Handewitt : „Nehmt uns, wie wir sind“

Toben und spielen mit Anna-Mia und Max (links) – für Annika Dammann ist das trotz ihrer Behinderung kein Probblem.
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Toben und spielen mit Anna-Mia und Max (links) – für Annika Dammann ist das trotz ihrer Behinderung kein Probblem.

Annika Dammann ist halbseitig gelähmt – und arbeitet als Kindergärtnerin.

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03. Dezember 2017, 13:43 Uhr

„Hallo“, sagt Annika Dammann und streckt ihre linke Hand zur Begrüßung aus. Der rechte Arm liegt eng an ihrem Körper, die Hand zeigt abgeknickt nach Innen. Ihr Gegenüber schaut zuerst etwas überrascht, greift dann aber ohne zu zögern nach der linken Hand. Annika Dammann ist seit ihrer Geburt halbseitig gelähmt, ihre rechte Körperhälfte funktioniert nur eingeschränkt. Doch das hält die 30-Jährige nicht davon ab, einen anstrengenden Beruf auszuüben. Seit sechs Jahren arbeitet die Sozialpädagogische Assistentin als Betreuerin in der Kindertagesstätte Timmersiek. Sie gehört selbstverständlich dazu. „Ein Beispiel für gelungene Inklusion“, findet Anja Heldt, stellvertretende Geschäftsführerin des Kita-Trägers Adelby 1.

Annika Dammann kam gesund auf die Welt. Doch acht Stunden nach der Geburt lief sie blau an, wollte nicht trinken. „Man hat mir das Fruchtwasser, das ich geschluckt habe, nicht abgesaugt“, erzählt sie. „Ich wäre fast daran erstickt. Die Ärzte haben das zu spät bemerkt.“ Dass sie dadurch Schäden zurückbehalten würde, ahnte damals noch niemand. Eine Behinderung diagnostizierte ein Flensburger Kinderarzt erst, als das Mädchen zehn Monate alt war. Er stellte fest, dass die Reflexe auf der rechten Körperhälfte nicht so ausgeprägt waren wie links. Wie schwer die Behinderung war, konnte der Mediziner nicht abschätzen. Die linke Gehirnhälfte war abgestorben. Aber das kam erst später zur Sprache.


Ein Versorgungsfehler führt zur Behinderung

Für das kleine Mädchen und seine Eltern begann ein harter Kampf. Mit zwei Jahren wurde Annika Dammann operiert, um ihre Bänder, die sich zurückgebildet hatten, zu verlängern. „So konnte ich laufen lernen “, sagt sie. „Mit Schienen.“ Es folgten zahlreiche Therapien, Krankengymnastik, therapeutisches Reiten. Bis sie 18 Jahre alt war, erinnert sie sich, habe sie viel für ihren Körper tun müssen. Mit sieben lernte sie zu schwimmen, mit neun Radfahren. Dann kam die zweite Operation. Die Ärzte durchtrennten ihr die Nerven im Fuß, um sie neu zusammenwachsen zu lassen. Drei Wochen saß die damals 19-Jährige nach dem schmerzhaften Eingriff im Rollstuhl, lernte danach erneut mit Schienen zu laufen. Trotz allem: Die Handewitterin aus dem Ortsteil Weding hat sich nicht unterkriegen lassen, sie hat nie aufgegeben – auch wenn sie in der Schule und während ihrer Ausbildung zur Sozialpädagogischen Assistentin oft gemobbt und diskriminiert wurde. Gerne wäre sie Erzieherin geworden. Das habe ein Heilpädagoge ihr aufgrund ihrer körperlichen Einschränkung nicht zugetraut, erzählt sie. Auch die Ärzte hätten ihre Eltern panisch gemacht: „Ihre Tochter kann nie alleine leben und keine eigene Familie gründen“, lautete die Einschätzung. Doch Annika Dammann hat gezeigt, dass es anders geht. Sie hat geheiratet und eine Tochter bekommen, außerdem kümmert sie sich um die beiden Kinder ihres Mannes aus einer früheren Beziehung. Und sie ist voll berufstätig in der Kita Timmersiek. „Ich bin hart im Nehmen“, beschreibt sie sich. Ihre halbseitige Lähmung stehe ihr weder privat noch bei der Arbeit im Weg. Im Kita-Alltag gehört sie vollwertig dazu. „Sie übernimmt alle Aufgaben, die die anderen auch machen“, sagt ihre Chefin. Wie ist das möglich? „Ich habe gelernt, alles mit der links zu machen“, erklärt Annika Damman. Wickeln, Schuhe und Strümpfe anziehen, die Jacke schließen oder kochen, das sei alles kein Problem. Auch Auto fährt sie seit zwölf Jahren – mit einem eigens für sie umgebauten Wagen. Nur wenn sie neue Schuhe braucht, hat sie einen Nachteil, denn sie muss zwei Paare in verschiedenen Größen kaufen. „Mein rechter Fuß ist 36, mein linker 39 Zentimeter lang. Ich werfe dann einen Schuh von jeder Größe weg.“ Die junge Mutter weiß, dass weitaus nicht jeder mit einer Behinderung ein Leben wie sie führen kann. „Man braucht Willensstärke und eine Familie, die einen immer unterstützt – und eine ordentliche Portion Sarkasmus.“

Zum morgigen Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung will sie darauf aufmerksam machen, dass man mit einer Einschränkung auf die eigene Art und Weise am Leben teilnehmen kann und nicht benachteiligt werden sollte. „Die Gesellschaft macht uns behindert“, sagt Annika Dammann mit entschlossenem Blick. Ihre Kolleginnen in der Kita Timmersiek und die Eltern ihrer Schützlinge nehmen sie so, wie sie ist. Die Kinder sowieso.

Anderen Mut machen, das ist das Ziel der fröhlichen 30-Jährigen. Mit einer Hand zieht sie dem kleinen Jascha die Jacke an – und schickt ihn dann zu den anderen Kindern nach draußen.

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