Welt-Down-Syndrom-Tag : „Nicht doof, sondern schlichtweg anders“

Glückliches Duo: Susanne Post verbringt sehr viel Zeit mit Sohn André, der das Down-Syndrom hat.
Glückliches Duo: Susanne Post verbringt sehr viel Zeit mit Sohn André, der das Down-Syndrom hat.

André wird von Anwohnern vom Spielplatz verscheucht. Pias Bruder wird von Klassenkameraden beschimpft. Ausgrenzung ist Alltag für Jugendliche mit Down-Syndrom. Ihre Mütter verstehen das nicht - und fordern mehr Integration. Nicht nur am Welt-Down-Syndrom-Tag.

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21. März 2014, 08:21 Uhr

Flensburg | André ist 17. Er kann kaum sprechen, hat die geistige Reife eines Grundschülers und muss rund um die Uhr betreut werden. Das übernimmt meistens seine Mutter, Susanne Post. Darüber frustriert ist sie keineswegs, im Gegenteil: „Wenn ich die Wahl hätte, würde ich aber jederzeit wieder ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt bringen.“

Damit gehört die 57-Jährige offenbar zu einer klaren Minderheit. „Ich höre regelmäßig von Schwangeren, dass sie abtreiben, um kein Kind mit Down-Syndrom zur Welt zu bringen“, berichtet etwa Katja Asmus, selbst Mutter einer 15-jährigen Tochter mit dieser Behinderung. Dies sei „leider völlig normal“. Asmus: „Für mich ist es jedes Mal wie ein Schlag in den Bauch.“

Ähnlich fühle sie sich, wenn ihre Tochter Pia von anderen Kindern ohne Behinderung außen vor gelassen werde. Und nicht nur sie: Auch Pias zwei Jahre jüngerer Bruder bekomme dies zu spüren. „Dann heißt es schon mal von anderen Jugendlichen: ,Du bist bescheuert, weil deine Schwester bescheuert ist.‘“ Unter solchen Äußerungen leidet Katja Asmus. „Man kommt sich ein bisschen wie ein Aussätziger vor.“

Dieses Gefühl kennt auch Susanne Post. „Vergangenes Jahr haben Anwohner André von einem öffentlichen Spielplatz geschickt, weil ihnen sein Verhalten nicht passte.“ Natürlich verhalte sich ihr Sohn anders als Kinder ohne Down-Syndrom, doch gerade deshalb sei es nötig, sich damit auseinander zu setzen. Denn der Umgang mit Gleichaltrigen ohne Behinderung ist für André sehr wichtig – so geschehen bei der Konfirmation in der St.-Johannis-Gemeinde. Eine prägende und sehr schöne Erfahrung sei dies gewesen, sagt seine Mutter. „Während der neunmonatigen Vorbereitungsphase haben sich André und die übrigen Jugendlichen zusammengerauft und viel voneinander gelernt.“

Daher müsse die Devise viel häufiger Integration statt Ausgrenzung lauten. „Und da sind wir in unserer Gesellschaft noch längst nicht so weit, wie es sein sollte“, findet Katja Asmus. Zunächst müsse sich in den Köpfen festsetzen, dass Down-Syndrom-Betroffene „nicht doof, sondern schlichtweg anders“ sind. Ein entsprechendes Verhalten müsse den Kindern von ihren Eltern vorgelebt werden. „Das wird aber schwer, wenn sie ein Leben mit Down-Syndrom für unwürdig halten und abtreiben.“ Um solche Vorurteile abzubauen, wünschen sich Katja Asmus, Susanne Post und Birgit Lempertz, Mitbegründerin der Selbsthilfegruppe „Burschi“, für Eltern von Down-Syndrom-Kindern, mehr gemischte Sportkurse, Workshops und andere Aktivitäten, an denen Down-Syndrom-Betroffene und Personen ohne Behinderung teilnehmen.

Bei der Tanzschule Tangothek wird dies bereits gelebt – mit ernüchterndem Ergebnis. Inhaber Peter Carstensen bedauert: „Viele Eltern wollen nicht, dass ihr Kind mit Behinderten in einer Gruppe tanzt.“ Folglich würden zahlreiche Kinder von ihren Eltern in eine andere Gruppe gesteckt oder gar von der Tanzschule abgemeldet.

Susanne Post und Katja Asmus wissen davon nichts. Dennoch steht für sie fest: „Es ist noch ein langer Weg bis Pia, André und die übrigen Betroffenen voll integriert sind.“

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