Tanz den Dönitz : Neue Identitäten aus dem Hinterhof

Die Schauspieler konfrontierten die Besucher mit den Abgründen des Nationalsozialismus.
Die Schauspieler konfrontierten die Besucher mit den Abgründen des Nationalsozialismus.

Die Theaterwerkstatt Pilkentafel erinnert mit ihrer Performance „Tanz den Dönitz“ an die Verhaftung der letzten NS-Regierungsmitglieder.

shz.de von
26. Mai 2015, 10:00 Uhr

Flensburg | Überraschende, provokante, aber auch bittere, empörende Momente zum Auftakt: Die Teilnehmer der von Land und Stadt gemeinsam getragenen Gedenkveranstaltung anlässlich des 70. Jahrestages der Verhaftung der letzten NS-Reichsregierung durch die Alliierten wurden zunächst in den Gefängnishof des früheren Polizeipräsidiums gelotst – dorthin, wo am 23. Mai 1945 der internationalen Presse mit Karl Dönitz, Albert Speer und Alfred Jodl drei prominente Vertreter des Nazi-Terrorregimes präsentiert wurden. Die Theaterwerkstatt Pilkentafel konfrontierte an diesem historischen Ort die Besucher mit ihrer Performance „Tanz den Dönitz“ mit Abgründen des nationalsozialistischen Herrenmenschentums und schickte sie durch den braunen Sumpf, flankiert von ausdrucksstarken Botschaften, zum Beispiel Grabkreuzen von Opfern der NS-Militärjustiz sowie einem Dönitz-Zitat („Fahnenflucht kostet den Kopf“) und einer Unterhose des Hitler-Nachfolgers, der sich nach der Festnahme um seine Unterwäsche gesorgt hatte.

„In dieser künstlerischen Darstellung durch die Pilkentafel spiegelt sich die ganze Absurdität dieses Kapitels der NS-Zeit und ihres Spitzenfunktionärs“, würdigte Anke Spoorendonk das Engagement der Theatermacher. Die Ministerin für Justiz, Kultur und Europa erinnerte im sogenannten Säulensaal des Polizeigebäudes an den Norderhofenden daran, dass sich zum Kriegsende in großer Zahl hochrangige NS-Protagonisten nach Flensburg abgesetzt und im damaligen Polizeipräsidium neue Papiere und Identitäten erhalten hätten. Etliche Nazis sind den Alliierten entkommen, viele hätten in Verwaltung, Justiz, Polizei, Hochschulen und im Regierungsapparat eine neue Karriere gemacht.

In kaum einem anderen Bundesland sei in den 1950-er Jahren der Anteil der Staatsbediensteten, die vormals als NS-Funktionsträger oder gar als Kriegsverbrecher einzustufen waren, größer gewesen als hier im Norden. Es sei eine Tatsache, dass Schleswig-Holstein nach dem Ende des Nazi-Regimes eine zweite braune Phase erlebt habe, kritisierte die Ministerin rückblickend und wies daraufhin, dass diese bis in die sechziger Jahre währende Zeit sich auf die politische Entwicklung und die geistigen Strömungen in der Gesellschaft ausgewirkt habe. Erst in den 1980-er Jahren habe darüber eine Diskussion und Selbstreflexion eingesetzt. Auch heute noch sei die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit von hoher gesellschaftlicher und politischer Bedeutung. Eine aktive Erinnerungs- und Gedenkarbeit sei Teil der demokratischen Identität Deutschlands. Das „Nie wieder!“ bleibt, so Spoorendonk weiter, auch für künftige Generationen Mahnung.

Die Notwendigkeit einer immerwährenden Erinnerung in aufklärendem und mahnendem Sinne unterstrich auch Flensburgs Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar. Jede Generation sei aufs Neue aufgefordert, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Antisemitismus und Rassismus seien mit dem Dritten Reich nicht untergegangen, so dass sich immerfort die Frage stelle, was Menschen dazu bringe, wider alle Ethik und Moral zu handeln, und andere dazu befähige, dem Mitmachen zu widerstehen.

Die Überwindung der NS-Diktatur habe Deutschland die Chance auf einen Neuanfang gebracht und die Tür in eine bessere Zukunft geöffnet. Frieden, Freiheit und Demokratie seien im Rechtssystem von heute hohe Güter. Die Geschichte habe schmerzhaft gelehrt, wie schnell diese Errungenschaften gefährdet sein könnten. Daher gehe mit dieser Gedenkveranstaltung auch die Verpflichtung einher, sich gemeinsam mit anderen Ländern immer wieder für die Wahrung von Frieden, Freiheit und Demokratie einzusetzen, erklärte Krätzschmar, die ihre Freude und Dankbarkeit darüber zum Ausdruck brachte, dass der 70. Jahrestag des Kriegsendes in Flensburg mit Vertretern einstiger alliierter Siegermächte begangen werden könne. Mit der Überreichung der neuen Dokumentation „Mai ’45 – Kriegsende in Flensburg“ bedankte sie sich unter dem Beifall der Besucher bei Lance Domm, Botschaftssekretär der britischen Botschaft in Berlin, und bei Ivan Khotulev, dem Generalkonsul der russischen Föderation in Hamburg, für ihre Teilnehme an der Gedenkfeier.

Der Militärhistoriker Herbert Kraus nannte die Festsetzung der Reichsregierung Dönitz vor 70 Jahren ein weltpolitisches Ereignis. Die Alliierten hätten bald erkannt, „dass man mit diesen Leuten nichts Neues aufbauen konnte“. Es habe sich um eine „mutmaßlich kriminelle Verschwörerbande“ gehandelt. Mit der Vorführung von Dönitz, Speer und Jodl im Hinterhof des Polizeipräsidiums vor Dutzenden von Fotografen und Kameramännern hätten die Siegermächte der ganzen Welt sagen wollen: Seht her, es ist nun endgültig vorbei!

Für viele Menschen kam das Ende der NS-Schreckensherrschaft zu spät. Ihnen ist das sogenannte Hebroni-Denkmal in Sichtweite des Polizeigebäudes gewidmet. Zum Gedenken an die Opfer der Nazi-Diktatur wurden dort im Namen des Landes, der Stadt, der britischen Botschaft, des russischen Konsulats und der Marineschule Mürwik Kränze niedergelegt.


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