tarup hat 40 davon. „Die brauchen beim Melken natürlich ihre festen Zeiten“, sagt der Landwirt, „aber sie sehen die Umstellung ganz entspannt.“ Das mag auch daran liegen, dass Otzen sie am Sonntag eine halbe Stunde früher „geweckt“ hat und gestern Morgen noch einmal. „Das macht jeder anders“, sagt Otzen. „Andere melken punktgenau im Minutentakt.“ Und wenn man seinen Kühen zur Sommerzeit auf Anhieb eine Stunde stehle, „gibt’s weniger Milch“.

Wie sieht es an den Schulen aus? Sind die Pennäler gestern reihenweise zu spät oder übermüdet zum Unterricht erschienen? Frithjof Höhnke, Schulleiter am Fördegymnasium hat keine „Ausfallerscheinungen“ beobachten können. Er selbst hat Unterricht in der ersten Stunde gegeben. Fazit: keine Verspätungen, normale Konzentration und Lernleistungen. „Montags sind sie immer müde – egal ob Sommer- oder Winterzeit.“ Kollege Matthias Lohse, Musiklehrer am Alten Gymnasium, kann das bestätigen. „Es war sehr ruhig in der ersten Stunde, ich habe keine Unterschiede zu den Vortagen bemerkt.“ Höhnke ergänzt: „Ich selbst habe grundsätzlich keine Probleme mit dem frühen Aufstehen.“ Gleichwohl könne er sich den Argumenten der Skeptiker nicht verschließen. „Ist zwar schön, dass es abends länger hell ist, aber ich glaube, wir brauchen das nicht.“

Eckehard Kordts (73) ist ehemaliger Kripo-Kommissar und aktuell Vorsitzender des Seniorenbeirats. Er hält von der Umstellung zur Sommerzeit gar nichts – und hat auch noch nie viel davon gehalten. „Das ist in meinen Augen Quatsch, viel zu viel Aufwand und zu hohe Kosten“, sagt er. Er sehe darin überhaupt keine Vorteile. Allerdings bleibt sein Bio-Rhythmus stabil. „Weder als Kripomann noch als Pensionär hatte ich mit dem frühen Aufstehen Schwierigkeiten. In der Regel habe ich es morgens jetzt aber nicht mehr so eilig.“

Am Twedter Plack führt Hussein Mohammad (34) in seinem Imbiss das Regiment. Er freut sich immer auf eine „blaue Stunde“, die er morgens noch im Bett verbringt. „Als der Wecker um acht Uhr klingelte, war es allerdings schon neun. Ich geriet richtig in Stress.“ Einem Mitarbeiter war die Umstellung gar nicht erst aufgefallen. Er kam gut gelaunt zur Arbeit geschlendert – aber eine Stunde zu spät.

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