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Verkehrserziehung : Nach 20 Jahren: Aus für Verkehrs-Test

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Viele Schulen halten sich nicht an die Landes-Vorgaben zur Verkehrserziehung. Keine Prüfung mehr für Neuntklässler.

shz.de von
erstellt am 16.Mär.2015 | 17:15 Uhr

An den Mai denkt Markus Witt nur ungern. Denn der Verkehrserziehungswettbewerb der 9. Klassen, der seit über 20 Jahren stattfindet, fällt erstmals aus. Doch für Witt, Kreisfachberater für Verkehrserziehung, ist das nur die Spitze des Eisbergs: „Die Verkehrserziehung von Schülern hat ein Stiefmütterchendasein und ihr wird auch weiterhin wenig Platz eingeräumt.“ Jüngstes Beispiel: der Wettbewerb für die Neuntklässler, der aus einem Fragebogen und einem Praxistest im realen Verkehrsgeschehen besteht. „Da der Sponsor abgesprungen ist, will das Kieler Bildungsministerium den Wettbewerb nicht ausrichten.“

Dabei räumt das Land der schulischen Verkehrserziehung einen hohen Stellenwert ein: Im Lehrplan sind für die Jahrgangsstufen 1, 4, 5 und 9 jeweils 20 Unterrichtsstunden jährlich dafür vorgesehen, in den Klassen 2, 3, 6, 7, 8 und 10 jeweils zehn Stunden. In der Oberstufe „obliegt die Anzahl der der dafür verwendeten Unterrichtsstunden der Schule“, heißt es wörtlich im Lehrplan.

„Die Verkehrserziehung ist in der Grundschule in den Heimat-, Welt- und Sachkunde-Unterricht eingebettet“, sagt Patricia Zimnik, Sprecherin des Bildungsministeriums. „In weiterführenden Schulen soll sie bedarfs- und projektbezogen mit Polizei, Verkehrswacht, dem Kreisfachberater oder anderen Partnern erfolgen.“ Diese Version stützt Schulrat Hans Stäcker: „Meistens ist Verkehrserziehung an die Klassenleitung angebunden und es werden Konzepte umgesetzt, dass ganze Tage Verkehrserziehungstage sind.“ Zumindest in der Theorie, denn für die Praxis zeichnet Witt ein anderes Bild. Der 46-Jährige fungiert seit 15 Jahren als Kreisfachberater, die letzten elf davon in Flensburg. Er sagt: „Tatsächlich kommen nur einige wenige weiterführende Schulen diesen Landes-Vorgaben nach.“

Dies bestätigt der Flensburger Polizeisprecher Matthias Glamann. „Bislang gab es keine weiteren Angebote der polizeilichen Prävention in weiterführenden Schulen mit dem Ziel der Verkehrserziehung.“ Die Polizei würde nur auf Anfrage der Schulen hin aktiv werden.

Aber warum rühren die sich nicht? Da muss Witt mit den Schultern zucken. Aus Einzelgesprächen mit Lehrern wisse er, dass mangelnde Zeit und dadurch entfallender Unterricht als Gründe angeführt werden. Dem widerspricht Glamann indirekt: Präventionsangebote der Polizei, etwa zu Drogenmissbrauch oder Deeskalation, werden von weiterführenden Schulen „gern angenommen und erfahren einen starken Aufwind“.

Auch Witt, selbst Lehrer an der Eckener-Schule, lässt keine Ausreden gelten: „Gerade bei Schülern ab der 5. Klasse steigen die Unfallzahlen signifikant an.“ Das belegen auch die Unfallzahlen der Polizei Flensburg.

Deren jüngste Zahlen stammen von 2013, in dem es 36 gemeldete Verkehrsunfälle mit Kindern (bis einschließlich 14 Jahre) gab, 2012 waren es 39. Knapp die Hälfte der Unfälle entfiel in beiden Jahren auf die Gruppe der 10- bis 14-Jährigen. Witt: „Die Quote liegt erfahrungsgemäß aber zwei- bis dreimal höher.“ Das sei noch relativ wenig. „Sobald ein gravierender Unfall passiert, ist das Geschrei groß.“

Daher appelliert er an die Schulen. Das Problem dabei: Seit rund zwei Jahren ist es Aufgabe der Lehrer, die Viertklässler auf die praktische Fahrradprüfung vorzubereiten, um so die Polizei zu entlasten. „Aber die meisten Lehrer hatten nie Verkehrsunterricht und sind damit oft überfordert.“ In dem Punkt will Witt mit der Deutschen Verkehrswacht Abhilfe schaffen: Für die Lehrer wurde eine 63 Seiten dicke Broschüre entworfen, die praktische Anleitungen für die Verkehrserziehung und eine dazu passende CD-Rom enthält. „Sie soll vor den Sommerferien an den Schulen verteilt werden“, sagt Witt.

Auch für den wegfallenden Verkehrswettbewerb der Neuntklässler soll es Ersatz geben: „Mit ADAC, ADFC und meinen Kollegen von der Landesverkehrswacht suche ich derzeit nach Lösungen mit Wettbewerbscharakter.“ Aber das dauere noch, vermutlich bis zum Sommer. Daher denkt Markus Witt weiterhin nur ungern an den Mai.

 

 

 

 

 

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