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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Navigationsschule: Wo Seeleute ihr Handwerk lernen

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1877: Flensburg wird als maritimer Ausbildungsstandort immer wichtiger und bekommt schließlich eine eigene Navigationsschule.

Flensburg | Die Stadt der Schifffahrt und der Schiffsausrüstung – mit diesem Ruf war Flensburg über viele Jahrhunderte bekannt. Kaufleute ließen ihre Waren in viele Länder verschiffen, und die Kapitäne sorgten dafür, dass sie am richtigen Ort ankamen. Das war zur damaligen Zeit kein Kinderspiel. Schließlich gab es noch keine Navigationsgeräte, die die Mannschaft auf elektronischem Wege zum Zielort führte. Für die Seeleute war die Navigation eine jahrhundertelange Herausforderung. Sie wurden von Kapitänen unterrichtet, die ihr Wissen weitergaben. Doch der Ruf nach einer richtigen Ausbildung wird lauter. Flensburg fehlte dafür eine Schule, wie es sie schon auf der Insel Föhr Ende des 18. Jahrhunderts und in Tönning gab. Diese Navigationsschule wurde im Jahr 1877 gegründet. Sie bildet die Keimzelle der Fachhochschule Flensburg, die maritime Wurzeln hat.

Bis dahin war es ein langer Weg. Flensburgs Lebensnerv hing seit vielen Jahrhunderten an der Seeschifffahrt. Im 16. Jahrhundert löste sich die Stadt von der wirtschaftlichen Vormacht Lübecks – während der Einfluss der Hanse stetig abnahm – und stieg zur größten Handelsstadt der dänischen Krone mit etwa 200 Schiffen auf. Die Waren der Kaufleute gingen in verschiedene Gebiete, zunächst ab 1700 ins Mittelmeer, ab 1756 auch über den Atlantik. Die Seefahrt war ohne Navigation beschwerlich, die Seeleute orientierten sich an Leuchttürmen oder Kartenmaterial. Für die Hochseeschifffahrt richteten sie sich nach der astrologischen Navigation. Dabei wurde der Winkel zwischen dem Horizont und der Sonne (oder einem anderen Gestirn) mit einem Sextanten gemessen.

Ihr Wissen und ihre Erfahrungen gaben Kapitäne über Jahrhunderte weiter. Wind- und Wetterkunde, Klimatologie, Seeschifffahrtsgebietskunde – in diesen Bereichen musste ein Seemann fit sein. Diese Ausbildung fand meist auf längeren Reisen an Bord der Schiffe statt. Als Lehrwerk wurde deutsches und niederländisches Material benutzt, später schrieben die Navigationslehrer ihre Bücher auch zum Teil selbst.

Die Wende brachte eine staatliche Navigationsschule, die 1647 in Kopenhagen errichtet wurde. Das hatte zur Folge, dass alle Seeleute, die von Kapitänen im Privatunterricht ausgebildet wurden, eine Steuermanns-Prüfung ablegen mussten. Trotzdem besuchten nicht alle Seeleute die Schule in Kopenhagen, schließlich gab es in Flensburg viele erfahrene Kapitäne und Steuerleute, die in den Wintermonaten privaten Unterricht gaben. Lediglich für die Abschlussprüfung mussten die Navigationsschüler nach Kopenhagen oder Tönning reisen.

Seit 1802 galt Schleswig-Holstein-weit: Eine Steuermanns-Prüfung ist Pflicht. Vorher wurden Kapitäne ohne Zeugnis und nur durch das Vertrauen des Reeders eingestellt. Die Zeiten ändern sich.

Doch nicht nur mit der Navigation, sondern auch mit dem Seerecht mussten sich die Seeleute auseinander setzen. Hinzu kamen die Rechte und Pflichten an Bord. Unter der Besatzung, die den Befehlen des Steuermanns und des Kapitäns gehorchte, waren nicht selten Verbrecher. Mitte des 19. Jahrhunderts schloss die Tönninger Navigationsschule. Die beiden Lehrer Michael Thobüll und Jan Hinrich Cannich siedelten 1850 nach Flensburg, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Damit leiteten sie die entscheidende Phase in der Entwicklung des Flensburger Navigationsschulwesens ein. Cannich kam in der heutigen Neustadt 9 beim Bierbrauer Christian Schmidt unter, Thobüll zog beim Kaufmann Johann Heinrich Lorenz Lassen in der Schiffbrücke 45 ein. Dort boten sie ihren Unterricht an, bis ihnen 1853 das Gartenhaus der Gaststätte „Colosseum“ an der Großen Straße zur Verfügung gestellt wurde – die erste richtige Navigationsschule der Stadt. Cannich galt als anerkannter Navigationslehrer und durfte ab dem 10. März 1864 im Herzogtum Schleswig Prüfungen abnehmen.

Zwei Jahre später bekam die Navigationsschule ein neues Lokal in der Schiffbrücke 244 (heute 45) und Thobüll übernahm nach dem Tod Cannichs am 9. Dezember 1866 die Leitung. Zu dieser Zeit nahm die Zahl der Schüler stark ab – eine Folge des Endes der Grönland-Fahrt und der schwierigen deutsch-dänischen Grenzverhältnisse nach dem Krieg. Als sich 1870 der preußische Staat (Flensburg ist seit 1867 preußisch) einschaltete, wurde die bis dahin private Schule zu einer staatlichen Einrichtung. 1871 besuchten zwölf Schüler die Bildungseinrichtung, zehn davon bestanden das Obersteuermannsexamen. Ein Jahr später verdoppelte sich die Zahl. Die Ausbildung wurde wichtiger denn je. So begann 1874 der Bau eines neuen Gebäudes am Munketoft. Drei Jahre danach, im Oktober 1877, war es soweit: Die Königliche Navigationsschule wurde gegründet.

Heute ist wird das Gebäude als Außenstelle von der Europa-Universität genutzt. Das internationale Institut für Management und ökonomische Bildung sowie der Fachbereich für Energie- und Umweltmanagement werden dort betrieben. Außerdem ist dort das Berufsbildungsinstitut Arbeit und Technik ansässig.

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erstellt am 21.Feb.2015 | 18:48 Uhr

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