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Unterwegs mit der Berufsfeuerwehr : Nachtschicht: Die Anspannung schläft immer mit

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Für eine Reportage-Reihe begleitet das Tageblatt Flensburger, die, die spätabends und nachts arbeiten. Heute: Berufsfeuerwehr

shz.de von
erstellt am 15.Okt.2014 | 16:32 Uhr

Flensburg | Die Frau fährt vor Schreck fast in den Graben. Erst im letzten Moment lenkt sie ihr Auto kurz vor dem Ortseingang Weiche an den Straßenrand, als der Einsatzwagen mit eingeschaltetem Blaulicht und Martinshorn hinter ihr auftaucht.

Zehn Minuten zuvor: Arno Lenger sieht in der Halle mit den Einsatzfahrzeugen am Munketoft nach dem Rechten. Es ist 18.20 Uhr, die Nachtschicht hat vor 20 Minuten begonnen. Lenger weiß nicht, was ihn in den nächsten 13 Stunden erwartet. Eine Brandserie wie in Schleswig im August? Schwerer Verkehrsunfall auf der Bundesstraße? Eine ruhige Nacht mit keinem Einsatz? Alles ist möglich. Feuerwehrmann Dennis Lübker sagt: „Bleibt die Nacht ruhig, dann geht es mir gut, weil ich weiß ich, dass es den Flensburgern gut geht.“

Alarm. Die Leitstelle aus Harrislee meldet: „Ein Lkw hat 600 Liter Diesel verloren, der Großteil ist in die Kanalisation geflossen.“ Auf einem Hof in Weding. Arno Lenger, 55, fackelt nicht lange. Lenger ist Wachhabender, eine Art Einsatzleiter. Er springt auf, informiert seine herbeigeeilten Kollegen und verlässt mit dem Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug II (HLF II) das Gelände am Munketoft Richtung Weding. „Die Kollegen der Freiwilligen Feuerwehr sind schon vor Ort, haben uns aber um Hilfe gebeten, weil sie das Öl nicht aus der Kanalisation gepumpt bekommen“, sagt Lenger unterwegs. Er hat es eilig. Das merkt die Frau im Auto vor dem HLF. Erst im letzten Moment lenkt sie ihr Auto kurz vor an den Straßenrand.

Penetranter Dieselgeruch. Schlimmer als auf einer Tankstelle. Arno Lenger und seine Kollegen stört das wenig. Jeder weiß sofort, was er zu tun hat. Wedinger Feuerwehrleute verteilen mit Schaufeln kiloweise Sandgemisch großflächig um den Lkw herum. Christian Hoffmann-Timm beginnt mit dem Abpumpen des Öl-Wassergemischs aus dem Abfluss. Arno Lenger geht mit Wedinger Feuerwehrleuten über das Gelände. Entwarnung. „Das Öl ist noch nicht weit gekommen und nur an der einen Stelle in der Kanalisation.“ Hoffmann-Timm pumpt weiter.

Die Ungeduld steigt. Dennis Lübker, 32, wirft einen kurzen Blick in den Backofen. „Man, hab’ ich Hunger.“ Noch sind die zahlreichen mit Käse überbackenen Baguettes nicht fertig. Die Uhr zeigt Viertel vor neun, Zeit fürs Abendbrot. „Wir essen gern zusammen.“ Die Zeit zum gemeinsamen Kochen fehle, aber Lübker hat die Baguettes für sich und sechs weitere Kollegen belegt. Die meisten von ihnen sind vor einer guten halben Stunde vom Einsatz aus Weding zurückgekehrt. Lübker nicht. Er blieb in Flensburg, hatte bis zu Beginn des Bereitschaftsdienstes um halb acht Unterricht. So nennen die Feuerwehrleute ihre gut 60-minütigen, meist praktischen Fortbildungskurse, die zu Beginn der Nachtschicht an vier Tagen in der Woche reihum von je einem Kollegen geleitet werden. „Da wird Spezial-Wissen aufgefrischt und vertieft, damit im Ernstfall alle Abläufe wie automatisch greifen“, erläutert Wachabteilungsleiter Marco Bayer.

„Wie hast du jemals die Laufprüfung beim Aufnahmetest geschafft?“, feixt ein Feuerwehrmann an einen anderen gerichtet. Gelächter. Der Umgangston ist sehr locker. „Wir können nicht die gesamte Schicht über todernst rumlaufen“, sagt Lübker, den alle nur „Lübbi“ nennen. „Wir stehen während des Dienstes dauerhaft unter einer gewissen Anspannung. Durch die Späße bauen wir ein Stück weit Stress ab.“ Zumindest solange, bis die Funkmelder Alarm auslösen.

Zu acht sitzen sie in ihrer dunkelblauen Arbeitskluft um die Tischreihe herum im Aufenthaltsraum. Eine Nachtschicht besteht aus 22 Feuerwehrmännern – zehn im Löschzug, zwölf im Rettungsdienst. Frauen gibt es bei der Berufsfeuerwehr keine. „Die meisten von ihnen scheitern beim Sporttest“, sagt Bayer. „Im Einsatz sind die Bedingungen für alle gleich, das gilt daher auch für den Einstellungstest.“

„Pling!“. Die Cola-Flasche ist offen, der Kronkorken landet auf dem Tisch. Dennis Lübker nimmt einen Schluck. Sich krampfhaft wachhalten, muss er nicht. „Wenn ich müde werde und kein Einsatz kommt, lege ich mich hin.“ Für jeden der Feuerwehrleute steht ein Bett bereit. „Aber im Dienst schläft keiner gut.“ Die Anspannung löst sich nicht beim Schlafen. „Daher machen viele ältere Kollegen ungern Nachtdienst, das schlaucht sie zu sehr“, sagt Arno Lenger.

Totenstille auf dem Flur mit den Bettzimmern. Es ist 1.30 Uhr, mitten in der Nacht. Mit Andre Möhrken, genannt „Möhrchen“, und Dennis Lübker sind die letzten Feuerwehrleute um kurz nach Zwölf schlafen gegangen. Es ist eine ruhige Nacht. Bislang. Andra Lorenzen schläft trotzdem nicht.

Lorenzen, 21, Rettungsassistentin bei der Berufsfeuerwehr, sitzt allein im Fernsehraum. Und wartet – auf den nächsten Einsatz. „Für das Privatleben ist der Nachtdienst hart, in der Freizeit habe ich mittlerweile fast nur noch mit Kollegen aus dem Job zu tun.“ Nicht jeder habe Verständnis dafür, wenn sie nach einer Nachtschicht bis nachmittags schlafe. Von Ausschlafen könne nicht einmal die Rede sein. „Tagsüber schläft man schlechter“, sagt sie. „Manchmal frage ich mich, warum ich das mache und nicht tagsüber im Büro sitze.“ Es ist die Freude am Helfen, die sie antreibt. Genau wie die Feuerwehrleute.

„Pieeep!“ Andra Lorenzen schaut kurz auf ihren Funkmelder. „Nächster Einsatz.“ Aber nicht für die Löschgruppe um Dennis Lübker. Er bekommt dadavon nichts mit. Ihm geht es gut, auch am nächsten Morgen. Kein Nachteinsatz. Den Flensburgern geht es gut.

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