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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Neuer Glanz dank neuer Türme

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Fast zeitgleich fallen Bauarbeiten an den Kirchen St. Marien und St. Nikolai an. Der neue Helm für St. Marien am Nordermarkt wurde 1880 fertig gestellt.

Flensburg | Am 15. Juni 1865 erschien die erste Ausgabe der Flensburger Nachrichten. Als Nachfolgezeitung begeht das Tageblatt den runden Geburtstag mit einer 150-teiligen historischen Serie – immer Dienstag, Donnerstag und Sonnabend im Tageblatt. Heute: das Jahr 1880.


Geplant gewesen ist es keineswegs, dass die beiden größten und bedeutendsten Kirchen Flensburgs ab 1877 gleichzeitig zur Großbaustelle werden: Ein Blitzeinschlag in St. Nikolai löst einen Brand aus, der den gesamten Kirchturm zerstört und die neuen Glocken schmelzen lässt. Schnell steht fest, dass ein Neubau her muss.

Unter völlig anderen Vorzeichen steht dagegen der Bau des neuen Helms für den St.-Marien-Kirchturm. Dessen barocke Haube aus Holzschindeln stammt aus den Jahren 1730/31 und ist von der maritimen Witterung in Flensburg in Mitleidenschaft gezogen worden.

Gleiches gilt für die Steine der nordwestlichen Turmwand. Während des 1. deutsch-dänischen Krieges 1850/51 wird die Kirche als Lazarett genutzt. Nicht zuletzt deshalb ist in der Folge eine umfangreiche Innenrenovierung notwendig.

Der äußere Teil der gotischen Hallenkirche bleibt jedoch unberücksichtigt – bis 1874, als der Kirchenvorstand die Absicht äußert, den Turmhelm neu zu bauen. Doch bis zum tatsächlichen Baubeginn dauert es noch einige Zeit, denn knapp ein Jahrzehnt nach der Einbettung ins Deutsche Reich sind die preußischen Verwaltungsstrukturen beim Bauantrag klar erkennbar: Der entsprechende Beschluss des Kirchenvorstands nach einem Anstoß aus der Gemeinde wird anschließend zunächst von der zuständigen Probstei und danach vom Konsistorium, einer kirchlichen Fachbehörde in Kiel, beschlossen, bevor es an die Umsetzung des Projekts geht.

Dieses kostet rund 65  000 Euro, was damals sehr viel Geld ist. „In der heutigen Zeit würde solch ein Bau in den Millionenbereich gehen“, sagt Dirk Jansen aus dem Kirchengemeinderat von St.  Marien. Das Mauerwerk wird um etwa einen halben Meter erhöht und anstelle der Barockhaube wird dem Turm ein spitzer Helm aufgesetzt, der nach oben hin aus den spitz zulaufenden Giebeln herauswächst. Um die Etage unter den Giebeln aufzulockern, bekommt der Kirchturm je zwei spitzbogige Schallöffnungen, hinter denen sich die Glockenstube befindet. Zudem wird der Helm mit Schieferplatten anstelle von Holzschindeln bestückt.

Erst ein Jahrhundert später, in den 1980er Jahren, werden die Schieferplatten gegen einen Kupferüberzug ausgetauscht. Dieser soll nach Angaben von Dirk Jansen rund 150 Jahre lang halten.

Hauptverantwortlich für die Planung des Turm-Neubaus vor knapp 130 Jahren zeichnete der aus Sieseby (heute Kreis Rendsburg-Eckernförde) stammende Architekt Johannes Otzen. Sein Entwurf basiert auf den Plänen des Kopenhagener Bauinspektors Matthiesen, dessen Engagement der Kirchengemeinde jedoch zu teuer war. Otzens Entwurf genehmigt die Königliche Regierung in Schleswig im Frühjahr 1878, sodass dem Bau nun nichts mehr im Wege steht.

Pikante Randnotiz: 1877 fertigt Otzen nicht nur den Bauplan für den St.-Marien-Kirchturm, sondern auch jenen für den Turm von St.-Nikolai. Auch durch diese beiden Projekte erarbeitet er sich seinen guten Ruf als Kirchenbaumeister. Daher wird er später auch beauftragt, den Turm der Itzehoer St. Laurentius-Kirche und den repräsentativen Staatsbahnhof Flensburgs auf dem Gelände des heutigen Zentralen Omnibusbahnhofs (ZOB) im Jahr 1883 zu entwerfen.

Wissenschaftlich ist es nicht belegbar, doch nach Angaben von Dirk Jansen legt die Kirchenliteratur nahe, dass St.-Marien – angestachelt von der Rivalität zu St.-Nikolai – großen Wert auf einen bedeutend größeren Turm gegenüber dem vorherigen gelegt hat. Seit dem 1880 fertig gestellten Neubau ist die Kirchturmspitze von St.  Marien rund 70 Meter hoch, zuvor seien es etliche Meter weniger gewesen.

Damit ist der Kirchturm seitdem nicht nur schon von weitem besser sichtbar, sondern verleiht Flensburg im Zusammenspiel mit dem St.-Nikolai-Kirchturm und dem 1879 fertig gestellten Gerichtsgebäude am Südergraben neuen optischen Glanz im Sinne einer städtischen, großbürgerlichen Silhouette. Dies passt zum Zeitgeist einer Stadt, die nach der Integration ins Deutsche Kaiserreich wirtschaftlich aufblüht und sich bewusst vom Image des Provinziellen verabschieden will.

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