Flensburger Brasseriehof : Neuer Glanz für eine Altstadt-Perle

Könnte ein Domizil für Handwerker und ihre Werkstattläden werden: Der Brasseriehof an der Großen Straße.
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Könnte ein Domizil für Handwerker und ihre Werkstattläden werden: Der Brasseriehof an der Großen Straße.

Anja Werthebach hat den Brasseriehof gekauft und will andere Hofbesitzer für ein gemeinsames Konzept gewinnen.

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16. Mai 2015, 15:00 Uhr

Flensburg | Unterwegs im Auto haben Anja Werthebach und ihr Freund schon Luftschlösser im Brasseriehof entworfen. Anlass fürs Visionieren war ein Artikel in der Zeitung Anfang des Jahres 2014 über die Gebrüder Thomas. Die beiden reiferen Herren hatten ein Konzept ent- und in die Öffentlichkeit geworfen, um insbesondere die sehenswerten Kaufmannshöfe zwischen Speicherlinie und Großer Straße wiederzubeleben und durchlässig zu machen. Es sollte eine Verbindung in Gestalt einer zusammenhängenden „Erlebniszone“ geben – mit Kunst, Kunstgewerbe, Handwerk, Mode, Markt, Gastronomie.

Diese Ideen gefallen Anja Werthebach. „Wir Flensburger müssen uns zusammentun“, sagt die neue Besitzerin des Brasseriehofs. Die technische Übersetzerin und seit dem Studium hier leidenschaftliche Flensburgerin war gerade auf der Suche nach einem Anlage-Objekt, als ihr der Brasseriehof in einer Verkaufsanzeige begegnete und sie sich an den Zeitungsbericht entsann. „Ich habe mich sofort verliebt“, sagt die 48-Jährige über das historische Ensemble. Am 15. April kaufte sie die Adresse Große Straße 42 bis 44.

Hier wird gewohnt und gewerkelt. Um die bauliche Substanz – anders als bei einigen benachbarten Höfen – muss sich die Investorin allerdings nicht sorgen. Sie ist dankbar, dass der dänische Vorbesitzer das u-förmige Gebäude instand gehalten hat, das wiederum in den achtziger Jahren grundsaniert worden ist.

Aus ihren Recherchen bei Experten der Stadtgeschichte weiß Anja Werthebach, dass „ihr“ Hof schätzungsweise zwischen 1840 und 1850 gebaut worden sein muss und als Speicher diente. Wer das Gebäude errichtet hat, konnte sie nicht rekonstruieren – auch nicht den Hinweis verwerten, den die verschlungenen Initialen „AS“ an der Hauswand geben.

Ganz im Sinne der Gebrüder Thomas würde sie es schön finden, wenn sich traditionelles, gutes Gewerbe in den Höfen ansiedeln würde. Ihr schweben Menschenströme vor, die im Kreis oder Schlangenlinien von Hof zu Hof lustwandeln und beispielsweise beim Sattler zugucken können, wie der die Handtasche repariert, oder beim Tischler oder Töpfer über die Schulter schauen. So ungefähr. Im Brasseriehof gibt es jetzt schon ein Restaurant und ein Café; letzteres steht zwar noch leer, es gebe aber schon ein Konzept, sagt die Flensburgerin geheimnisvoll. Gemeinsam mit ihrer Freundin Natascha Wolter, die Industriekauffrau, Diplom-Pädagogin und Leiterin einer Pflegeeinrichtung ist, nennt sie die Stichworte „bio“ (aber mit weit reichender, ganzheitlicher Philosophie) und Inklusion. Außerdem will die neue Hofbesitzerin künftig auch Künstler der Hofkultur willkommen heißen und wünscht sich, einen Teil des Weihnachtsmarkts zu beherbergen. Ihr Ziel ist, dass Touristen, die über Flensburg im Reiseführer lesen zu dem Schluss kommen: „Wenn ich nicht hier war, dann habe ich etwas versäumt.“ Anja Werthebach fängt vor ihrer Hoftür an und hofft, dass sich „alle Flensburger, die Höfe besitzen, angesprochen fühlen“.

„Eigentümermobilisierung“ ist auch ein Anliegen Eiko Wenzels aus dem Fachbereich Entwicklung und Innovation. Die Anregungen der Gebrüder Thomas seien seinerzeit intensiv mit den beiden und im Rathaus diskutiert worden. „Wir müssen etwas für die Flensburger Kaufmannshöfe tun“, sei die einhellige Meinung. Wenzel bezeichnet Reinhard und Peter Thomas gar als „geistige Väter“ der Bewerbung für das Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“. Tatsächlich wurde sie unter dem Titel „Deutsch-Dänische Kulturachse – Entwicklung des historischen Altstadtquartiers mit einem gesellschaftspolitischen Leitmotiv“ erfolgreich für Flensburg mit 1,6 Millionen Euro beschieden. Eine weitere Perspektive habe sich durch das Land eröffnet, ergänzt Eiko Wenzel. Im Februar habe sich die Stadt um das Förderprogramm „Städtebaulicher Denkmalschutz“ beworben, die ebenfalls der westlichen Altstadt zugute kommen würde.

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